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Marburg Schlichter verhindern Eskalation
Marburg Schlichter verhindern Eskalation
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00:21 26.11.2018
Hat der Angeklagte sich strafbar gemacht, oder liegt Notwehr vor? Zeugen berichten vor Gericht nach Auto-Attacke in Cölbe von gegenseitiger Aggression. Quelle: Arne Dedert / dpa
Marburg

Verschiedene Zeugen werfen dem Angeklagten oder auch dem Geschädigten vor, den pöbelnden Menschenauflauf auf der Cölber Hauptstraße vor sieben Monaten durch gezielte Provokation verursacht zu haben. Ihre Einschätzung der einen oder anderen Seite gaben sie am Mittwoch, dem elften Verhandlungstag, vor dem Schwurgericht zu Protokoll.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, am 15. April diesen Jahres mit seinem Kleinwagen in die auf der Straße versammelte Menschenmenge gefahren zu sein. Dies mit dem Ziel, andere schwer zu verletzen oder gar zu töten, was der Mann bestreitet und auf Notwehr pocht. Hinter der Eskalation steht ein jahrelanger Streit zwischen zwei beteiligten Familien und vor allem zwischen zwei Familienvätern – dem Angeklagten und dem vermeintlich Geschädigten.

„Die kamen meist im Rudel“

Auf beiden Seiten des Mobs versuchten laut mehrerer Zeugen, selbsternannte Schlichter die drohende Straßenschlacht abzuwenden und beide Familienoberhäupter zu beruhigen.

Ein Passant, der am Tatabend neugierig das Geschehen beobachtete und laut eigener Angabe mit beiden Familien befreundet ist, sieht dabei eher das Familienoberhaupt der Gegenseite als den Aggressor: Er bekam die gegenseitigen Beleidigungen zwischen den beiden Gruppen mit, diese seien jedoch nicht vom Beschuldigten, sondern „überwiegend“ vom Anhang des späteren Geschädigten ausgegangen.

Diesen habe er bereits früher als Typ kennengelernt, der schnell mal aus der Haut fährt, bei früheren Streitigkeiten Freunde und Verwandte hinzugezogen hatte, „die kamen meist im Rudel“, meinte der Zeuge. Dabei mussten die Mitstreiter den aufbrausenden Verwandten in der Regel bremsen und „zurückhalten“, so auch in der Tatnacht.

Menschlicher Schild verhindert Gegenangriff

Ein ähnlich provokantes Verhalten werfen wiederum andere Zeugen dem Angeklagten vor. Während sich die beiden Familien auf Straße und Bürgersteig mehr oder weniger gegenüberstanden, ging immer mal wieder einer der Wortführer aufgebracht auf die Gegenseite zu, wurde mehrfach von anderen aus der Menge wieder „eingefangen“, blockiert und abgedrängt.

Auch der Angeklagte musste demnach unter Kontrolle gebracht werden, wie ein Augenzeuge erst nach mehrfachen Nachfragen zugab. „Ich habe ihn zurückgehalten, um ihn zu schützen“, berichtete der Familienfreund des Angeklagten. Er wurde zuvor von dessen Sohn per Telefon zum Ort des Geschehens gerufen, „zur Unterstützung“.

Zeugen hielten Angeklagten zurück

Er stritt jedoch ab, dass die Familie des Beschuldigten quasi eine Schlägertruppe auf die Beine stellte, um der Gegenseite gegenüberzutreten. Vielmehr sei die Aggression von der anderen Seite ausgegangen, der Angeklagte weitestgehend ruhig geblieben, meinte der junge Mann.

Die Überwachungsbänder zeigen hingegen ein anderes Bild: Darauf ist zu erkennen, dass derselbe Zeuge immer wieder den wütend hin- und herlaufenden, anscheinend kurz vor dem Ausrasten stehenden Angeklagten mit einigem Kraftaufwand zurückdrängt. „Das sieht so aus, als wollten Sie ihn aufhalten, auf die Menge draufzugehen“, stellte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm fest. Die Schlichtungsversuche, mit denen der Zeuge augenscheinlich Erfolg hatte, waren demnach notwendig, um Schlimmeres zu verhindern.

von Ina Tannert