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Marburg Kurioses aus der Feuerwehr-Einsatzleitung
Marburg Kurioses aus der Feuerwehr-Einsatzleitung
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06:00 26.11.2018
Symbolfoto Feuerwehr. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Er hat sich geziert. Freunde und Familie mussten auf ihn einreden. Irgendwann willigte er ein, der gelernte Lkw-Schlosser: Ja, dann wechselt er halt den Arbeitgeber, probiert es bei den städtischen Brandschützern mal aus. So war das damals, Mitte der 1970er-Jahre: So richtig begehrt war das Feuerwehrmann-Dasein nicht. Und auch Bernd Hahn sprühte damals nicht vor Elan, spürte keine Motivation, die 36 Jahre lang anhalten und ihn bis zur Pensionierung begleiten sollte. „Plötzlich war es das Jahr 2014 und ich war immer noch dabei. Hätte ich nie gedacht“, sagt er und scrollt mit dem Mauszeiger über den Computer-Bildschirm.

Zwei Klicks später liegen sie vor ihm, die Erinnerungen an fast vier Jahrzehnte Feuerwehr-Beruf. Es sind Dutzende Einsatzberichte, die er in seiner Funktion als Einsatzleiter tippte. Keine, die von Tod und Elend, womit Rettungskräfte so oft konfrontiert sind, handeln. Vielmehr ist es eine Sammlung von Schmunzlern, von absurden Alarmierungen, kuriosen Einätzen. „Nach über drei Jahrzehnten Dienst auf einer Feuerwache wundert man sich grundsätzlich über gar nichts mehr“, sagt er.

Es habe Notrufe der absurdesten Art gegeben – manche waren nur Scherze, andere erwiesen sich als echt. Notrufe wie jener, als am Ortsrand von Niederwalgern eine Kuh auf einem Haus stand. Auszug aus Hahns Einsatzbericht: „‚Fahr mal mit dem Kran hin, da steht ein Rind auf dem Dach‘“ hieß es von der Leitstelle. ‚Verarschen kann ich mich alleine‘, entgegnete der Kollege. Doch dann vor Ort, in der Tat: Durch ein Garagendach ragten vier rotbunte Beine, ansonsten war von dem Tier nichts zu sehen. Erst oben auf dem Dach war das ganze Ausmaß der Kuhtragödie sichtbar. Das Tier hing zwischen den Sparren und konnte sich nicht bewegen, da die Fortbewegungswerkzeuge haltlos in der Luft baumelten.

Feuerwehr holt die Kuh vom Dach

‚Wie in aller Welt ist das Vieh bis nach hier vorne gekommen? Die Garage ist mindestens zwölf Meter lang.‘ Das Rindvieh muss die Distanz zwischen Weide und Garagendach übersprungen haben. Die Landung auf dem Dach war schon ein Meisterwerk welches seinesgleichen in der Tierwelt suchen könnte, das Rind hatte bei der wohl absolut punktgenauen Landung mit allen vier Hufen einen Sparren getroffen, das war klar erkennbar an den einzelnen Löchern in der Dachhaut. Erst nachdem es bis ganz ans Ende des Dachs gelaufen war, brach es ein.

Dann die Rind-Rettung: Ein Tierarzt riet, wir sollten ein Seil um die Hörner des Tieres binden und es am Kopf herausziehen. Das war der Moment, in dem ich mich in meiner Feuerwehrmannehre bis auf’s Tiefste getroffen fühlte. Nein, das Tier werde vernünftig angeschnallt, entgegneten die Feuerwehrmänner. Der Tierarzt zog sodann eine betäubende Spritze auf und verpasste sie dem Tier.

Um das Tier wurden Schlingen gelegt, eine hinter die Vorderläufe, eine vor die Hinterläufe. Der erste Hebevorgang scheiterte, der zweite lief besser. Aber: Ein Feuerwehrmann steuerte die Hydraulik des eingesetzten Kranes voll ein. Das Rind bewegte sich in rasender Geschwindigkeit gen Himmel. Vor Schreck ließ der Kranführer die Steuerhebel los, sodass der Kran sofort stoppte: Und oben begann sich die Kuh in unglaublicher Geschwindigkeit zu drehen. Nachdem die Last ausgedreht war, schwebte das Tier zu Boden. Monate später betrat ein Mann die Marburger Feuerwache und berichtete, dass das Rind sich sehr schnell erholt und auch ein Kalb gesund zur Welt gebracht habe. Also retteten wir in Niederwalgern zwei Tiere.“

