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Marburg Auf der Suche 
nach der Demokratie
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18:47 08.05.2017
Der Marburger Regisseur, Autor und Schauspieler Rolf Michenfelder (rechts) sitzt neben Laurenz Raschke, der für Sound und Musikbearbeitung zuständig ist. Quelle: Nadja Schwarzwäller
Marburg

Alexander Gauland und Rio Reiser zusammen auf einer Bühne? Rolf Michenfelder bringt dieses Kunststück fertig – zumindest textlich in einem Theaterstück. Für die nächste Premiere des „german stage service“ hat er Texte von „Ton Steine Scherben“ ebenso wie von der AfD zusammengesucht. Und damit stellt die Bühnenfigur, die er spielt, die Frage, was das denn ist, wofür wir kämpfen sollen, wenn – wie überall zu lesen war – der Kampf um die Demokratie begonnen hat.

Nachdem Rolf Michenfelder auffiel, dass alle Medien mit solchen Schlagzeilen daherkamen, hat ihn das beschäftigt, erzählt er. Wie lässt sich Kritik am System äußern? Darf man, um die Rechte zu bekämpfen, alles andere nicht mehr schlecht finden? „Ich lasse mich nicht einfach so vereinnahmen“, sagt Michenfelder. Als er anfing, „herumzustöbern“, stieß er auf einen Text auf der AfD-Homepage über Künstler. Und fragte sich, was er – als Künstler – damit machen sollte.

Was er gemacht hat ist ein Theaterstück in das Spannungsfeld „zwischen einem Aufbruch nach vorn in ein Deutschland, das es so nie geben wird, und einem Aufbruch zurück in ein Deutschland, das es so nie gegeben hat“ zu packen, wie es in der Beschreibung des Stücks heißt. Er hat sich vergegenwärtigt, was er in seinem Leben schon alles an Aufbrüchen erlebt hat – von den 1970er-Jahren, als er in Marburg zu studieren begann bis heute.

Von „Ton Steine Scherben“ bis zu AfD-Politikern

Damals seien die Anfänge für eine offene und liberale Gesellschaft gelegt worden, heute erleben wir einen rechten Aufbruch in Europa. Sein Stück „Dieses Land ist es nicht“ enthält verschiedene Texte – von damals und aus Liedern der Band „Ton Steine Scherben“ bis hin zur heutigen und aus Reden von AfD-Politikern. Ganz bewusst will er alles ernst nehmen – „es gibt genug Leute, die darüber Witze machen“.

Es werden keine Karikaturen gezeichnet, nichts soll lächerlich gemacht werden. Er verleihe seinen Körper und seine Stimme in der Kunstfigur des Stückes – an wen, das darf auch einmal im Unklaren bleiben. Die Figur ist übrigens genauso geschminkt wie die seines letzten Stückes „Oooh I need your love babe“. In dem ging es um Gedächtnisverlust. „Dieses Land ist es nicht“ thematisiere wiederum auch irgendwie ein Gedächtnis, sagt Rolf Michenfelder.

Für ihn selbst hat die Beschäftigung mit dem Thema übrigens durchaus Optimismus zum Ergebnis. „Eine gewisse Gelassenheit hatte ich sowieso schon“, sagt er. „Jetzt bin ich etwas klarsichtiger. Nicht, weil ich verstehen würde, wie das alles funktioniert, sondern weil ich verstehe, wie ich es sehe.“ Die Frage, was man denkt und ob man das nach näherer Betrachtung auch weiterhin so übernehmen kann, die stellt sich dann vielleicht auch dem Publikum.

  • Premiere feiert das Stück „Dieses Land ist es nicht“ am Freitag, 12. Mai, um 20 Uhr im Theater im G-Werk (Afföllerwiesen). Weitere Aufführungen finden am 13., am 18., am 19. und am 20. Mai ebenfalls um 20 Uhr, am 21. Mai um 18 Uhr statt. Infos und Tickets gibt es über die Homepage www.germanstage­service.de. Das Stück wird gefördert von der Stadt Marburg und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

von Nadja Schwarzwäller

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