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Alles ist käuflich, nichts ist heilig

Uraufführung: "Nakes Short Selling" Alles ist käuflich, nichts ist heilig

Eine Menge Fachwissen in Sachen Geldmärkte konnte man bei der Uraufführung des Stücks „Naked Short Selling“ im Hessischen Landestheater Marburg gewinnen.

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Zocker-Freunde in Not: Kevin (Sebastian Muskalla, rechts) und Frank (Daniel Sempf).

Quelle: Hessisches Landestheater

Marburg. In Wahrheit blieben die Geldflüsse, die bei „Naked Short Selling“ zur Sprache kamen, dem Zuschauer jedoch so rätselhaft wie (meist) bei der Lektüre des Wirtschaftsteils. „Leerverkauf ohne Deckung“ lautet der übersetzte Titel des Stücks, und ein solcher - nicht illegaler, aber riskioreicher - Leerverkauf von Aktien ist eine Transaktion, bei der man offenkundig eine Menge Geld verdienen oder verlieren kann. So wie Kevin und Frank, zwei Freunde, die die Lust am Zocken und das große Geld verbindet. Verbunden sind sie auch durch ihre Einstellung zu Frauen, die ebenfalls vom Handels- und Warenwert bestimmt zu sein scheint.

Die Geschichte beginnt wie eine Boulevardkomödie: Ein piekfeines Essen bei Kevin und seiner labilen Frau Susan, zu dem nur Fiona, Franks Frau, erscheint. Denn Frank hat sie für Sarah verlassen, blutjung und zuvor Assistentin von Kevin - wie auch Fiona und Susan es waren. Man trinkt, smalltalkt und bemüht sich mehr oder weniger um Fassung. Und mitten in der Nacht steht dann doch noch Frank vor der Tür, denn eines der Geschäfte, einer der besagten Leerverkäufe, ist schiefgelaufen. Millionen stehen auf dem Spiel, die Existenz. Da bleibt von der Freundschaft nicht viel übrig. Und mit dem Auftauchen eines weiteren Gastes auch sonst nicht mehr allzuviel von der Upper-Class-Existenz.

Hansjörg Betschart hat dieses Stück im Auftrag des Landestehaters geschrieben und eine Geschichte erzählt, die die unübersichtliche, meist als amoralisch beschriebene Welt der Finanzmärkte mit dem Privatleben der Akteure verknüpft: Alles ist käuflich, nichts ist heilig. In kühl-künstlicher Atmosphäre lässt Betschart, der auch Regie geführt hat, seine Figuren wie Akteure aus dem Denver-Clan parlieren, hysterisch werden oder Ränke schmieden. Dabei dreht sich im ersten Teil viel um die Inhaltsleere dieser Leben, die sich um teuren Wein, Parisreisen und französische Küche ranken und in denen kein Platz für Gefühle ist - ein Blick auf die bösen unglücklichen Reichen, der kein neuer ist.

Erst nach der Pause wird der Aspekt des Menschen als Objekt des Tauschhandels in der Konfrontation von Frank und Kevin herausgearbeitet, bekommt das Thema Tiefe.

Jetzt hätte man sich mehr Momente gewünscht wie den im ersten Teil, wenn Frank und Susan aus ihren Rollen heraustreten, um den „Leerverkauf ohne Deckung“ zu erklären, in einer Mischung aus Showeinlage und den Sicherheitshinweisen einer Stewardess. Doch allzusehr bleibt Betschart dem Stil einer Boulevardkomödie verhaftet, bei der zwar ein paar schöne Sentenzen und scharfe Spitzen ausgesprochen werden, die Darstellung jedoch im Konventionellen verhaftet bleibt - trotz der guten Leistung der Schauspieler. Sebastian Muskalla lächelt als Kevin während des gesamten Stückes tatsächlich kein einziges Mal, Daniel Sempf ist ein körperbetonter Frank und Sonka Vogt eine ungemein zerbrechliche Susan, deren lyrische Exkurse für schöne Momente der Innerlichkeit sorgen.

Auch das Bühnenbild mit seiner kühlen Leere besticht durchaus, vor allem die teuren Designermöbel, auf denen die Figuren nie eine Sitzposition finden, die bequem wäre. So fremd wie in ihrer Einrichtung sind sie offenbar im eigenen Leben.

Der Schluss, bei dem eine Art Deus ex machina dafür sorgt, dass alles zu einem abrupten Ende kommt, wirkt zu aufgesetzt um zu überzeugen. Insgesamt hätte man sich für die Umsetzung des spanenden Themas eine in sich stimmigere Inszenierung gewünscht.

Weitere Aufführungen von „Naked Short Selling“ gibt es am Mittwoch, 24. Oktober.

von Heike Döhn

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