„Ein Einsatz mit unserer Großväter Mittel“

Eine Kuh spielte auch bei einem anderen Einsatz die Hauptrolle: Am Alten Kirchhainer Weg fiel ein Tier in ein drei Meter tiefes Erdloch. Auszug aus Hahns Einsatzbericht: „Dreibock, Greifzug, Steckleiterteile, Umlenkrolle, Leinen und Anschlagmittel: Alles wurde 150 Meter von den Fahrzeugen zum Loch geschleppt – und es begann ein ‚Feuerwehreinsatz mit Mitteln unserer Großväter‘. In der Nacht des voran gegangenen Tages waren in der Nähe des Anwesen ‚Alter Kirchhainer Weg 50‘, aus einer alternativen Tierhaltung Rinder und Kälber ausgebrochen.

Die Tiere liefen im Bereich Hansenhäuser/Kaffweg herum und konnten fast alle in der Nacht eingefangen werden, bis auf eines. Dieses Tier irrte in der Umgebung umher und kam über den Kaffweg/Schubbelackerweg in den Garten der Familie – die sich erst am nächsten Nachmittag über den ortsfremden Geruch von Kuhmist verwunderte. Da stand es dann, das Tier, das bei dem anstehenden schweißtreibenden Rettungseinsatz betäubt wurde – mit aller Muskelkraft hievten die Feuerwehrleute das Rind an die Oberfläche – dann ‚begann es aufzubegehren‘.

Einem Handgriff eines Tierarztes war es dann zu verdanken, dass das Tier zur Ruhe kam und nicht zum zweiten Mal in die Tiefe stürzte.“ „Das war ein Aggressions-Abbau-Loch eines Künstlers, dass er in jahrelanger Arbeit in den Boden gehauen hat, da waren unzählige zerklopfte Steine. Ich konnte mich vor Lachen kaum einkriegen“, sagt Hahn.

Aus Selbstschutz: Fokus auf die Kuriositäten

Der Marbacher ist ein Spaßvogel – aber er kann auch seriös. „Zu den ganzen schlimmen Sachen, die im Laufe der Zeit passiert sind, will ich einen riesen Abstand halten. Für Verkehrsunfälle etwa war das damals eine entsetzliche Zeit, ich habe heute noch Tränen in den Augen wenn mir manche Erinnerungen kommen“, sagt er. Bei Rettungseinsätzen habe er stets vermieden, die Opfer – egal ob tot oder lebendig – genauer anzusehen. Er erinnere sich an kein Gesicht, keinen Namen. „Aus Selbstschutz“, sagt er. Fokus also auf die Kuriositäten, von denen es so einige gegeben habe. Davon zeugen Dutzende Dateien, die auf seiner PC-Festplatte gespeichert sind.

Die Lust am Schreiben liege in den Genen, in der Familie sei das Texten immer schon verbreitet gewesen. Und da die alten Kollegen auf den Feuerwachen sich bei der Lektüre der Hahn’schen Einsatzberichte oft amüsierten, trug er sich zuletzt mit dem Gedanken, die gesammelten Werke in einem Buch zu veröffentlichen. Denn die Rinder-Rettungen sind nur zwei von mindestens zwei Dutzend bemerkenswerten Einsätzen.

von Björn Wisker

Weitere Geschichten aus der Feder von Bernd Hahn

Brennt PKW Vordach Calvinstraße“

Das war die Alarmdurchsage, soweit so gut. Die Jungs waren unsicher ob nun ein Fahrzeug brenne oder nicht und riefen „Wollen wir das 24/50 mitnehmen“ ich rief „Nein ist ja kein PKW sondern ein Carport, wir nehmen die DL mit“.

Wie richtig ich mit dieser Entscheidung lag sollte sich erst später zeigen. Die Gedankengänge beim Ausrücken, Calvinstraße, liegt irgendwo am Schlossberg, eher schlecht mit den großen Autos, aber schaun mer mal. Wie immer wenn man nicht so ganz genau weiß wohin die Reise geht, das suchen in der Straßenkartei zu lange dauert, dreht man sich herum zu den Kollegen und fragt „wo ist denn die Calvinstraße genau“ Antwort „hinter der komischen Kurve am Rotenberg rechts rein“. Ah ja wusste ich’s doch. Dass es eng werden würde war klar aber alle hatten vergessen, dass die Einfahrt in diese Straße fast parallel neben dem Rotenberg liegt, beide Straßen sehr steil sind (gegenläufig) und mit einfach nach rechts in die Straße einbiegen mit unseren Fahrzeugen nicht möglich war.

