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Marburg Baubranche bleibt der Konjunkturmotor
Marburg Baubranche bleibt der Konjunkturmotor
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13:02 22.04.2018
Heinrich Gringel (von links), Meinhard Moog, Claudia Müller, Hartmut Pfeiffer und Dr. Matthias Joseph stellten gestern die Daten der aktuellen Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Kassel vor. Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hoben am Donnerstag ihre Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr leicht an. Die Forscher erwarten nun für das laufende Jahr 2,2 Prozent Wirtschaftswachstum und für das kommende Jahr 2,0 Prozent. Im Herbst hatten sie noch mit einem Plus von 2,0 und 1,8 Prozent gerechnet. Auf diese Zahlen setzt das heimische Handwerk jedoch noch eins drauf: Die Handwerkskammer Kassel prognostiziert für den Kammerbezirk eine Umsatzsteigerung in diesem Jahr von 3,0 Prozent – das wäre ein Plus von 267 Millionen Euro auf gut 9,1 Milliarden Euro.

Aufträge können kaum zeitnah abgearbeitet werden

Das Handwerk habe in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung hingelegt, betonte Kammerpräsident Heinrich Gringel: 2010 sei man noch bei der Politik vorstellig geworden, habe um Arbeit nachgesucht – es wurden Konjunkturprogramme aufgelegt, „die Sanierung von Schulen und Sporthallen wurde vorgezogen“, erinnert sich Gringel. Von dieser Situation sei man nun in die Lage gekommen, „in der ein großer Fachkräftemangel herrscht und wir kaum in der Lage sind, die Aufträge zeitnah abzuarbeiten“. Das sei für die Wirtschaft durchaus positiv – die durchschnittliche Auslastung der Betriebe liegt bei fast neun Wochen –, „aber das stellt natürlich Betriebe und auch Kunden vor große Herausforderungen“, so Gringel.

Es fehle vor allem an Auszubildenden. Daher habe man große Kampagnen gestartet, um vor allem die Eltern darauf hinzuweisen, dass das Abitur nicht der einzige Weg sei, der zu einer Karriere führe. „Es hat noch keinem geschadet, wenn er vor dem Studium schon mal ein Stück im Buch des Lebens gelesen hat“, so Gringel.

Werben um Auszubildende ist große Herausforderung

Immerhin seien im Kammerbezirk 4,6 Prozent mehr Lehrverträge als im vergangenen Jahr abgeschlossen worden, „es gibt also langsam wieder ein Stück weit mehr Interesse am Handwerk“.
Dennoch müsse das Handwerk weiter um Azubis werben, um die Fachkräftenachfrage aktuell und für die Zukunft stillen zu können – denn künftig stünden alleine im Kammerbezirk rund 3 000 Betriebe zur Übergabe an.

Wie schwierig es ist, Auszubildende zu finden und zu binden, weiß auch Claudia Müller, Bereichsleiterin der Friseur-Kette „Domino Friseur & Shop“: In den 21 Salons bilde man 35 junge Leute aus. Und um die Ausbildung möglichst attraktiv zu gestalten, „fangen die Azubis schon in der zweiten Woche an, Haare zu schneiden“, so Müller. Denn ein halbes Jahr lang nur zu fegen oder Hilfsarbeiten zu erledigen, damit könne man die Jugendlichen nicht begeistern. Noch biete „Domino“ Aufstiegsmöglichkeiten, die bis zum eigenen Salon als Franchise-Nehmer reichten.

Viele wählen Studium statt Ausbildung

Der stellvertretende Kreishandwerksmeister Hartmut Pfeiffer betonte, dass die Unternehmen die Ausbildungszahlen im Gebiet der Kreishandwerkerschaft Marburg „zumindest stabilisieren“ konnten – allerdings komme man auch von einem relativ hohen Niveau, da die Politik das Handwerk vor Jahren aufgefordert habe, über Bedarf auszubilden. Heute sei es indes schwierig, die Plätze überhaupt zu besetzen.

„Viele suchen ihr Glück lieber im Studium. Aber ich glaube, dass das Glück eher im kreativen Bereich des Handwerks zu finden ist – statt in einem Studium, das man dann vielleicht nicht schafft“, so Pfeiffer mit Blick auf die hohe Zahl der Studienabbrecher.
Um Jugendliche für die Ausbildung zu begeistern, veranstalte man jährlich die „Aktionswoche Handwerk“ mit der Möglichkeit, Berufe hautnah zu erleben und auch zu testen. Zudem nehme man an der Messe „Ansage Zukunft“ teil.

Die Zahlen lassen indes das Handwerk insgesamt positiv in die Zukunft blicken: Im Befragungszeitraum Januar bis März bewerteten 41,8 Prozent der Betriebe ihre aktuelle Geschäftslage mit „gut“, weitere 46,4 Prozent mit „befriedigend“. Lediglich 11,8 Prozent vergaben eine schlechte Note. Gegenüber dem guten Frühjahrsquartal des Vorjahres waren das noch einmal weitere Verbesserungen.

Geschäftsklimaindex steht bei 126,6 Punkten

Auch die Geschäftserwartungen bleiben sehr zuversichtlich: Für das kommende Quartal erwarten 30,9 Prozent eine weitere Verbesserung der Lage und 61,5 Prozent gleichbleibende Geschäfte. Das Geschäftsklima ging saisonal bedingt etwas zurück, bleibt aber mit 126,6 Punkten auf hohem Niveau.

Angetrieben werde die gute Konjunktur nach wie vor vom gesamten Baugewerbe, das insgesamt fast 50 Prozent aller Handwerksbetriebe in der Region ausmacht. Mehr als 90 Prozent sehen ihre Ausgangslage als gut oder befriedigend – die Auftragsreichweite beträgt bereits jetzt mehr als zehn Wochen. „Für ein Frühjahr ist das ein unglaublich guter Wert“, sagte Dr. Matthias Joseph von der Handwerkskammer. Hohe Zufriedenheitswerte gab es auch im Gesundheits- und Nahrungsmittelgewerbe, während das Kfz-Gewerbe und das private Dienstleistungsgewerbe leicht hinterherhinken.

Steigende Zahl von Aufträgen erwartet

Die Auftragslage insgesamt liegt über alle Branchen hinweg bei durchschnittlich 8,7 Wochen – 1,1 Wochen mehr als vor einem Jahr. Gut für die Wirtschaft, jedoch schlecht für die Kunden – denn sie müssen entsprechend lange auf die Erfüllung ihrer Aufträge warten.
Das Ende ist damit jedoch noch nicht erreicht: Jeder dritte Umfrageteilnehmer erwartet für das kommende Quartal steigende Auftragseingänge.

von Andreas Schmidt