Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Bauland-Entwicklung: Was geht in den östlichen Stadtteilen?
Marburg Bauland-Entwicklung: Was geht in den östlichen Stadtteilen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 10.10.2018
Baulücken in Schröck: Junge Familien könnten sich hier theoretisch ansiedeln, aber die Bauplätze befinden sich in Privatbesitz und es gibt keine Baubeginn-Bindung. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

20 ernstzunehmende Interessenten hat Ortsvorsteher Lothar Böttner auf seiner Liste. Sie wollen ­alle in Bauerbach ein Haus bauen. Aber er kann ihnen nichts zusagen. „Es ist nicht so, dass es kein Bauland in Bauerbach gibt“, sagt der Ortsvorsteher. Im gesamten Ortskern gibt es vereinzelte freie Bauplätze, die in Privathand stehen und nicht verkauft werden. „Aus den unterschiedlichsten Gründen“, weiß Lothar Böttner und fügt hinzu: „Und wir können niemanden zwingen, sein Land zu verkaufen.“

Einige junge Familien aus Bauerbach haben schon ihr Eigenheim in umliegenden Gemeinden realisiert. Vor vier Jahren gab es von der Stadtplanung eine „Analyse zur strategischen Baulandentwicklung in den Außenstadtteilen“. Nach dieser Analyse sah die Stadtplanung keinen Bedarf an Bauland in Bauerbach. „Bis dahin sah das der Ortsbeirat auch so, erinnert sich der Ortsvorsteher.

Mit der Gebietsreform und einer großen Baulandausweisung in den 1970er Jahren hatte sich der Ort von der Einwohnerzahl fast verdreifacht, die Infrastruktur ist aber schlechter geworden. Es gibt keine Lebensmittelgeschäfte mehr, nur noch eine Metzgerei, einen Allgemein- sowie einen Zahnarzt. Die Einkaufsgebiete Cappel und Wehrda sind aber schnell zu erreichen.

Bauerbacher wollen neues Bauland

Aus dem Bebauungsplan der 70er Jahre bestanden bis vor vier Jahren noch etwa 13 Restgrundstücke, die von den Eigentümern für private Zwecke vorbehalten wurden. Vier von diesen Grundstücken wurden zwischenzeitlich von einem in Bauerbach lebenden Investor mit Mehrfamilienhäusern bebaut, was durchaus auch als positiv bewertet wurde. Dazu kamen noch einige Neubauten von Einfamilienhäusern, so dass praktisch kein Bauland mehr zur Verfügung steht.

Dies veranlasste den Ortsbeirat offiziell einen Antrag auf Baulandausweisung an den Magistrat zu stellen. Nach diesem Antrag im Frühjahr durch den Ortsbeirat, hat die Stadtplanung Gesprächsbereitschaft signalisiert. Wann der Antrag als Tagesordnungspunkt in der Stadtverordnetenversammlung besprochen wird, ist derzeit nicht absehbar. Zudem sind Landesbehörden an dem Genehmigungsverfahren beteiligt.

Zirka drei Hektar im Flurbereich „Hinterfeld“ stehen am Ostrand von Bauerbach für ein Baugebiet zur Verfügung, für die der Eigentümer Verkaufsbereitschaft signalisiert hat. Dort könnten etwa 60 Bauplätze entstehen, wobei der Ortsbeirat auch keine Einwände gegen die Bebauung mit Reihenhäusern hat.

Lothar Böttner sowie ­seine beiden Kollegen aus Schröck, Uwe Heuser, und Horst Mania aus Moischt sehen daher den ­Antrag der ZIMT-Fraktionen CDU, SPD und Bürger für Marburg sehr positiv. Die Fraktionen forderten in der Sitzung vom 10. September den Magistrat auf, die Entwicklung von Wohngebieten in den östlichen Stadtteilen zu prüfen.

Beschlussvorlage

Der Magistrat der Stadt Marburg soll prüfen, in welchen Bereichen der östlichen Stadtteile (Bauerbach, Moischt, Schröck) Wohngebiete entwickelt werden können, die vor allem auch für junge Familien, Beschäftigte des Standortes Lahnberge und Studierende­ attraktiv sind. Gleichzeitig sollen die Infrastruktur dieser Stadtteile deutlich und nachhaltig verbessert und die Verkehrsentwicklung und Mobilitätsansprüche entsprechend berücksichtigt und angepasst werden. Dabei sind die Siedlungsschwerpunkte, die der Regionalplan vorsieht und der IKEK-Prozess in die Planungen mit zu berücksichtigen, beziehungsweise auf eine mögliche Siedlungserweiterung hin anzupassen. Auch eine frühzeitige und umfassende Bürgerbeteiligung ist unerlässlich.