Ich stellte die Maschinisten vor die Wahl entweder an der nächsten Grundstückseinmündung zu drehen um dann vorwärts die Calvinstraße hochzufahren, oder gleich rückwärts in die Straße einzufahren. Der Maschinist des HTLF wählte das drehen an der nächsten geeigneten Stelle, der DL Maschinist zog es hingegen vor rückwärts in die Straße einzufahren.

In Anbetracht der nun doch etwas längerfristigen, komplizierten Anrücke entschloss ich mich, trotz meines reifen Alters, zu einer fußläufigen Erkundung.

Diesen mutigen Entschluss bedauerte ich ein klein wenig später, da die Einsatzstelle am oberen Ende der Straße lag und ich nicht nur über die vorgefundene Einsatzlage sprachlos war. In der hälfte des Weges macht die Straße einen spitzwinkligen Knick, dort angekommen erwarteten mich schon winkende Jugendliche und eine völlig andere Einsatzlage als jene die ich vermutet hatte.

Statt eines Carportes oder vielleicht doch eines brennenden Fahrzeuges wurde ich eines brennenden Terrassenvordaches ansichtig welches in Höhe des 2. OG lag, vom Straßenniveau war es gar mindestens das 3. oder 4. OG. Es war zwar nur eine Mütze voll Feuer, aber ich dachte mir nur gut dass wir die Leiter mitgenommen haben. Auf den letzten hundert Meter Anmarsch zur Einsatzstelle begleitete mich eine junge Frau die mir die vorausgegangenen Ereignisse schilderte. Demnach hatte ein Bewohner des Heimes (es sind dort Jugendliche untergebracht die einer qualifizierten Betreuung bedürfen) mit Papier gezündelt, von der Heftigkeit des Feuers überrascht, warf er das brennende Papier aus einem Dachfenster.

Das Feuer landete zunächst auf einem Ziegeldach, sodann auf einem Kunststoffvordach im 1.OG und entzündete es. Löschversuche der Bewohner mit einem Pulverlöscher schlugen fehl und so wurde die Feuerwehr um Hilfe gerufen. Der dabei abgesetzte Notruf der problematischen Jugendlichen war derart konfus sodass die oben angeführte Alarmdurchsage herauskam. Über Funk gab ich den Kollegen eine kurze Lagebeschreibung was zur Frage führte „DL zuerst oder HTLF zuerst. Ich hatte einen Innenangriff über den Balkon geplant und so fuhr der HTLF als erster ein. Der Angriffstrupp ging mit einem Rohr vor und konnte das Feuer in kürzester Zeit löschen. Die Drehleiter ging parallel dazu in Stellung. Da das Feuer an der Dachtraufe war konnte mit Hilfe der Leiter und der Wärmebildkamera ausgeschlossen werden dass das Feuer in den eigentlichen Dachstuhl gelaufen war.

Nachdem die Einsatzmittel verladen waren scherzten wir noch ein klein wenig über die abgefragte und die vorgefundene Lage, das Herausfahren aus der Calvinstraße gestaltete sich genau so schwierig wie das hereinfahren, wir wählten die Formation "rückwärts".

"Die Mensa brennt"

In einer lauen Sommernacht hatte ich Nachtdienst in der Zentrale, in jener Zeit ebenerdig im Hauptgebäude. Der Name war noch Florian Marburg der Name „Leitstelle“ war noch ein unbekannter Begriff, der „Disponent“ war noch ein Zentralist und im Landkreis wurden die Feuerwehren noch teilweise mit Kirchenglocken alarmiert.

Es war die Zeit der Ruhe in der Zentrale, Schlafen war nicht ausdrücklich verboten aber auch nicht ausdrücklich erlaubt. Als junger Feuerwehrmann war ich meiner Verantwortung bewusst und so kam schlafen für mich nicht in Frage. Das Radio lief, es war ein kollektiv beschafftes Stereo Autoradio von Philips, die Kugellautsprecher waren unter dem Funktisch angebracht. Fernsehen gab es in der Nacht noch nicht, ebenso war das Videogerät noch nicht erfunden. Die Zeit, oder den Schlaf vertrieb man mit lesen. Das Radio lief leise nebenbei und in die Stadt war nächtliche Ruhe eingekehrt.

Ein knackendes Geräusch ließ mich von meiner Lektüre aufblicken. Was ich sah ließ mich an mir selber zweifeln. Ich stellte fest, dass, meinem Arbeitsplatz gegenüber, die Mensa brennt.

