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Marburg Mit Klappmesser in Hals geschnitten
Marburg Mit Klappmesser in Hals geschnitten
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00:18 03.03.2019
Ein Mann wird wegen schwerer Körperverletzung zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Pflichtverteidiger Gunter Specht hatte seinem Mandanten wohl geraten, zu allen Vorwürfen zu schweigen, sodass das Gericht eine Reihe von Zeugen laden und ausführlich befragen musste. Der Angeklagte, ein noch nicht anerkannter Asylbewerber aus dem Sudan, hatte im August vergangenen Jahres einen 19-jährigen syrischen Asylsuchenden mit einem Klappmesser am Hals zwei Schnittwunden von sechs beziehungsweise drei Zentimetern Länge zugefügt, die ärztlich behandelt werden mussten.

Der Geschädigte erzählte, dass man sich vom Sehen her kannte und von einem merkwürdigen Telefonanruf zwei Tage zuvor, den er dem Angeklagten zurechnete. Nach Angaben des Opfers sei er am Abend dem ­Angeklagten und einem Begleiter eher zufällig begegnet. Nach einem kurzen Wortwechsel habe er keinen Ärger haben wollen und seinen Weg zu seinen Großeltern in der Nähe fortgesetzt.

Der Angeklagte habe ihn verfolgt, an der Haustüre gestellt und ihm mit einem Messer die zwei Wunden seitlich am Hals beigebracht. Sie seien heute noch sichtbar, belegte er seine Aussage optisch.

Gutachten: Angeklagter nahm regelmäßig Drogen

Der behandelnde Arzt, als Zeuge geladen, mochte sich ausdrücklich nicht zu den Folgen eines eventuell tieferen Schnittes äußern. Unklar blieben auch der Verbleib der Tatwaffe, die trotz intensiver Suche durch Polizeibeamte nicht gefunden wurde, und der Anlass der Auseinandersetzung.

Der den Täter begleitende jungen Mann sagte aus, dass der Geschädigte den Angeklagten zuerst angegriffen habe. Doch wie sich während der Befragung herausstellte, war dieser mit dem Angeklagten verwandt – der Aussage demzufolge nur mit großer Vorsicht zu begegnen.

Mit Interesse verfolgten alle­ das Gutachten eines Sachverständigen. Dieser berichtete, dass der Angeklagte am 9. August 2014 über Italien und Frankreich nach Deutschland eingereist sei. Zunächst betreute ihn der Elisabeth-Verein in einer WG, später sei er zur Betreuung in eine Familie gekommen, wo er schnell seine eigenen Wege ging. Er nächtigte bei Freunden und sei nach Auflistung von Richter Best wegen insgesamt sechs kleinerer Vorstrafen bereits verurteilt worden.

Der Sachverständige attestierte dem Angeklagten einen regelmäßigen Drogenkonsum, mochte aber keine klare Aussage zur Einschränkung der Steuerungsfähigkeit treffen, da kein Gespräch zwischen dem Angeklagten und ihm zuvor stattgefunden hatte.

Verteidiger: Opfer hat sich Schnitte selbst beigebracht

Obwohl bei der Tat keine Zeugen zugegen waren, war sich der Staatsanwalt sicher, dass der Angeklagte die Tat begangen haben muss und forderte für den jeweils aus der Untersuchungshaft in Gießen kommenden Mann drei Jahre und sechs Monate Haft sowie die Möglichkeit eines Drogenentzugs.

Auf Freispruch plädierte hingegen Verteidiger Specht, sah er doch viele Widersprüche in den Zeugenaussagen und unterstellte, dass sich das Opfer aus Hass gegen seinen Mandanten die Schnitte selbst beigebracht habe. Man müsse schon ein japanischer „Fugu-Meister“ sein, der sich im Filetieren von Kugelfisch auskenne, um sich so eine Verletzung selbst zufügen zu können, erläuterte Richter Best in seinen Ausführungen, nachdem das Schöffengericht den Angeklagten zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt hatte. Außerdem soll er, mit seinem Einverständnis, an einem Drogenentzug teilnehmen.

von Heinz-Dieter Henkel