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Marburg Auf zwei Rädern um die ganze Welt
Marburg Auf zwei Rädern um die ganze Welt
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00:17 28.07.2018
Auch in Indien war Christian Vogel mit seinem Motorrad unterwegs und brach sich bei einem Unfall die Hand – die Reise ging trotzdem weiter.  Quelle: Busch Media Group
Marburg

In der Mongolei ist er mit dem 300 Kilo schweren Motorrad mutterseelenallein bei 40 Grad im Nirgendwo liegengeblieben. In China durfte er tagelang das Hotel nicht verlassen.

In Pakistan saß er ­ohne Geld fest, weil die Bankautomaten keinen Strom hatten. In Indien brach er sich bei einem Unfall seine Hand und die Gabel seines Motorrads. Trotzdem: „Ich würde das sofort wieder machen“, sagt Christian Vogel im Gespräch mit der OP anlässlich der Vorpremiere seines Films in Marburg. Sofort.

Die Sehnsucht war groß, schon immer. Im Film zeigt die Mutter von Christian Vogel ein Bild, das er im Kindergarten gemalt hat. Eine Weltkugel. „Einmal um die Welt“ hat die Kindergärtnerin in die Mitte geschrieben.

Weltreisender Christian Vogel stellte seinen Film im Cineplex vor. Foto: Nadja Schwarzwäller

2015 ist es dann so weit. Christian eröffnet seinen Eltern, dass er seinen Job und seine Wohnung gekündigt hat und sich endlich seinen Lebenstraum verwirklichen will. Schon die Vorbereitungen filmt er – damals noch ohne ein konkretes Vorhaben, wie er erzählt.

Aus den 400 Stunden Material, das er von seiner Reise mitgebracht hat, machte er erst einmal einen Trailer und fragte andere, ob das überhaupt eine Geschichte sei. Dann ging er Klinkenputzen beim Fernsehen.
Obwohl er selbst als ­Redakteur in Kassel arbeitet, winkten ­alle Sender ab. Bei einem Sushi-Essen fand sich dann aber ein Co-Produzent für einen Kinofilm. Und „Egal was kommt“ wurde zum Abenteuer nach dem Abenteuer.

Christian Vogel: „Ich bin heute zufriedener.“

Als Redakteur ist es Christian Vogel gewöhnt, Geschichten zu erzählen. Fürs Kino sei es allerdings ein völlig anderes Arbeiten, und dabei habe er auch viel Neues gelernt über Storytelling und Spannungsbögen. Dadurch hat sich seine Herangehens­weise an seinen Job verändert, erklärt er.

Davon, dass er aktuell zu diesem Job gar nicht kommt, weil er auf Tour in rund 150 Kinos ist, mal ganz abgesehen. Und natürlich hat sich mit dieser Reise auch die Sicht auf sein ganzes Leben verändert. Auch mit dem Abstand von inzwischen zwei Jahren auf die Erlebnisse.

„Ich bin heute zufriedener“, resümiert Vogel. Auch, weil seine Sehnsucht gestillt ist. Aber auch, weil viele der ­Probleme seines Alltag relativiert sind durch alles, was er gesehen und erlebt hat. Katastrophen und Dinge, die nicht planbar sind, gehören dazu. Vor allem aber auch fantastische Landschaften und ganz besondere ­Momente und Begegnungen.

In Pakistan bekommt er von einem Polizisten dessen Wochenlohn geschenkt, damit es weitergehen kann, auch wenn die Geldautomaten keinen Strom haben. In der Mongolei hilft ihm eine Nomadenfamilie und nimmt ihn mit nach Hause.

Roadmovie ist zugleich auch eine Liebesgeschichte

Bis es nach seinem Unfall weitergehen kann mit der Reise, vergehen Wochen. Und auch dort helfen Menschen, die eben noch Fremde waren. Der Mechaniker, der sich um Christians Motorrad kümmert, lädt ihn in sein Wohnheim ein.

Und zuhause arbeiten die ­Familie und Freundin Miriam mit Feuereifer daran, Ersatz­teile für das Motorrad zu beschaffen und möglichst schnell und günstig nach Indien zu schicken. Miriam hat er in der Vorbereitung auf die Reise erst kennengelernt. Dass der Film auch davon erzählt, macht ihn nicht nur zum Roadmovie, sondern gleich auch noch zur Liebesgeschichte.

Die hat übrigens ein Happy-End: Die junge Liebe zwischen den beiden hat die Trennung überstanden, inzwischen sind sie verlobt und Miriam war bei der Präsentation in Marburg ­dabei. Sie ist Ärztin und hat Christian im Vorfeld der Reise bei medizinischen Fragen beraten. Und damit er sich im Notfall selbst verarzten kann, hat er als Vorbereitung auch Nähte an Hühnchenhaut geübt.

Weil an der Entstehung des Films dann so viele Menschen beteiligt waren, betont der Regisseur, dass es nicht „sein“ Film sei, sondern „unser“ Film.

Was die Reiseroute angeht, hat Vogel bewusst nicht konkret geplant. Und selbst die grobe Vorstellung, die er im Kopf hatte, musste vor Ort immer wieder umgeworfen werden. „Auch die vielen Bilder, die ich von Ländern im Kopf hatte, und die Vorurteile wurden in Dauerschleife widerlegt“, sagt er.

150 Zuschauer schauen gebannt auf die Kinoleinwand

Gibt es einen Ort, ein Land, das es ihm besonders angetan hat? „Nord-Pakistan.“ Außerdem hat er sich in Russland verliebt, weil dort die Menschen so gastfreundlich und warmherzig seien.

All das transportiert sich auch in seinem Film, der spannend erzählt und beeindruckend gefilmt und geschnitten ist. Die knapp 150 Besucher, die zur OP-Vorpremiere ins Marburger Cine­plex gekommen waren, saßen zwei Stunden gebannt in ihren Kinositzen und nutzten danach die Möglichkeit, Christian Vogel Fragen zu stellen.

Die vielen anwesenden Motorradfans interessierte natürlich auch, wie die Maschine die Strapazen der mehr als 50 000 Kilometer überstanden hat. Abgesehen von dem Unfall und seinen Folgen war aber außer einem selbst vorgenommenen Ölwechsel erstaunlicherweise nichts nötig. Und Christian Vogel? Der hat zwar seine Sehnsucht gestillt, aber: „Fernweh ist halt nicht heilbar.“

von Nadja Schwarzwäller