Nun ist ja ein Zentralist gewohnt. das man ihn anruft wenn es brennt, aber sich selbst ein Feuer melden ist schon eher ungewöhnlich. Und so kam ich in Zweifel. Ich drehte mich um schritt in der Zentrale auf und ab und dachte das ist bestimmt ein Nachtdienstkoller. Als ich meinen Blick wieder zur Mensa wendete, brannte es immer noch. Meine Zweifel waren aber immer noch nicht ausgeräumt, der Notruf schwieg und so beschloss ich den Kollegen Wilke anzurufen, der schräg gegenüber mit Blickrichtung Mensa im Wohnhaus der Feuerwache wohnte.

Der Dialog war folgender: „Wilke“ ich sage „Dicker (Spitzname) guck mal aus dem Fenster , ich glaube die Mensa brennt“.

Es war Nacht, der Mann lag noch vor 1 Minute im warmen Bett und so waren die Worte äußerst knapp er sagte „Ich gucke mal“. Kurze Zeit später „Ich glaube Du spinnst, ich sehe nix“ darauf wieder ich „Ich hab doch keinen Nachtdienstkoller guck noch mal“. Kurze Zeit später das gleiche wieder „Ich sehe nix“.

Nun war es um mich geschehen, hin und hergerissen zwischen der Aussage meines Kollegen und der eigenen Wahrnehmung, das Feuer brannte immer heller, entschloss ich mich, eine Blamage in Kauf zu nehmen, und für das Wohnhaus einen Hausalarm zu machen. Ich hatte den Hausalarm kaum gemacht, klopfte es draußen am Fenster. Dort stand der allseits bekannte Stadtstreicher, der von allen Fuzzy gerufen wurde und mit Namen Simon W.l hieß (den wirklichen Namen erfuhr ich später vor Gericht). Er erklärte ganz aufgeregt man habe einen Brandanschlag auf ihn verübt. Das lebensbedingt ungepflegte Äußere des Mannes war in einem noch Erbarmungsunwürdigem Zustand, alle Haare, Augenbrauen und der Bart waren angesengt.

Zur Erklärung: der angestammte Schlafplatz des Simon W. war die Anlieferungsrampe der Mensa. Hier waren allerlei Kartonagen gelagert, in denen er wohl ausreichend bequem nächtigen konnte. Auch wurde die ein oder andere Leckerei, von den um die Umstände wissenden Bediensteten der Mensa, für Fuzzy dort abgelegt.

In der Zwischenzeit liefen die von mir alarmierten Hausbewohner in den neben der Zentrale liegenden Spinde Raum um sich die Einsatzkleidung anzuziehen.

Während des Umziehens rief mir Kollege Wilke zu „Ich habe zum Schlafzimmerfenster rausgeguckt und deshalb nichts gesehen“. Konnte er auch nicht, den das Ereignis war an der Frontseite der Mensa, um das Feuer sehen zu können, hätte er an das Wohnzimmerfenster gehen müssen. Ich war nun heilfroh dass mir andere bestätigten, dass es auch wirklich brenne.

Zwischenzeitlich wollte der immer noch anwesende Stadtstreicher eine Zigarette von mir abkaufen. Ich war nun froh, die Sache mit Anstand angeschoben zu haben und spendierte ihm eine ganze Handvoll Zigaretten.

Das Feuer war schnell gelöscht, jedoch, nachdem der Hausmeister das Haus geöffnet hatte, konnte das ganze Ausmaß des Schadens in Augenschein genommen werden. Der Brandrauch war durch einen offenen Kanal, durch den die Fleischhängebahn führte, ins Gebäudeinnere gelangt, der Schaden betrug seinerzeit 2 Millionen DM. Das Gebäude musste grundsaniert werden. Seitdem ziert nächtens ein Rolltor die Anlieferungsrampe der Mensa, Simon musste sich einen neuen Schlafplatz suchen.

Das ganze hatte ein gerichtliches Nachspiel bei dem ich als Zeuge aussagen durfte (in vollem Ornat, rein dienstlich), demnach hatte Fuzzy in seinem Pappkartonbett geraucht und ist dabei eingeschlafen.

In den nächsten Jahren war er noch mehrere Male Kunde von uns, denn er zündelte gerne. Sein Ende war nicht schön, er wurde eines Morgens, erstochen in seiner Bleibe aufgefunden.

Den Mord hatte ein anderer Stadtstreicher wegen einiger Flaschen Bier begangen.

