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Marburg Bei „Plan B“ wäre Sälzer ein großer Verlierer
Marburg Bei „Plan B“ wäre Sälzer ein großer Verlierer
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00:18 07.12.2018
Käme es am Stadtwald nicht zum derzeit geplanten Grundstücks-Deal, so gingen die beiden Grundstücke im Vordergrund wohl an die Firmen Sacher und „Die Kommunikatöre“. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der von der SEG ausgehandelte Kompromiss, wonach die Firma Sacher ihr Wunschgrundstück, die Firma Sälzer zwei Ausbauflächen und „Die Kommunikatöre“ als Ausweich-Areal neben einem Privatgrundstück auch einen Teil des städtischen Sporthallen-Geländes bekommen, gilt nur „vorbehaltlich schnellstmöglicher Umsetzung des Kaufs des Alternativgrundstücks“. Das geht aus den „Stadtwald-Leaks“ hervor. Damit es im Fall eines Scheiterns dieser Variante­ „keine weiteren Verzögerungen“ beim Grundstücksverkauf gibt, solle es die Umsetzung einer anderen Verkaufs-Alternative geben.

Und diese sieht nach OP-Informationen so aus: Die Firma Sacher erhält weiterhin das für sie seit Monaten reservierte Großgrundstück gegenüber des Verwaltungsgebäudes der Firma Sälzer. Das Sicherheitstechnik-Unternehmen, das Partner des Schüco-Konzerns ist und in den kommenden Jahren nach eigenen Angaben am Standort umfangreich expandieren will, bekommt statt zweier Flächen nur eine: Ein an die Produktionsanlagen anschließendes Grundstück, auf dem sich derzeit noch ein Bolzplatz befindet. Die Gewerbefläche schräg gegenüber des Sälzer-Firmensitzes bekommen „Die Kommunikatöre“ – so, wie es das Kleinunternehmen ursprünglich auch wollte.

Dokumente: „Gefahr der Betriebsverlagerung“

Somit würde sich die SEG faktisch an die in ihren Reservierungsschreiben gegenüber Sacher und Kommunikatöre gemachten Aussagen halten: Man sehe die Kaufangebote als verbindlich an. Daraus leitet die SEG nach eigenen Aussagen Schadenersatzansprüche ab – weshalb sie einen Deal, der unter anderem die Zahlung von bis zu 130.000 Euro für die Verlagerung der Kommunikatöre anstrebt. Die Stadt Marburg würde der Firma zudem laut der Dokumente ein öffentliches Grundstück „zum halben Marktpreis“ verkaufen und außerdem Kanalverlegungskosten in Höhe von 10.000 Euro übernehmen sowie eine öffentliche Fläche für den nötigen Parkplatz-Nachweis des Privatunternehmens bereitstellen.

Problem bei einer Umsetzung der alternativen Verkaufsvariante: Die Firma Sälzer, die derzeit 120 Mitarbeiter hat und in Kürze viel neues Personal einstellen will, ist ein wichtiger Gewerbesteuerzahler – zumal im Verbund mit Schüco. Verbaut die Stadt dem seit vielen Jahren im Stadtwald ansässigen Unternehmen dessen Expansionsmöglichkeiten, drohe im Ernstfall laut der „Stadtwald-­Leaks“ eine Abwanderung.

Ziel: Alle drei Firmen 
sollen zum Zug kommen

Es gebe demnach, so heißt es in den ­Dokumenten, „die Gefahr einer Betriebsverlagerung“, da Sälzer die eigenen Erweiterungspläne­ nicht mehr umsetzen könne. Für die Expansion seien aber „verschiedene zusätzliche Alternativen denkbar“, die man mit dem Unternehmer bereits besprochen habe. SEG und Stadt argumentieren bei einer Umsetzung der Alternativ-Variante tatsächlich mit der größtmöglichen Rechtssicherheit – jedoch könnte sich auch die Firma Sälzer vor Gericht offenbar auf ­eine schriftliche Vereinbarung aus dem Jahr 1999 berufen.

Es könne sein, dass nur ein oder zwei Unternehmen „zufriedengestellt werden können“. Ein Zuschlag für Sälzer könne­ hingegen bedeuten, dass sowohl die Firma Sacher als auch dem zwischen Mai und November als Investoren-Duo aufgetretenen Kommunikatören plus Simon & Widdig in Marburg „nicht ansässig werden“.

Zudem stellt die Stadt klar, dass man am liebsten die „in langwierigen und schwierigen­ Verhandlungen“ gefundene Alternative realisieren wolle. Denn man habe „auch ein wirtschaftliches Interesse“, ein ­
„großes Unternehmen wie Sälzer/Schüco in Marburg zu ­beheimaten“, gleichwohl wolle man „jungen und wachsenden Firmen eine Entwicklungsmöglichkeit“ ­bieten.

Und das Vertrauen in städtische Gesellschaften – letztlich in die Zusagen und Aussagen der Stadt – würde bei einer Komplettvergabe an Sälzer „massiv belastet“.

                
von Björn Wisker
 und Andreas Schmidt