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Marburg Auge in Auge mit dem eigenen Schädel
Marburg Auge in Auge mit dem eigenen Schädel
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18:17 10.10.2014
Die Darsteller Christian Ehrich (links) und Jürgen Wink spielen in einem verwinkelt schiefen Wohnzimmer, in das Bäume herein­wachsen. Foto: N. Klinger
Kassel

Hamlets Monolog mit Yoricks Schädel kennt wohl fast jeder Theaterfreund. Im letzten Akt der Inszenierung des Kasseler Intendanten Thomas Bockelmanns sitzt Bernd Hölscher als Daniel im Wohnzimmer seinem eigenen Schädel gegenüber. Nicht das einzige Paradox beim virtuosen Spiel mit Zeitebenen und Zitaten.

„Smokefall“ lautet der Titel des rätselhaften Stücks über die Herrschaft der Zeit und ihre Überwindung aus der Feder des jungen US-Amerikaners Noah Haidle. Der Titel nimmt Bezug auf ein Gedicht von T.S. Eliot: „Wenn in einer zugigen Kirche der Rauch niedersinkt - nur durch Zeit wird Zeit überwunden.“ Wenn Thornton Wilder LSD genommen hätte, dann hätte er vielleicht ein Stück wie „Smokefall“ verfasst, schrieb die US-Zeitschrift „Variety“ über die Uraufführung.

Im Zentrum des Stückes steht eine (fast alltägliche) amerikanische Familie: Es gibt eine mit Zwillingen schwangere Mutter, ihren Mann, der auf dem Weg ins Büro ist, ihren Vater, der ein alter Kriegsheld war, und ihre Tochter. Es ist ein schöner Tag. Die Mutter deckt den Tisch, ahnt nicht, dass eine Familientragödie ihren Lauf nimmt.

Die Informationen und die Einführung der handelnden Personen liefert Christian Ehrich in Form durchnummerierter Fußnoten: Vater Daniel (Bernd Hölscher), der nie im Hause seines Schwiegervaters, des inzwischen an Alzheimer erkrankten Colonels (Jürgen Wink) heimisch geworden ist, verlässt die Familie, trotz oder wegen der bevorstehenden Geburt der nie geplanten Zwillinge. Abschied nimmt er nur von seiner Tochter Beauty (Eva Maria Sommersberg), die vor drei Jahren mit der Bemerkung „Ich habe nichts mehr zu sagen“, das Sprechen aufgegeben hat und sich, nach einem Streit ihrer Eltern über Geld, nur noch von Erde, Farbe oder Servietten ernährt.

Mit dem Einsetzen der Wehen geht der erste Akt zu Ende. „Wo wir niemals alt werden“ ist der Titel des zweiten, der im Mutterleib spielt. Fötus eins (Bernd Hölscher) ist Geburtsverweigerer, weil er schon zu viel vom Leben draußen mitbekommen hat. Fötus zwei (Christian Ehrich) argumentiert für die guten Seiten des Eintritts ins Leben, lässt sich aber von seinem Bruder austricksen. Fötus eins tritt schon vor seiner Geburt mit einem drastischen Akt der Verweigerung in die Fußstapfen seines Vaters.

Im letzten Akt sind die Zeitebenen raffiniert miteinander verwoben, denn die Erinnerungen der Protagonisten werden auf der Bühne auf verwirrende Weise Wirklichkeit. Deshalb sitzt Daniel seinen Gebeinen gegenüber, während die Schlüsselszene seiner Ankunft im Haus des Colonels noch mal und noch mal aus Sicht der anderen abläuft.

Dabei spielt der Autor in seinem verrätselten Märchen mit persönlichen Erinnerungen und signifikanten Abweichungen im Gedächtnis der anderen Beteiligten. Jene Szene etwa, in der Daniel Violet zum ersten mal ausführen will, gibt es in drei Varianten und nur die letzte geht gut für ihn aus.

„Smokefall“ ist das zweite Stück des US-Amerikaners, das am Staatstheater Kassel zu sehen ist. In der vergangenen Spielzeit wurde „Lucky Happiness Golden Express“ uraufgeführt. Auf den ersten Blick verhält es sich mit „Smokefall“ wie mit dem zweiten Album einer Gruppe, die ein großartiges Debüt hingelegt hat, das es trotzdem zu toppen gilt. Das gelingt, vor allem beim Dialog der Embryonen und in der zweiten Hälfte des dritten Akts. Andererseits sind einige Effekte, die in „Lucky Happiness Golden Express“ den Reiz des Neuen hatten, schon bekannt. Auf jeden Fall verlangt „Smokefall“ dem Zuschauer eine weitaus höhere Reflexionsleistung ab als das anschaulichere Zweigenerationenstück.

Weitere Aufführungen sind am Samstag und Sonntag, 10. und 11. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Infos unter www.staatstheater-kassel.de

von Armin Hennig

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