"Das Schaf auf der Wache"

Es war in den siebziger Jahren auf der Feuerwache arbeiteten noch nicht allzu viele Leute

Die Arbeitszeit begann um 07:00 Uhr. Als erstes stand oder saß man in der Zentrale und hielt das übliche morgendliche Schwätzchen. Bis die Arbeit begann konnte schon mal eine Zeit vergehen, je nachdem was am Vortag oder in der vorigen Nacht alles passiert war.

Es war gegen 07:30 als der damalige Atemschutzgerätewart Udo Diekmann durch den Betrieb lief und laut rufend verkündete „Hinter der Atemschutzwerkstatt steht ein Schaf“.

Glauben wollten wir es nicht, mitten in der Stadt in der Nähe der Autobahn ein Schaf, verrückt. Und so wandelten die Kollegen in die Atemschutzwerkstatt um sich von der Behauptung zu überzeugen! Und in der Tat hinter der Werkstatt weidete in tiefstem Frieden ein gut genährtes Schaf.

Zu dieser Zeit hatten wir zu Hause selber Schafe welche die steilen Hänge unserer Sippengrundstücke grasfressender Weise pflegten. Der allgemeine Tenor war deshalb „Bernd du musst das machen, du kennst dich doch mit den Viechern aus“.

Ich war damals Mitte zwanzig konnte und wusste alles, wie das in diesem Alter so üblich ist. Ein Plan wurde geschmiedet. Demnach sollte eine menschliche Kette gebildet werden der es dem Schaf unmöglich machen sollte zu fliehen. Das war auch einleuchtend, den auf der einen Seite war das Gebäude und auf der anderen Seite ein robuster Zaun, dazwischen die drei Meter breite Grasfläche auf der das Schaf weidete. Und getreu dieser Taktik begann sich die Kollegenschar schon vor der Hausecke zu formieren, denn man wollte dem Schaf ja keine Chance zur Flucht lassen. Frohen Mutes, den sicheren Sieg in der Tasche glaubend, setzte sich die aus dem militärischen bekannte Schützenreihe, hier zur Abwechslung mit Feuerwehrleuten bestückt, in Richtung Schaf in Bewegung. Meine Wenigkeit vorne weg, denn ich sollte ja das Tier fangen, die anderen wollten sichern.

Als das Schaf nun die illustre Schar dunkel gekleideter Männer auf sich zukommen sah witterte es nicht gutes, guckte ansonsten blöd wie das Schafe eben so tun und gab ein laut vernehmliches „Mäh“ von sich. In diesem Moment hatte das Schaf wohl auch einen Plan, und der hieß ganz einfach Flucht. Nach der einen Seite des Grundstückes konnte es nicht fliehen da am oberen Ende der Wache der Zaun an das Gebäude geführt war und somit als Fluchtweg für das Tier nicht in Frage kam, es blieb ihm nur der Weg durch die Männerschar. Genau damit hatten wir gerechnet und genau darauf hatten wir unsere Einsatztaktik abgestimmt. Jedoch der Verlauf der nächsten Sekunden war, so wie es sich dann abspielte, nicht geplant.

Das Schaf nahm Anlauf, ich war darauf vorbereitet und stürzte mich auf das Tier. Ich hätte es wissen müssen, Schafe tragen unter ihrer Wolle eine sehr fette Schicht welche das Schaf aus meinen Händen gleiten ließ, der darauf folgenden Sicherungsreihe ging es ebenso, auch ihr entglitt das fette Tier. Unsere Taktik war kläglich gescheitert, aber Aufgeben kam für uns in dieser Situation auch nicht in Frage. Und so gaben wir alles und nahmen die Verfolgung des Flüchtlings auf. An der Werkstatt und der Sonntagswache vorbei, rannte das Schaf in Richtung Alarmhof. In Höhe Zentrale orientierte sich das Tier neu und beschloss die Alarmausfahrt zu benutzen. Schön und gut aber zu allem Übel bog es nach links auf die Autobahn ab. Nun war guter Rat teuer!

Wenn bei der Feuerwehr die Lage verzweifelt ist, eine Sekunde Ratlosigkeit herrscht fällt irgend einem Feuerwehrmann garantiert etwas ein. Und so war es selbstverständlich auch diesmal. Einer rief „Wir holen den Kommandowagen (so hießen damals die ELW’s) und fangen das Vieh mit dem Lasso“. Dem war nichts hinzuzufügen, absolut überzeugend! Der Kommandowagen war ein VW Bus und der hatte Genialerweise auf der rechten Fahrzeugseite eine Schiebetür. Woher in der Eile die Arbeitsleine kam ist nicht mehr nachvollziehbar, wie schnell fünf Mann einen Bus besetzen können ist ebenfalls überzeugend, aber wie jemand in der Hektik in einem fahrenden Auto ein Lasso schnüren kann ist sensationell.