In dem Antrag ist auch vom IKEK-Prozess die Rede. Das ist das integrierte kommunale Entwicklungskonzept des Landes Hessen, mit dem Ziel der aktiven Gestaltung des demografischen Wandels in den Orts- und Stadtkernen der ländlich geprägten Kommunen. Die zentrale Funktion soll gestärkt und eine gute Wohn- und Lebensqualität erhalten beziehungsweise geschaffen werden. „Das heißt, die Förderung der Innenentwicklung ist zentraler Bestandteil des IKEK“, heißt es aus der Landesregierung.
„Das ist schön und gut, hilft uns aber nur wenig“, sagt Uwe Heuser. Er steht dem IKEK-Programm grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Mit etwa 50 verfügbaren Grundstücken in der Ortsmitte gäbe es auch genügend Bauland. „Aber die Eigentümer verkaufen nicht“, erklärt der Ortsvorsteher.

Mindestens zwei seriöse Anfragen bekommt er pro Monat. „Es tut mir in der Seele weh, wenn ich bauwillige Interessenten, die aus Schröck stammen, nach Großseelheim oder Ebsdorfergrund verweisen muss.“ Selbst im Bereich „Buchenrot“, das auch in den 1970er-Jahren mit der Eingemeindung als Baugebiet entwickelt wurde, gibt es noch freie Lücken, die aber auch in Privathand stehen. Es gibt keine Baubeginn-Bindung, das Land liegt brach.

„Damals hatte man sich dort auch gegen Reihenhäuser ausgesprochen, weil man eine Ghettobildung befürchtete“, so Uwe Heuser. Heute steht der Schröcker Ortsbeirat dem generell positiver gegenüber. Die Aussage, dass Marburg die Anwohner in den Ortsteilen gerne verdoppeln möchte, kommentiert Uwe Heuser wie folgt: „Herzlich gerne!“

Zwölf Bauplätze für Moischt

Aber für ihn bremst das IKEK-Programm die Entwicklung der Ortsteile aus. „Natürlich ist eine Innenentwicklung von Vorteil, aber nicht für Schröck. Ich hoffe, dass es bald ausläuft, denn der Regionalplan gibt schon Baugebiete her.“ Neben ­Buchenrot könnte­ er sich eine Ausweitung in Richtung Großseelheim und Moischt vorstellen.

In Moischt steht das Baugebiet „nördliche Pfingstweide“­ vor der Offenlegung. Zwölf Häuser dürfen dort gebaut werden. Wenn die Offenlegung abgeschlossen ist, dann werden die Interessenten von der Stadt ­benachrichtigt. „Dabei habe ich viel mehr Anfragen. Vor allem von jungen Familien“, berichtet Ortsvorsteher Horst Mania.

Er erinnert sich, dass der Eigentümer einer großen Fläche „Am Gasseweg“, sein Land der Stadt vor längerer Zeit zum Kauf angeboten hatte. „Wurde abgelehnt damals“, sagt der Ortsvorsteher kopfschüttelnd. Ob das Verkaufsangebot noch immer stehe, das weiß er nicht.

Für ihn ist sowieso der Bereich „Hahnerheide“ absolutes Vorranggebiet. Die verpachteten landwirtschaftlich genutzten Flächen sind verkäuflich und mit der Nähe zu Cappel und Marburg Süd durchaus sehr ­attraktiv. Am beliebtesten sind natürlich die Filetstücke „Am Bornberg“ und am „Gasseweg“ in Moischt. „Der Blick auf die Amöneburg ist eben sehr beliebt“, weiß der Ortsvorsteher und winkt ab.

Auch Schröck will gern wachsen

Während es im Nachbarort Schröck noch einen Bäcker, Metzger sowie einen kleinen Dorfladen gibt, ist in Moischt zumindest diesbezüglich tote­ Hose. Aber genau das will die ZIMT-Fraktion ja mit ihrem Antrag ändern. In ihrer Begründung zum Fraktionsantrag schreiben sie: „Mit einem Bevölkerungswachstum in den ­genannten Stadtteilen eröffnen sich grundsätzlich neue Möglichkeiten für die lokale Infrastruktur. Die Busverbindungen können weiter ausgebaut werden, Nachversorger, Lebensmittelmärkte und gegebenenfalls Ärzte und Apotheken können sich mittelfristig ansiedeln, so dass die Stadtteile zukünftig besser werden können und weniger in die Innenstadt fahren müssten.“

Dem kann Uwe Heuser nur zustimmen. „Wenn sich in mittelbarer Zeit etwas entwickelt, Schröck steht absolut dahinter. Wir sollten nicht nur erhalten, sondern auch ausweiten“, betont er. Genauso sieht es auch Lothar Böttner aus Bauerbach. Auch er hat nichts dagegen, wenn sich die Einwohnerzahl von 1400 verdoppeln würde. Sein Ort punktet mit der Nähe­ zu den Lahnbergen und mit dem ­regen Vereinsleben. Ähnliches gibt es auch in Moischt, das eben auch durch seine Ruhe punktet. „Aber in fünf Minuten ist man in Cappel“, betont Horst Mania, der sich gerne Zuwachs zu den 1200 Einwohnern wünscht.

In der nächsten Ortsbeiratssitzung am 25. Oktober wird auch er ­eine Beschlussvorlage einbringen, die sich mit der Entwicklung von Bauland in Moischt befasst.

von Katja Peters