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Ausweglos: Sohn trifft auf Vater

Landestheater spiekt Kafka-Erzählungen Ausweglos: Sohn trifft auf Vater

Franz Kafka war kein Dramatiker, er hat nie für die Theaterbühne geschrieben. Kann man also seine surrealen Erzählungen auf die Bühne bringen? Das Hessische Landestheater hat es gewagt. Nach der Premeier gab es viel Applaus.

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Menschenaffen, Affenmenschen: Das Regieteam um Max Merker hat die vier Darsteller über weite Strecken der Inszenierung in Affenkostüme gesteckt.Foto: Ramon Haindl

Marburg. Die Inszenierung beginnt herrlich surreal - wohl ganz im Sinne Franz Kafkas, für dessen Werk Literaturwissenschaftler ein eigenes Wort geprägt haben: kafkaesk. Die Darsteller betreten in Affenkostümen die Bühne vor einem überwiegend jugendlichen Publikum in der ausverkauften Black Box. Es fällt kein Wort - es gibt nur irritierende Blicke aus diesen Affengesichtern.

Auf der kleinen Bühne Gitarren, ein paar Caféhausstühle und -tische, ein Keyboard und ein Schlagzeug. Und es gibt eine Bühne auf der Bühne, abgetrennt durch einen roten Vorhang. Sie wird zum Schlafzimmer des missgelaunten Vaters in „Das Urteil“, zum Gefängnis des sich in Ungeziefer verwandelnden Sohnes in „Die Verwandlung“, zur Kapitänsmesse in „Der Heizer“. Und sie wird zur Varietébühne.

Die vier Darsteller Timo Hastenpflug, Annette Müller, Stefan A. Piskorz und Oda Zuschneid schlüpfen permanent und gekonnt in ständig neue Rollen, verwandeln sich selbst vom Sohn in den Vater, vom Vater in die Schwester oder Braut, in den Heizer, den Senator oder Kapitän. Gleichzeitig begleiten sie das Stück musikalisch, singen, spielen Gitarre oder Keyboard.

Als Autor war Franz Kafka zu Lebzeiten nahezu unbekannt. So richtig entdeckt wurde er erst in den 1950er-Jahren. Seither gehört sein Werk zum abendländischen Bildungskanon, wird an Schulen und Universitäten vermittelt. Kafka, aufgewachsen in Prag, war ein deutschsprachiger jüdischer Autor. Er starb am 3. Juni 1924 im Alter von 40 Jahren an Tuberkulose, damals eine unheilbare Krankheit. Über viele Jahre war er schwerkrank - Tuberkulose, Spanische Grippe, Lungenentzündung. Dennoch hat er nahezu ununterbrochen geschrieben, er wollte viele seiner Erzählungen, Romane und Romanfragmente aber nie veröffentlicht sehen - bis auf wenige Ausnahmen: Die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „Der Heizer“- alle 1912 geschrieben - gehören dazu.

Diese drei Erzählungen haben Regisseur Max Merker und Dramaturgin Eva Bormann gemeinsam mit Ausstatterin Stefanie Liniger für die Bühne bearbeitet und in eine dramatische Fassung gepresst - innere Monologe werden vorgetragen, die Handlung gerafft, manche Passagen in Dialogform gefasst. Den Erzählungen gemeinsam ist der uralte und bei Kafka oft ausweglose Konflikt des Sohnes mit dem Vater. Und bei Kafka wird stets der Sohn verurteilt, egal, wie sehr er sich auch abstrampelt für Vater und Familie.

Es gibt tolle, sogar witzige Szenen in dieser Interpretation. Dennoch macht es die Inszenierung dem Zuschauer nicht leicht, den Überblick zu behalten, vor allem wenn man die Erzählungen nicht kennt. Es gibt keine dramatische Entwicklung einer Figur, nur Chiffren, die für Ohnmacht und Verzweiflung stehen können. Als Ergänzung zum Kafka-Unterricht ist „Das Urteil und andere Erzählungen“ aber allemal zu empfehlen.

Das Stück ist am Dienstag um 11 Uhr und dann erst wieder am 15. und 24. Januar zu sehen.

von Uwe Badouin

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