Der Zentralist hatte von seinem Platz aus die letzten Minuten der Jagd mitverfolgen können, hatte mitgedacht, und unverzüglich die Alarmschranke geöffnet. Nun wurde es spannend.

In Höhe Weidenhäuser Straße hatten wir das Tier wieder eingeholt und die Lassoaktion wurde gestartet. Wir hätten vorher üben sollen, was in Westernfilmen so einfach aussieht ist für den normalen Mitteleuropäer ein eher schwieriges unterfangen. Mindestens drei Mann versuchten sich als Cowboy, alle scheiterten kläglich. Das Schaf lief immer noch Unbeirrt auf der Autobahn. Plötzlich wechselte das Schaf die Fahrspur und ordnete sich in der Nähe der Mittelleitplanke ein. Neben dem Schaf ein rotes Auto mit blauem Licht, darin sitzend fünf erfolglose Cowboys, Das fangen mit dem Lasso hatte sich nun erübrigt da auf der linken Fahrzeugseite keine Türe war. Die Verkehrsgefährdung war in diesem Moment jedoch beträchtlich gewachsen.

Laut Tacho lief das Tier ca. 20 Km/h. Hinter uns hatte eine Kolonne des Hessischen Straßenbauamtes die Jagdaktion mitverfolgt. Genauso langsam fahrend wie wir, sicherten sie mit ihrem orangenen Rkl die Aktion nach hinten ab. In Höhe Sommerbad machte das Schaf einen erneuten Richtungswechsel, mit einem kühnen Satz war es über die Leitplanke gesprungen und rannte am Sommerbad vorbei in Richtung Lahn. Feuerwehr- und Straßenmeistereiauto blieben stehen und nahmen nunmehr mit 7 Mann die Verfolgung auf. Die Fahrer waren in ihren Fahrzeugen geblieben.

Als die Verfolger beim Sommerbadeingang ankamen konnte man ein heftiges Bremsenquietschen vernehmen sodann das typische Blechgescheppere. Die Jäger setzten unbeeindruckt ihre Jagd fort, sie wussten ja die Fahrer an den Fahrzeugen. Die wilde Jagd ging ca. noch 2 Kilometer weiter. Meter um Meter zeigte uns das Tier wer besser laufen kann, der Abstand zu ihm wurde um das gleiche größer wie unser Leistungsvermögen nachließ. Bei den Gebäuden der Stadtwerken gaben wir uns geschlagen, die Jagd hatte keinen Sinn mehr, das Schaf war ganz einfach zu schnell.

Wir überließen das Tier seinem Schicksal. Was aus ihm geworden ist entzieht sich der Kenntnis des Verfassers. Geschlagen machte sich die Jagdgesellschaft auf den Rückweg zu ihren Fahrzeugen. Dort angekommen bot sich folgendes Bild: ein Goldmetallic-farbener Simca stand, nunmehr als Trümmerhaufen an der Leitplanke, ein Abschleppwagen war dabei ihn aufzuladen. Der KDOW- Fahrer erzählte der Fahrer sei mit hoher Geschwindigkeit angekommen und ins Schleudern geraten und sei gegen die Leitplanke geprallt.

Körperlichen Schaden hatte der Fahrer gottlob keinen davongetragen und somit gab es neben einem flüchtigen Schaf auch noch einen geschrotteten Simca zu beklagen. Da der Autofahrer ein streitbarer Genosse war hatte die Aktion ein gerichtliches Nachspiel. Auch in der Presse wurde die Aktion gewürdigt, die Überschrift lautete „Das Schaf überstand unverletzt“.

"Der Lkw, der Kurve nicht gekriegt hat"

Es ist Mittwoch, der 22. Juli 1998. Im Gebäude der Feuerwache Marburg ertönt um 14.45 Uhr der VU-Gong mit dem Einsatzstichwort

"Schwerer VU - Tankzug umgestürzt - Fahrer eingeklemmt - zwischen Roßdorf und Wittelsberg".

