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Marburg Auf geht‘s Herbert, schieß dich tot!
Marburg Auf geht‘s Herbert, schieß dich tot!
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20:36 07.11.2010
Sebastian Muskalla, Annette Müller und Oda Zuschneid überzeugten am Samstagabend in „Der Selbstmörder“. Quelle: Ramon Haind

Marburg. Was eine nur so dahingesagte Selbstmorddrohung auslösen kann, zeigt das Stück „Der Selbstmörder“ von Hansjörg Betschart frei nach Nikolai R. Erdmann, das seit Samstag am Hessischen Landestheater Marburg zu sehen ist.

Die Inszenierung versetzt das im Jahr 1928 geschriebene Stück in die Gegenwart – ab und an ins Gedächtnis gerufen durch Äußerungen wie „Wir leben im 21. Jahrhundert“ oder die Bezugnahme auf Aktuelles wie den Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke im vergangenen Jahr.

Einen „Soundtrack“ gibt es auch: Die anfänglich befremdlich wirkende Blasmusik macht bald Sinn. Denn Herbert Huber möchte Tuba lernen.
Die Figuren sind schon fast Karikaturen. Besonders Ehefrau Uschi (Oda Zuschneid), die mit offenstehendem Mund und ungläubigem Blick über die Bühne hastet, könnte ein Zeichner mühelos als Comicfigur wiedergeben. Herrlich neurotisch gibt Sebastian Muskalla den mit seinem Leben als Langzeitarbeitsloser höchst unzufriedenen Herbert Huber.

Der bemerkt, wie er mit einer kleinen Äußerung plötzlich im Zentrum des Interesses steht. Zunächst nur bei seiner Ehefrau und seiner Schwiegermutter, die sich auf einmal um den sonst als Versager Betrachteten sorgen. Trotzig macht Huber mit und kündigt erneut seinen Selbstmord an, für den er niemandem die Schuld geben möchte.

Da hat er die Rechnung allerdings ohne die anderen gemacht. Denn sobald sich herumspricht, was Huber vorhat, melden sich Interessenten, die wollen, dass der Selbstmord ihren Anliegen gilt. So möchte beispielsweise der Polizist, dass er sich wegen der um sich greifenden Behördenwillkür umbringt. Der Wachtmeister, gespielt von Ogün Derendeli, sorgt gleich bei seinem ersten Auftritt für einen Knaller, als er das Publikum über eine falsch geparktes Auto informiert und, als niemand seiner Aufforderung, den Wagen wegzufahren, nachkommt, seine Ansage auf türkisch wiederholt.

Insgesamt überzeugten die Schauspieler des Marburger Ensembles durchweg. Annette Müller wechselte fliegend zwischen der Rolle der Schwiegermutter und der einer überdrehten High-Society-Französin, auch wenn deren vermeintlich französischer Akzent zwischenzeitlich eher an osteuropäische Sprachfärbung erinnerte.

Gegen Ende wirkte die Handlung zeitweise etwas wirr, und der Schluss ließ die Zuschauer mit einer brennenden Frage zurück: „Wer zur Hölle ist Karin?“ Allerdings tut das dem Spaß keinen Abbruch, den „Der Selbstmörder“ zweifelsfrei dem überwiegenden Teil des Premierenpublikums beschert hat.

von Tanja Hamer

Mehr lesen Sie am Montag in der Printausgabe der OP.

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