Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg An diesem Geiger ist alles Musik
Marburg An diesem Geiger ist alles Musik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:49 19.04.2010
Benjamin Schmid musizierte gemeinsam mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Quelle: Michael Arndt

Marburg. Vor vier Jahren hatte Benjamin Schmid das Publikum der Eckelshausener Musiktage als fantasievoller Jazz- und sensibler Kammermusiker begeistert. Bei seinem ersten Konzertverein-Gastspiel fesselte der Ausnahmegeiger die 600 Zuhörer mit einer atemberaubenden Wiedergabe des viel gespielten g-Moll-Violinkonzertes von Max Bruch, das leider oft auch sentimentalisiert wird.
Nichts davon bei Schmid. Er musizierte, als wäre dieses romantische Meisterwerk gerade erst komponiert worden. Überwältigend waren bereits der raumfüllende, dabei nie forcierte große Ton und die geradezu unter Hochspannung stehende männliche Attacke im kadenzartigen Konzertbeginn. Alles an diesem Geiger ist Musik. Er durchlebte sie sichtbar, auch wenn er schwieg und dem ganz im romantischen Überschwang aufgehenden Spiel des hingebungsvoll begleitenden Staatsorchesters Rheinische Philharmonie unter der Leitung seines Chefdirigenten Daniel Raiskin zuhörte.
Schmid verstand es aber auch, auf seiner Geige zu singen: Mit betörend süßem, dynamisch fein abgestuftem Ton und ohne jeden sentimentalen Drücker traf er genau den empfindsamen Charakter des herrlichen Adagio-Mittelsatzes bis hin zu seinem schwelgerischen Höhepunkt. Und das ungarisierende Finale durchmaß er feurig und mit tänzerischer Eleganz zugleich.
Für die Ovationen des begeisterten Publikums bedankte Schmid sich mit einer opulenten Zugabe: der nur um einen der drei Sätze gekürzten vierten Solosonate von Eugène Ysaye, in der dieser Themen des Wiener Geigers Fritz Kreisler zitiert – ein Heimspiel also für den gebürtigen Wiener Schmid, der die technischen Teufeleien mit traumwandlerischer Sicherheit meisterte.
Das Koblenzer Orchester hatte den letzten Abend der Konzertverein-Saison 2009/2010 mit einer hochdramatisch zugespitzten Wiedergabe von Ludwig van Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 eröffnet und beendete ihn mit Robert Schumanns dritter Sinfonie, der von fremder Hand die Bezeichnung „Rheinische“ gegeben worden war – wohl weil Schumann sie quasi zum Einstand als Städtischer Musikdirektor von Düsseldorf geschrieben hat. Das an allen Pulten glänzend besetzte Staatsorchester Rheinische Philharmonie widmete sich unter Raiskins fordernder Stabführung den lebensfrohen Ecksätzen mit begeisterndem Schwung – und mit Wärme dem behaglich ländlerhaften Scherzo sowie dem liedhaft idyllischen dritten Satz.
Höhepunkt aber war der von den so kraftvoll auftrumpfenden wie kultivierten Blechbläsern getragene vierte Satz mit seiner auf Johann Sebastian Bach zurückgehenden Fugenstrenge und seinem bereits auf Anton Bruckner vorausweisenden Kathedralenklang. Schumann soll dazu von einem Besuch im Kölner Dom inspiriert worden sein.

von Michael Arndt

Der Marburger Konzertverein eröffnet seine Spielzeit 2010/2011 am Freitag, 8. Oktober, mit einem Gastspiel des Kammerorchesters Capella Istropolitana unter der Leitung von Volker Schmidt-Gertenbach. Das Programm der kommenden Spielzeit finden Sie auf www.marburger-konzertverein.de