Beim Ertönen dieses Gongs geraten selbst die ruhigsten Mitarbeiter des Brandschutzamtes in "Wallung", demzufolge auch die Ausrückezeit sehr kurz ist. Diese kurzen Ausrückezeiten (ca. 45 sec.) gelten jedoch nur für RW und TLF. Drittes Fahrzeug bei einem solchen Einsatz ist der KW 16. Dieser Kran ist weit über 30 Jahre alt und mit der Technik der fünfziger Jahre gesegnet, was zur Folge hat, das der 17 l Hubraum umfassende Dieselmotor vorgeglüht werden will. Unter 5 min. Vorglühzeit tut er's nicht, es ist also kein Auto für nervöse Zeitgenossen. Während der Alarmfahrt hörten wir, dass der RTW und das NEF, die zuständige Stützpunktfeuerwehr, der KBI sowie Teile der Gemeinde Ebsdorfergrund bereits alarmiert waren.

Der frühzeitig eintreffende KBI gab Kurzlage "kein Tankzug, Silolastzug, brauchen KW". fünf min. später als RW und TLF trafen wir an der Einsatzstelle ein.

Lage an der Einsatzstelle, was war geschehen?

Der 34 jährige Heinrich G. aus M. befuhr, vermutlich um Zeit zu sparen, mit seinem 380 PS starken und 40 Tonnen schweren Silolastzug die kleine Verbindungsstraße K 98 zwischen Wittelsberg und Roßdorf. Heinrich G. hatte in Heskem Futtermittel geladen und eilte nun zu seinem Zielort. Er schaffte es mühelos, sein schweres Gefährt auf der kleinen, kurvenreichen Straße auf 80 km/h zu beschleunigen. Der Fahrer erkannte aber eine scharfe Rechtskurve zu spät und es kam was kommen musste - der Silozug (Silofahrzeug = hoher Schwerpunkt) kippte auf einen abgeernteten Getreideacker. Das Fahrerhaus wirkte, auf der Seite liegend, als Bremse. Das Bugblech und die A-Säule schoben sich ca. bis auf Höhe des Fahrersitzes und klemmten dem Fahrer beide Beine ein. Der Fahrer blieb bei Bewusstsein und verständigte, wenn auch mit weinerlicher Stimme, unter Zuhilfenahme seines Autotelefons die Polizei.

Einsatztaktische Maßnahmen:

NEF- und RTW-Besatzungen waren dabei den eingeklemmten Fahrer zu behandeln. Die Cappeler Feuerwehr hatte hydraulisches Rettungsgerät vorgenommen und mit der Schere die A-Säulen durchtrennt. Mit dem Rettungszylinder sollte versucht werden, die Frontwand des Fahrerhauses vom Fahrer wegzudrücken. Dazu musste jedoch zuerst die Sattelzugmaschine mit dem Kran angehoben werden. Der Kran wurde so positioniert, dass eine möglichst große Hublast erreicht werden konnte. Da der KW zur Hälfte auf dem Acker stand, wurden die Abstützungen mit Pölzmaterial aus den beiden Rüstwagen unterlegt.

Nach Entfernen des Schlafkabinenfensters wurde das Anschlagmittel durch Dachluke und Schlafkabinenfenster geführt und an den Kranhaken gehängt. Nachdem der Kran die Sattelzugmaschine angehoben hatte, konnte die Zugmaschine mit Pölzmaterial unterbaut werden. Der nun folgende Einsatz des Rettungszylinders, der an Front- und Rückwand zur besseren Lastverteilung mit Hölzern versehen war, brachte erwartungsgemäß nicht den gewünschten Erfolg, da die Fahrertür nicht ausgebaut werden konnte und die Frontwand des Fahrerhauses durch Entlastungsschnitte "weich" gemacht werden konnte. Parallel zum Einsatz des Rettungszylinders des RW 1 ging der RW 2 zum Einsatz der Seilwinde vor der Sattelzugmaschine in Arbeitsstellung. Nachdem die Kippkabine im Rückwandbereich mit einem Ratschengurt gesichert war und das Anschlagmittel um die Lenksäule gelegt war, konnte mit der Seilwinde gezogen werden.

Die Kraft der Winde genügte, um Lenksäule und Frontbau nach vorne zu ziehen. Die Fahrerhausverriegelung hielt dank des Ratschengurtes der Belastung stand. Der Fahrer konnte nun aus seiner Zwangslage befreit werden. Durch die Dachluke hindurch wurde er zur weiteren Versorgung dem Rettungsdienst übergeben. Mit dem Hubschrauber Christoph 28 erfolgte der Transport zum Klinikum Lahnberge.

Wie uns am nächsten Tag berichtet wurde, blieb Heinrich G. bis auf geringfügige äußere Verletzungen unversehrt. Trotz seiner Zwangslage setzte der Fahrer nicht nur den Notruf ab, nein, er verständigte sogar noch seinen Chef. Der war so schnell vom Sauerland herbeigeeilt, dass er noch den Rettungshubschrauber wegfliegen sah.

