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Grüner Wehr: „Betonklotz über die Lahn bleibt übrig“

Denkmalschützer in Panik Grüner Wehr: „Betonklotz über die Lahn bleibt übrig“

Die Baupläne des „Grüner Wehrs“ sorgen bei Denkmalschützern für Entsetzen. Sie sehen die „Zerstörung des nächsten Denkmals“ – und warnen vor Fehlern, wie sie einst fast bei der Oberstadt begangen worden wären.

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Das „Grüner Wehr“, das im Januar 2009 vereist war, steht derzeit im Mittelpunkt der Debatte um geplante Bauprojekte in der Stadt: Können die Pläne ab 2020 umgesetzt werden?

Quelle: Archiv

Marburg. Die letzte umfassende Wehr-Sanierung gab es laut Unterlagen der Stadtverwaltung 1944 – aufgrund der Folgen des Zweiten Weltkriegs eine „minderwertige Reparatur“, wie es heißt. Auch in den folgenden Jahrzehnten habe es angesichts vieler Mängel „immer nur Flickschusterei“ gegeben, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). Die aktuellen Pläne stellen demnach den ersten „grundhaften Eingriff in die ­Anlage“ dar.

Und genau diesen Eingriff kritisieren Denkmalschützer wie Manfred Ritter. „Ein historisch wichtiges Bauwerk wird durch diese Pläne zerstört“, sagt er. „Eine Masse Beton wird in die Landschaft gepumpt, das schädigt Bauwerk und Natur.“ Es handele sich nicht, wie Bauamt und Magistrat behaupteten, um eine Sanierung, sondern faktisch um einen Abriss samt folgender Re-Konstruktion – zwar und selbstverständlich an selber Stelle, ein komplett neues Bauwerk, das „mit dem Vorherigen bis auf seine grundsätzliche Funktion nichts mehr gemeinsam hat“ entstehe trotzdem.

Der Verweis auf das Einheimsen von Fördergeldern, so dass der Bau für die Kommune billiger ist – die Stadt rechnet nach eigenen Angaben mit einer Erstattung von 1,5 Millionen des 3,5 Millionen Euro teuren Vorhabens – sei zudem „Augenwischerei, denn Steuergelder sind es so oder so“, sagt er. Um den Belangen von Fischen gerecht zu werden, müsse das Wehr jedenfalls nicht abgebrochen werden.

Zumal es sich bei der Bausubstanz des „Grüner Wehrs“ um eine Anlage aus dem Jahr 1553 handele, es sei ein Kulturdenkmal, ein Zeugnis eines Wasserbauwerks, der Baukunst der Zeitepoche der Renaissance in Marburg. Wenn Ex-OB Drechsler seinerzeit bei der Zukunftsfrage der Oberstadt, also Abriss oder Sanierung so gehandelt hätte, wie das momentan für das Weidenhausen-Wehr vorgesehen sei, „dann würde es die historische Altstadt, so wie sie heute noch vorhanden und erhalten ist, nicht mehr geben“.

„Besser wird der Zustand mit der Zeit sicher nicht“

Ähnlich äußert sich Hartmut Lange, Mitglied im Denkmalbeirat: „Marburg wäre ohne das Wehr, ohne die angrenzenden Mühlen nie so reich, nie so bedeutsam, nie so erfolgreich geworden. Diese Anlage hat eine­ geschichtsprägende Bedeutung“, sagt er. Das Wehr gehöre „geschützt statt zerstört“. Die aktuellen Baupläne deuteten darauf hin, dass „ein Betonklotz über die Lahn übrigbleibt“.

Das Bauamt entgegnet, dass sich am Top-Postkartenmotiv Marburgs optisch bis auf die geplanten, aber von Anwohnern kritisch gesehenen Neubauten­ von Kanutreppe und Fischtreppe „nichts ändert“, wie Werner Plaßmann, Ingenieur beim Tiefbauamt, sagt. Auch die Stauhöhe – also der Punkt, wo Wasser der Lahn vom Ober- ins Unterwasser fällt – bliebe auf demselben Level. Zwar würden tatsächlich Elemente, etwa jene Steine die seit Jahren unter dem Wasser liegen, nicht ­erneut verwendet werden. „So wie jetzt kann es am Wehrfuß nicht bleiben, da für die Fische eine Passage zum Aufstieg angelegt werden muss“, erklärt er.

Die Anwohner-Kritik ist speziell nach Bauamts-Aussagen, dass es der wichtigere Baugrund ist, die „Durchgängigkeit der Lahn“ zu gewährleisten als die Standsicherheit zu erneuern, eine grundsätzliche: „Ohne Riesenbauarbeiten hat das Wehr jahrzehntelang funktioniert, man könnte also doch weiterhin nötige kleinere Reparaturen machen anstatt so etwas Umfassendes“, sagt Oliver Hahn, Weidenhausen-Bewohner und CDU-Stadtverordneter.

Magistrat und Stadtverwaltung verweisen hingegen auf die „eindeutigen Ergebnisse“ (Stötzel) eines Gutachtens aus 2008, das starke bauliche Mängel feststellte und damit vorangegangene Gutachten bestätigte. „Besser wird der Zustand mit fortschreitender Zeit sicher nicht“, sagt der Baudezernent.

  • Die Zukunft des Weidenhausen-Wehrs wird auch den Ortsbeirat Südviertel beschäftigen – nächste Gremiumsitzung: Montag, 12. März, ab 20.15 Uhr im Gebäude Schulstraße 6.

von Björn Wisker

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