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AfD wächst – nicht nur im Internet

Parteien-Gefolgschaft AfD wächst – nicht nur im Internet

„Donald-Trump-Effekt“ bleibt aus: Die Marburger Parteien verzeichnen vor der Vereidigung des neuen US-Präsidenten am Freitag kaum ein Mitgliederplus. In den sozialen Netzwerken im Internet hängt die AfD landkreisweit alle ab.

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Die Grafik zeigt die Facebook-Fans der Parteien im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Quelle: Julia Brinkmann

Marburg. Der Kreisverband der Alternative für Deutschland zählt in Marburg-Biedenkopf 4049 Facebook-Fans – mehr als doppelt so viele wie alle anderen in der Region parlamentarisch aktiven Parteien zusammen. Die Linken kommen demnach auf 664 „Likes“, gefolgt von SPD (562), FDP (342), Grünen (289), Piraten (231) und CDU (143). Bei den Facebookpräsenzen handelt es sich bisweilen um gemeinsame Seiten von Landkreis- und Marburger Stadtverbänden.

Was ist das Erfolgsrezept der Partei? „Wir nutzen diesen Weg, um direkt Mitglieder und Wähler zu informieren, Debatten zu allen wichtigen politischen Themen anzuregen“, sagt Eric Markert, Kreisvorsitzender. Der AfD sei der „gedankliche Austausch sehr wichtig, da wir so direkt mit den Bürgern in Kontakt stehen“. Das vergrößere die Reichweite, helfe „enorm“ beim Verbreiten der Partei-Positionen und der Gewinnung neuer Unterstützer – inklusive Geldspender.

Vier Ehrenamtliche kümmern sich um die Internet-Aktivitäten, sorgen für die tägliche Interaktion – in einer „neuartigen Form der öffentlichen Auseinandersetzung“ nehme die AfD „eine führende Rolle“ ein. Das ist Fakt. Die Partei ist dank ihres Social-Media-Marketings im Gegensatz zu allen anderen politischen Konkurrenten ein Internet-Thema: Unter den Trending-Tweets im Kurznachrichtendienst Twitter – der im Landkreis wie in ganz Deutschland allerdings ein Nischenmedium ist – rangiert seit Monaten beinahe täglich ein AfD-Hashtag (mal ernst wie mit #afd oder verspottend wie etwa bei #afdfragen) in den Top-20 der meistgenutzten Themenbezüge.

Die AfD hat sich laut Kommunikationsforschern als eigene Marke etabliert, sie gewinnt neue Wähler im Segment der Nicht- und Protest-, aber auch der Erstwähler – und lockt zunehmend enttäuschte Wähler anderer Parteien an. Bei der Kommunalwahl im März errang sie so 12,5 Prozent der Stimmen im Landkreis (Spitzenwert 21,3 Prozent in Steffenberg, schlechtester Wert: Marburg mit 7,6 Prozent).

Kaum Diskussionen über kommunale Themen

Laut dem „Social-Media-Atlas 2015/2016“ wird das Web 2.0 zwar weiterhin am stärksten von jungen Leuten besucht: 96 Prozent der 14- bis 19-Jährigen und 95 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner verwenden Social Media wie Facebook, Twitter, zunehmend Instagram und Snapchat. Am geringsten sind die sozialen Medien in der Altersgruppe 60+ verbreitet – aber mit 63 Prozent nutzen selbst unter den sogenannten Silver Surfern Zwei Drittel Web-2.0-Dienste.
Alle Parteien in Stadt und Landkreis bemühen sich um regelmäßige Aktualisierung ihres Netzwerk-Auftritts – die CDU hat dabei die geringste Post-Dichte der vergangenen Monate. Inhaltlich nutzen die meisten Parteien Facebook vor allem für die Ankündigung eigener Veranstaltungen oder Rückblicke auf diese. Die SPD streut im Vergleich die meisten landes- und bundespolitischen Themen über ihre lokale Social-Media-Seite.

Den stärksten kommunalpolitischen Fokus hat die FDP, die beinahe ausschließlich Marburg- und Landkreisthemen veröffentlicht, und die Grünen. Die Linke handhabt das ähnlich, allerdings fokussiert sie seit geraumer Zeit fast ausschließlich auf Marburg.

Aber Diskussionen, Kontroversen zumal über kommunale Themen? Fehlanzeige. Die stärkste Einbindung und Interaktion mit Fans pflegt die AfD. Sie postet täglich Zeitungsartikel-Links zu aktuellen bundes- oder lokalpolitischen Themen – obgleich vor allem solche, die in die eigene politische Argumentationslinie zu passen scheinen – und antwortet regelmäßig auf Nutzerkommentare, auch auf kritische.

Trump-Wahl beschert der SPD viele Neumitglieder

In der Universitätsstadt und im Landkreis ist ein „Donald-Trump-Effekt“ nach dessen Wahl zum US-Präsidenten ausgeblieben: Die Linke vermerkt seitdem kein Mitgliederplus, grundsätzlich treten aber seit 2013 jedes Jahr mehr als 30 Personen in die Partei ein – 216 sind es aktuell.

Bei den Grünen gibt es seit November 2016 einen geringen Zuwachs auf 271, allerdings bestand die Partei 2011 noch aus 279 Mitgliedern.

Die FDP hingegen erlitt einen größeren Rückgang. „Die Austritte erklären sich durch die verlorene Bundestagswahl“, erklärt Christoph Ditschler, Parteivorsitzender. Von 105 Mitgliedern sind 78 übrig. Durch die Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung verzeichne man seit mehreren Monaten wieder vereinzelte Neueintritte. Auch für die CDU hat der Trump-Wahlsieg keine Konsequenzen: Der Verband besteht kreisweit aus 1 600 Mitgliedern.
Die SPD (rund 800 Mitglieder in der Stadt) freut sich hingegen über erhöhte Eintritte in den letzten Jahren. Besonders 2013, in Bezug auf das Mitgliedervotum zum Koalitionsvertrag. Aber auch die US-Präsidentschaftswahl hat die Mitgliederzahl nun sprunghaft ansteigen lassen: 25 neue Parteibücher wurden seitdem herausgegeben. „Viel wichtiger als diese Zahlen ist aber, dass Menschen sich in einer Zeit, in der wir engagierte Menschen in der Gesellschaft mehr denn je brauchen, auch dazu entscheiden sich in Parteien zu engagieren“, sagt Jens Womelsdorf, Kreis-Geschäftsführer.

Die AfD steht indes kurz vor der 100-Mitglieder-Marke – alleine nach dem Weihnachtsmarkt-Terroranschlag in Berlin Ende vergangenen Jahres seien acht Mitgliedsanträge eingegangen, teilt die Partei mit. Damit hat die AfD ihre Anhängerschaft seit September 2015 mehr als verdoppelt (in Marburg: derzeit 31 Mitglieder).

von Björn Wisker
und Emily Davies

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