Anmerkung:

Frontlenkerkabinen moderner Lkw's, ob groß - ob klein, sind der besseren Wartung wegen mit Kippkabinen ausgestattet. Was für den Schlosser prima ist, bringt für den Feuerwehrmann Probleme mit sich!

„Kinderfinger in Gurtschloss eingeklemmt"

Kinderfinger in Gurtschloss eingeklemmt, Schule für praktisch Bildbare, Großseelheimer Straße“.

Bei diesem Alarmstichwort ahnte die Ausrückemannschaft schon das etwas besonderes auf sie zukommen würde. So sprach sich die ausrückende Besatzung vorher ab, es wurde überlegt ob wir mit den Einsatzmitteln des RW alle Werkzeuge dabei haben die wir eventuell brauchen würden. Mir fiel zum Glück ein das wir keine Feststellzangen auf dem Rüstwagen haben demzufolge wurden die Zangen und neue Sägeblätter aus unseren Werkzeugkisten geholt. Derart gerüstet fuhren wir gen Einsatzstelle.

An der Einsatzstelle bot sich folgende Lage: Ein geistig behindertes, blindes Kind (ca 9 Jahre alt) hatte den Zeigefinger der linken Hand in das Gurtschloss ihres Rollstuhles gesteckt. Der Finger ging nicht mehr heraus, selbst alte Hausmittel wie den Finger mit Seife einreiben, führten zu keinem Erfolg und so rief die Heimleitung in ihrer Not die Feuerwehr. Um das Kind herum standen Pflege- und Lehrpersonal sowie der kernige Hausmeister von altem Schlage.

Das Kind schrie fürchterlich. Alle anwesenden waren entsprechend nervös. Nach Feststellung der Lage und Wahl des Werkzeuges wollten wir das Problem mit einem Bolzenschneider lösen. Dieser Versuch scheiterte jedoch am Material des Gurtschlosses. Wir hatten nicht bedacht das dies hoch vergüteter aus dem Automobilbau stammender Stahl war.

Was tun!

Der Hausmeister machte den Vorschlag mit dem Kind in seine Werkstatt zu fahren, so sagte er „Den Finger in den Schraubstock spannen und mit der Flex aufschneiden“. Diese dahin geworfene Idee löste bei dem Kind eine Reaktion aus mit der keiner gerechnet hatte, es bäumte sich in seiner Rollstuhl derart auf das drei Pflegekräfte von Nöten waren das Kind festzuhalten. Die Phonzahl des Schreiens erhöhte sich um ein beachtliches Maß.

Diese Möglichkeit der Problemlösung schied, auch aus Wärmetechnischen Gründen, aus. Jetzt folgte der von auch am Anfang schon in Betracht gezogene, aber aus Schnelligkeitsgründen aufgegebenen Plan in Kraft. Dem Mädchen wurde erklärt was wir nun tun wollten und der Reaktion war zu entnehmen das es nichts dagegen hatte. Das Gurtschloß mit dem darin steckenden Finger und dem dahinter sitzenden Kind wurde mit einer Feststellzange (aus der Werkzeugkiste mitgebrachte) festgespannt. Der kräftigste von uns, Kollege Hämel, umfasste die Feststellzange mit beiden Händen. Der Kollege Wilke wieder rum hielt die Hand des Kindes, das Pflegepersonal den Rest des Kindes. Meine Wenigkeit begann mit der Eisensäge das Gurtschloss zu durchtrennen. Das ging auch eine Zeit lang gut ohne dass das Kind schrie. Plötzlich jedoch ging dasselbe Drama wieder los, das Kind schrie wie am Spieß.

Was war passiert!

Ganz einfach, wir hatten nicht daran gedacht dass auch Arbeiten mit der Handsäge Reibung entsteht, also Wärme frei wird. Eine eiligst herbeigebrachte Flasche Wasser löste das Problem auf einfache weise. Nachdem der erste Schnitt erfolgreich beendet konnte der zweite Schnitt erfolgen. Der war nötig da sich das harte Material nicht biegen ließ. Nach 15 minütiger Arbeit waren wir soweit, ein Stahlstück, mithilfe einer Wasserpumpenzange heraus zu brechen.

Der erstaunte und freudige Gesicht des Kindes um den nunmehr wieder befreiten Finger entlohnte für die Mühe.

Mit Glückwünschen und Danksagungen reich bedacht, jedoch bis auf die Unterwäsche nass geschwitzt, verließen wir die Einsatzstelle.