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Marburg Kaum Interesse an Ausschreibungen
Marburg Kaum Interesse an Ausschreibungen
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21:04 23.04.2018
An der Weidenhäuser Brücke in Marburg wird gearbeitet – anderswo haben die Kommunen Schwierigkeiten, Firmen für ihre Bauvorhaben zu gewinnen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Früher war die öffentliche Hand für Handwerker eine Art Lebensversicherung. Bei schlechter Auftragslage legte die Politik ein Konjunkturprogramm auf und die Gewerke hatten wieder zu tun. So mancher Bürgermeister im Landkreis Marburg-Biedenkopf mag sich diese Zeiten zurück wünschen.

Denn zurzeit sind viele­ Firmen nicht auf kommunale Aufträge angewiesen.
Breidenbachs Bürgermeister Christoph Felkl (SPD) stöhnt. Zwei Projekte stehen in seiner Gemeinde an und bei beiden drohen die Kosten davonzuga­loppieren.

In Oberdieten soll in die Kindertagesstätte eine Cafeteria mit Küche eingebaut werden. Bei der Planung 2012 wurden 20 Prozent aufgeschlagen. Felkl ging von steigenden Preisen bei der Vergabe des Auftrages aus.

Kosten explodieren

380 000 Euro könnte es am Ende kosten, kalkulierte er damals. Mittlerweile glaubt er: Es werden wohl 500 000 Euro werden.

In Wiesenbach ein ähnliches Bild: Hier braucht die Sporthalle eine neue Heizung und der Sanitärbereich soll erneuert werden. Von den zunächst veranschlagten 50 000 Euro ist im Rathaus keine Rede mehr.

Die Ausschreibung brachte für die Heizung zwei Angebote, für den Sanitärbereich gar nur eines. Die Sanierung wird voraussichtlich 133 000 Euro kosten.

„Wir haben keinen Wettbewerb mehr“, sagt Felkl. Im Tiefbau sei die Sache einfach, weil die öffentliche Hand der einzige Nachfrager ist. Im Hochbau ist das anders. „Die Unternehmer fragen: Warum soll ich mich mit der öffentlichen Hand rumärgern“, sagt Felkl.

In Ausschreibungen werden hohe Preise aufgerufen, weil der Auftrag eigentlich gar nicht gewonnen werden soll. Geboten werde oft nur, damit die Firma nicht aus dem Bieterkreis fällt. Für schlechtere Zeiten, sozusagen.

100 Seiten Ausschreibungstext für eine Sporthalle

Hinzu kommen die Tücken der Bürokratie. Der Ausschreibungstext für die Sporthalle in Wiesenbach sei über 100 Seiten stark gewesen, sagt Christoph Felkl. „Welcher Handwerker will sich das denn durchlesen?“

In Fronhausen hat Bürgermeisterin Claudia Schnabel (IF) noch keine Aufträge für das laufende Jahr vergeben. Nachdem vor Kurzem der Haushalt vom Regierungspräsidium genehmigt wurde, kann es jetzt aber losgehen.

Schnabel muss als erstes ein Straßenbauprojekt ausschreiben. „Von einem Unternehmer habe ich gehört, dass wir mit Aufschlägen bis zu 40 Prozent rechnen müssen“, sagt sie. Grundsätzlich will sie dieses Spiel aber nicht mitspielen. Dann stelle sie Projekte lieber zurück. „Irgendwann müssen wir“

Schnabel weiß, dass einige Vorhaben nicht endlos aufgeschoben werden können. Nicht wissen kann sie allerdings, wie lange sich die Preisschraube weiter nach oben dreht. „Irgendwann“, sagt die Bürgermeisterin, „müssen wir es dann machen.“Auch zu solchen Preisen.

Die Stadt Marburg ist ebenfalls von diesen Problemen betroffen. Die Pressestelle nennt ein Beispiel: Für die Erweiterung der Tausendfüßler-Schule in Bauerbach waren 90 000 Euro für den Rohbau kalkuliert, basierend auf Erfahrungen der vergangenen Jahre. Die übliche Preissteigerung von 2,5 Prozent pro Jahr war schon eingerechnet.

