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Marburg Kritik an Baumfällungen in Marburg
Marburg Kritik an Baumfällungen in Marburg
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00:16 27.02.2019
Die sechs alten Eichen im Vitos-Park sind nicht die einzigen Bäume, die in den vergangenen Tagen gefällt wurden. Auch am Oberen Rotenberg und nahe des Hallenbads Wehrda gab es Fällungen. Quelle: Björn Wisker
Marburg

„Die Gründe für die Gehölzentfernung am Oberen Rotenberg werden derzeit noch geprüft“ – selbst die Stadtverwaltung rätselt auf OP-Anfrage offenbar über die jüngsten Bäumfällungen auf dem Grundstück, wo künftig ein Tegut-Supermarkt und nebendran ein Mini-Wohngebiet entstehen sollen. Die städtischen Fachdienste seien jedenfalls „in den Vorgang bisher nicht involviert gewesen“.

Damit könnte es auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei Philipps Verstöße gegen die kommunale Baumschutz-Satzung und somit Ordnungswidrigkeiten gegeben haben. Diese „kann mit einer Geldbuße geahndet werden. Der Verursacher ist zu einer Ersatzpflanzung oder Ausgleichszahlung verpflichtet“, heißt es von der Stadt Marburg. Sei eine Ersatzpflanzung nicht möglich, so kann für jeden gefällten Baum eine Ausgleichszahlung verlangt werden. Deren Höhe richte sich nach der gefällten Baumart und der Größe des Baumes.

Stadt weist mit Hinweisblatt auf Artenschutz hin

Für die sechs im Vitos-Park gefällten Eichen – Bäume aus der Gründungszeit des Parks – sollen binnen eines Jahres Nachpflanzungen geschehen. Und die neuen Bäume müssen wohl zumindest in der Nähe der gefällten Exemplare gepflanzt werden. Ein Zusammenhang zwischen Baumfällungen und möglicherweise erweiterten Wohnungsbauvorhaben am unteren Richtsberg hat der Magistrat zuletzt dementiert (OP berichtete).

Auf OP-Nachfrage, ob die Untere Naturschutzbehörde in Bezug auf den Artenschutz – auf dessen Stellenwert Naturschützer verweisen – bei der Fällgenehmigung im Vitos-Park beteiligt wurde, antwortet die Stadt ­allerdings ausweichend: Artenschutzrechtliche Vorschriften seien bei der Fällung einzuhalten. „Den Fällgenehmigungen ist jeweils ein Hinweisblatt der Unteren Naturschutzbehörde ‚Gehölzpflege im Einklang mit dem Artenschutz‘ beigefügt. Auf die Einhaltung des Artenschutzes, insbesondere des Vogelschutzes während der Brutzeit von März bis September wird gesondert hingewiesen. Die ­Untere Naturschutzbehörde ­beantwortet denjenigen, die Bäume fällen möchten, gerne­ weitergehende Fragen zum ­Artenschutz.“ Grundsätzlich gebe es für das ganze Klinik-Areal nach Angaben der Stadt ein von Vitos im Jahr 2012 erstelltes „freiraumplanerisches Entwicklungskonzept“.

Mehr als 1.500 Bäume wurden seit 2016 gefällt

Kritiker sehen speziell in den Eichen-Fällungen im Cappeler Vitos-Park eine „Zerstörung von wichtigen Natur- und Denkmalschutzgütern, die für das Stadtklima wichtig waren und vor allem überlebenswichtigen Sauerstoff produzieren“, wie es etwa ­Johannes Linn von der Lokalen-Agenda-Gruppe im Umweltausschuss sagte. Auch nahe des Hallenbads Wehrda sind mehrere Bäume abgesägt worden. Für diese Fläche sei dem ausführenden Betrieb allerdings Anfang Februar die Genehmigung zur Fällung von acht Weiden erteilt worden. Drei der Bäume seien zum Teil „stark vermorscht“ gewesen, drohten auseinanderzubrechen oder umzustürzen. Die anderen Bäume standen unmittelbar am Grenzzaun – „als Ergebnis jahrelang vernachlässigter Gehölzpflege“. Als Ersatz für die gefällten Bäume wurde eine Nachpflanzung von acht einheimischen Laubgehölzen gefordert.

Die Zahl der beantragten und genehmigten Fällungen stellt sich nach Stadtverwaltungsangaben so dar:

  • Im Jahr 2016 gab es 226 ­Anträge für 499 Einzelbäume
  • Im Jahr 2017 gab es 219 ­Anträge für 520 Einzelbäume
  • Im Jahr 2018 gab es 223 ­Anträge für 632 Einzelbäume

Die Zahl der tatsächlich gefällten Bäume ist der Stadt allerdings nicht bekannt. Die Fällgenehmigungen haben eine Gültigkeitsdauer von zwei Jahren, die tatsächliche Ausführung müsse den Behörden nicht gemeldet werden.

von Björn Wisker