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Marburg Musikalische Weltreise auf vielen Tasten
Marburg Musikalische Weltreise auf vielen Tasten
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19:32 27.04.2017
Mit ihrer Virtuosität avancierte die Russin Alevtina Nikitina zum Publikumsliebling. Quelle: Manfred Schubert
Marburg

Spätestens beim dritten Stück des Abends waren die 260 Besucher im KFZ vollends begeistert. Mit frenetischem Beifall und Bravo-
Rufen feierten sie am Samstag den Solo-Auftritt der jungen Russin Alevtina Nikitina. Mit 
ungeheurer Intensität und Virtuosität hatte die Gewinnerin 
zahlreicher Akkordeonwettbe­werbe das Rondo capriccioso von Wladislaw Solotarjow interpretiert, dem Begründer der 
modernen Musik für Bajan, die osteuropäische Form des chromatischen Knopfakkordeons. Dabei hatte sie fast durchgehend die Augen geschlossen und verschmolz förmlich mit ihrem Instrument.

Anders bei ihrer zweiten Solodarbietung. Ein Potpourri russischer Volksmelodien präsentierte sie verschmitzt lächelnd, mit Schalk in den Augen, und wurde endgültig zum Liebling des entzückten Publikums.

Stilistisch und geographisch enorme Bandbreite

Dass die russische Seele und Musik das deutsche Auditorium besonders anspricht, hatte 
sich wohl auch der Niederländer Servais Haanen, Organisator der „Akkordeonale“, 
humorvoller Moderator und Komponist der Ensemblestücke, 
 gedacht. Als zweite und letzte Zugabe nach zweieinhalb Stunden spielten alle Musiker gemeinsam, summend mit einem Augenzwinkern eingeleitet, das Lied der Wolgaschlepper.

Das neunte internationale 
Akkordeon-Festival wies eine stilistisch wie geographisch gleichermaßen enorme Bandbreite auf. Vom tropischen Inselstaat Madagaskar südlich des Äquators bis aus dem Nordwesten Russlands stammten die fünf Akkordeonkünstler und ihre beiden Begleitmusikerinnen.

Rinah Rakotovao brachte Volksmusik und eigene Lieder aus Madagaskar, unter anderem beeinflusst von den französischen Besatzern, mit, die das Akkordeon auf die Insel gebracht hatten.

Auch Laurent Derache aus Frankreich schien mit seinem Instrument zu einer Einheit zu werden, als er virtuos und leidenschaftlich seine ausgefeilten Jazzkompositionen darbot.

Alle Stücke auf ihre Weise spannend

Als ebenfalls sehr leidenschaftlich, aber auf völlig andere Art, erwies sich das bayerische Original Stefan Straubinger, der mit starker mimischer Unterstützung mit dem von ihm für ein Theaterstück geschrieben „Faschingswalzer“ eine Art Krimi ohne Worte am Bandoneon aufführte, dafür bei seinem „Jazz-Landler“ die Stimme mit Bebop-Gesang umso eindrucksvoller einsetzte.

Weit mehr als nur hervorragende Begleitmusikerinnen waren „Twelfth Day“, bestehend aus der Geigerin Catriona Price 
und der Harfenistin Esther Swift, beide zudem Sängerinnen, aus Schottland. Sie brachten auch eigene, aus traditioneller wie moderner Musik inspirierte Kompositionen ein.

Die Solo-Stücke der Akkordeonspieler brachten deren Stil am authentischsten zur Geltung, während die von Haanen komponierten oder arrangierten Ensembledarbietungen meist eher liedhaft und einfacher strukturiert waren. Aber auch sie waren auf ihre Weise spannend, weil jeder Musiker seine Spielart einzubringen verstand und sich die unterschiedlichen Charaktere und Temperamente und die in ihrer Bauart ungleichen Instrumente zu einer 
Weltmusik im besten Sinne 
verbanden.

von Manfred Schubert