Verlängerung der Ausschreibungs- und Ausführungsfristen

Die erste Ausschreibung brachte lediglich zwei Angebote: eines über 135 000 Euro, das zweite über 175 000 Euro. Diese Ausschreibung wurde aufgehoben, denn die Stadt ist als öffentlicher Auftraggeber angehalten,­ „unangemessen hohen Angeboten keinen Zuschlag zu erteilen“.

Der Auftrag für den Rohbau wurde inzwischen vergeben – nach einer zweiten Ausschreibung für 124 000 Euro.
Die Stadt Marburg sieht sich angesichts der Preisentwicklungen vor großen Herausforderungen.

Laut Bürgermeister und Baudezernent Wieland Stötzel­ (CDU) werde darüber nachgedacht, durch eine Verlängerung der Ausschreibungs- und Ausführungsfristen mehr Flexibilität für die Firmen zu schaffen.

So könnten die Firmen längerfristig planen und kleinere Aufträge unter Umständen dazwischenschieben. „Wir hoffen, dass sich das in der Folge dann auch in den Angeboten niederschlägt“, sagt Stötzel.

Doch woher kommen die Preissteigerungen – schlagen die Handwerksbetriebe willkürlich auf ihre Berechnungen auf, um sich die vielzitierte goldene Nase zu verdienen? Immerhin prognostiziert die Handwerkskammer Kassel ihren Betrieben über alle Branchen hinweg in diesem Jahr ein Umsatzplus von drei Prozent.

„Nicht seriös“

Dem Argument, dass das Handwerk sich mit immensen Preissteigerungen über die Maße bereichern wolle, erteilte Kammerpräsident Heinrich Gringel eine klare Absage: „Dass die Preise ein Stück weit angemessen sein müssen, ist klar. Aber Steigerungen von 30, 50 oder mehr Prozent, das ist nicht seriös.“

Allerdings müsse auch immer berücksichtigt werden, wo die Ursprungskalkulation lag. „Wenn ein Architekt die Kosten 2010 geschätzt hat, dann sind diese Werte natürlich nicht mehr aktuell“, sagt Gringel. So seien in den vergangenen Jahren Rohstoffe und auch Energiekosten „um bis zu 30 Prozent gestiegen – das muss einbezogen werden“, sagt Gringel.

Er wünscht sich „eine Art Kataster, in das der Landkreis seine Bauvorhaben frühzeitig einträgt“. Wenn jetzt schon absehbar sei, „dass sie 2019 beispielsweise Schulen oder Kreisstraße sanieren möchten – mit den ungefähren Kosten – dann kann das Handwerk eher abschätzen, was auf den Markt kommt“.

Breidenbachs Bürgermeister Felkl sieht schwarz

Das heiße natürlich nicht, dass ein Handwerker den Zuschlag bekommt. „Aber zumindest wird ersichtlich, was im heimischen Raum geplant ist“, verdeutlicht Gringel. Doch er stellt auch klar: „Ein überhöhtes Angebot abzugeben, nur, um sich in Erinnerung zu rufen, und den Auftrag gar nicht zu wollen – das ist unseriös.“

Der stellvertretende Kreishandwerksmeister Hartmut Pfeiffer weiß, dass in der Vergangenheit Ausschreibungen oft „unter dem Einstandspreis“ angenommen wurden – „und zwar nur, um Arbeit zu haben“.

Wenn diese veralteten Daten nun für aktuelle Ausschreibungen herangezogen würden, sei das Preisniveau „bei einem so stark nachgefragten Markt nicht mehr zu halten. Es muss sich auspendeln“.

Wenn Betriebe ausgelastet sind, dann würden sie durchaus höher kalkulieren – „auch, um die Mitarbeiter mit zusätzlichem Geld zu motivieren, über die Normalarbeitszeit hinaus etwas zu tun.“
Breidenbachs Bürgermeister Felkl sieht jedenfalls schwarz.

Ein Ende des Preisanstiegs sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: Vor der Landtagswahl investiere die Regierung nochmal in Milliardenhöhe. Das Handwerk darf sich freuen.

von Simone Schwalm, Andreas Schmidt und Dominic Heitz