Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Tierische Tour im Möbeltransporter
Marburg Tierische Tour im Möbeltransporter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 01.12.2018
Martin Lotz kann seine Katze Jezera wieder in die Arme schließen. Die reiselustige Katze war tagelang per Lkw in Österreich unterwegs. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Martin Lotz kann es noch gar nicht so recht fassen – auf seinem Schoß sitzt wieder seine Jezera, schmust, spielt mit Bällchen, fängt Leckerlies. Als wäre nichts gewesen. Dabei ist die dreifarbige Katze erst vor wenigen Tagen von einer abenteuerlichen Reise wieder nach Hause zum Ehepaar Lotz zurückgekehrt.

Alles begann am 12. November, als die aufgeweckte, erst knapp eineinhalb Jahre alte Katze von einem Freigang am Ortenberg nicht mehr zurückkam. Ungewöhnlich, denn eigentlich ist ihre Jezera zuverlässig, erzählen Lotz und seine Frau. Es begann eine umfangreiche Suchaktion, das Paar informierte Nachbarn, schaute in Schuppen, in Keller, hängte Plakate aus, startete einen Aufruf in den sozialen Netzwerken. Alles ohne Erfolg.

„Wir waren fix und fertig, wir haben Jezera großgezogen und uns solche Sorgen gemacht“, erzählt der Marburger. Doch dann erinnerte er sich an den großen Möbeltransporter, der an dem Tag, als die Katze spurlos verschwand, stundenlang vor dem Nachbarhaus parkte. Der Lkw gehörte zu einer holländischen Möbelfirma, die in ganz Europa ausliefert. Die blanke Neugier hatte die junge Katze anscheinend in den offen stehenden Transporter springen lassen, wo sie sich im voll besetzten Laderaum zwischen Dutzenden Kindermöbeln und Kartons auf Entdeckungstour begab und unbemerkt eingesperrt wurde.

Tierlieber Lkw-Fahrer versorgt blinden Passagier

Mithilfe einer Nachbarin ermittelte der Katzenhalter die Nummer des Unternehmens, beide hängten sich hartnäckig­ ans Telefon, kontaktierten schließlich den Lkw-Fahrer, der Tage zuvor in Marburg Station gemacht hatte. „Acht Tage nach ihrem Verschwinden erhielt ich den erlösenden Anruf – mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen“, erinnert sich Lotz immer noch erleichtert.

Bis dahin hatte auch der Fahrer schon einiges erlebt mit seinem blinden Passagier: Er hatte an dem folgenschweren Montag­ gerade seine Wochentour in Marburg begonnen, bemerkte am folgenden Mittwoch schließlich erste tierische Hinterlassenschaften im Laderaum. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits Kitzbühel erreicht. Die Katze zu sehen bekam der Fahrer in dem voll gestellten Lkw jedoch nicht, das verschreckte Tier ließ sich tagelang nicht blicken.

Acht Tage im Lastwagen

Alles Locken und Rufen half nichts, lediglich ein Foto von der hinter zahlreichen Kartons versteckten Katze konnte der Lieferant noch schießen. Er fasste sich dennoch ein Herz, kaufte Futter und Milch und versorgte den unfreiwilligen Gast. Am 19. November machte er schließlich in St. Anton am Arlberg Station, wo er eine Familie belieferte.

Den beiden Kindern erzählte er von seinem schreckhaften Passagier und löste damit eine regelrechte Suchaktion aus. „Er sagte den Kindern, wenn sie es schaffen sollten, die Katze aus seinem Laderaum zu locken, dann dürfen sie die behalten“, erzählt Lotz grinsend. Und tatsächlich hatten die Kinder Erfolg und nahmen die weitgereiste Katze bei sich auf. Die hatte da bereits acht Tage im Lkw verbracht.

Unglaubliches Glück

Der Fahrer half beim Kontakt­ zwischen beiden Familien. Lotz erzählte die ganze unglaubliche Geschichte und wurde direkt nach Österreich eingeladen. „Noch am selben Tag sind meine Frau und ich ins Auto gestiegen und die 600 Kilometer­ ­gefahren.“ Eine Nacht verbrachten Mensch und Tier noch bei der gastfreundlichen Familie.­ Am 20. November konnte das Paar aus Marburg ihre­ Jezera endgültig nach Hause holen und wieder aufpäppeln – die stressige Tour hat ein paar Spuren hinterlassen.

„Dass ich mit der Katze nochmal quer durch Europa fahren musste, hätte ich auch nicht gedacht“, witzelt Lotz. Denn zu ihrem Haustier kam das Paar im Herbst vergangenes Jahr, als die beim Wandern in Kroatien das wohl ausgesetzte Katzenkind fanden und zu sich nach Marburg holten. Doch am Ende steht das Happy End, „es ist eine völlig verrückte Geschichte – Jezera hatte wirklich unglaubliches Glück, es ist großartig, dass sie auf so tolle Menschen getroffen ist“, erzählt Lotz erleichtert.

von Ina Tannert