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Marburg Versuchter Mord: Psychiatrie auf unbestimmte Zeit
Marburg Versuchter Mord: Psychiatrie auf unbestimmte Zeit
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00:17 03.06.2018
Verteidiger Peter Thiel spricht mit dem Angeklagten, der von einem Justizbeamten bewacht wird und während des Prozesses  Handschellen trägt.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Anscheinend lebte er in einem extremen „Wahngebilde“, fühlte sich allerorts verfolgt und bedroht. Auch in seiner eigenen Wohnung habe sich der Mann nicht mehr sicher gefühlt, vermutete, er werde von der Polizei überwacht.

In dem neuen Nachbarn, der erst drei Wochen vor der Tat eingezogen war, sah er eine Bedrohung und dachte, der 19-Jährige wäre ebenfalls ein Polizist. Daher versuchte er, den Nachbarn zu töten, nutzte­ dabei das Überraschungsmoment aus.

Für die Kammer stand fest, dass dabei ein versuchter Mord und eine gefährliche Körperverletzung als Tatbestand erfüllt wurde. Aufgrund seiner massiven psychischen Störung gilt der Täter dabei als schuldunfähig, „er war nicht in der Lage das Unrecht einzusehen“, erklärte­ der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm.

Die Tat sei einer jener tragischen Fälle, „bei dem die Täter Dinge tun, die sie im gesunden Zustand niemals tun würden und worunter die Opfer lange zu leiden haben“. Die ­körperlichen Verletzungen des Opfers seien zwar verheilt, nicht jedoch die seelischen Folgen für den jungen Mann, der bis heute Angst vor dem Einschlafen habe.

Als „tragisch“ wertete der Richter ebenfalls eine „schwere­ Verlaufsform der Krankheit“ des Angeklagten. Denn es sei durchaus möglich, dass bei dem jungen Mann, wenn überhaupt, erst nach vielen Jahren an Heilung zu denken wäre, eventuelle auch gar nicht, „das ist bitter“, so Oehm.

Opfer war arg- und wehrlos

Denn der Angriff auf den Nachbarn entsprang nicht aus einem psychotischen Schub heraus, die Erkrankung war nicht neu, sondern über die Jahre gewachsen und wohl verschlimmert durch eine fehlende Behandlung sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch, wie die Gutachterin berichtet hatte.

Bereits zuvor hatten Zeugen von einer Art zunehmendem Verfall des jungen Mannes berichtet, der alleine lebte, zunehmend abstumpfte und sich aus dem sozialen ­Leben zurückzog. Anscheinend hatte er kaum Bezug zu Familie oder Freunden, niemanden, der auf eine bedenkliche Verhaltensänderung reagiert hätte.­

Im Laufe der Zeit nahm der Wahn zu, die paranoide Schizophrenie wurde chronisch, so die Sachverständige. Das sei ein Grund, weshalb die Behandlung in der Psychiatrie, in welcher der Mann seit der Tat lebt, bis heute nicht angeschlagen hätte. Dass er für längere Zeit in der Unterbringung verbleiben muss, war vor Gericht unstrittig. Nicht jedoch, was am Ende außerdem noch im Urteil stehen sollte und sich wohl stark auf die Chance­ einer möglichen Entlassung auswirken dürfte.

Darunter der tatsächlich abgeschlossene versuchte Mord. Diesen sah Staatsanwalt Timo Ide als bestätigt, das Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt an. Der Täter hatte den Studenten im Schlaf überrascht, „er war arg- und wehrlos und konnte sich nicht verteidigen“, so der Staatsanwalt.

Dass dies sein Mandant genauso beabsichtigt hatte, das zweifelte Verteidiger Peter Thiel an. Denn zuvor hatte der Täter die Wohnungstür lautstark eingetreten, danach noch das Licht in der Küche angeschaltet, um die Tatwaffe auszuwählen.

Kammer hebt „sehr schlechte Prognose“ hervor

Der Angreifer habe sich zumindest „nicht auf Zehenspitzen angeschlichen“, sei wenig behutsam vorgegangen. „Wer töten will, der macht das nicht“, meinte Thiel, der nicht von einem versuchten Mord ausging.

Die Kammer folgte zum Großteil den Einschätzungen der Staatsanwaltschaft und hob eine­ „sehr schlechte Prognose“ des Angeklagten hervor. Die ist besonders bedenklich, weil der Mann bislang keinerlei Einsicht seinem Zustand gegenüber zeigt.

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Vor Gericht hatte der Angeklagte keine Angaben zur Sache gemacht, er gilt als gefährlich und durfte während des gesamten Prozesses die Handschellen nicht ablegen. Seine Psychose erkennt er bis heute nicht an, was eine Therapie ebenfalls erschwert. Von einer Einlassung sah er ab, nutzte auch die Chance auf das letzte Wort nicht. „Ich habe nichts zu sagen“, teilte er trocken mit. Das Urteil vernahm er scheinbar emotionslos, starrte still vor sich hin oder sah immer wieder zur Saal-Uhr.

Der Mann wird auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie verbleiben. In seiner jetzigen Verfassung sei mit weiteren, ähnlichen Verbrechen zu rechnen, er stelle eine Gefahr für die Gesellschaft dar, erklärte der Richter. „Die Frage zur Aussetzung zur Bewährung stellt sich zum jetzigen Zeitpunkt erst gar nicht“.

Wie lange die Sicherung andauern könnte und ob er überhaupt jemals entlassen werden kann, ist fraglich. „Die Zukunft wird zeigen, ob die Behandlung irgendwann anschlägt und er ein normales Leben führen kann – vielleicht erst spät, vielleicht nie“, befand auch der Verteidiger.

von Ina Tannert