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Abrechnung mit dem Kulturbetrieb

Theaterpremiere Abrechnung mit dem Kulturbetrieb

Mit Recht darf man von einer Sensation und einem echten Coup sprechen: Als zweite Bühne überhaupt zeigt das Stadttheater Gießen Yasmina Rezas neues Drama „Ihre Version des Spiels“.

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Ringen um Deutungshoheit (von links): Rosanna Ertel-Keval (Ana Kerezovic´), Nathalie Oppenheim (Carolin Weber) und Roland Boulanger (Roman Kurtz). Foto: Rolf K. Wegst.

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Das Schauspiel der derzeit weltweit meistgespielten Dramatikerin, das erst Anfang Oktober am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde, hatte in einer Inszenierung von Intendantin Cathérine Miville im Großen Haus Premiere.

Gemeinsam mit ihrem Ensemble hat Miville, die in Gießen unter anderem schon Rezas „Gott des Gemetzels“ 2007 auf die Bühne gebracht hat, das neue Stück als Fegefeuer der Eitelkeiten des zeitgenössischen Kulturbetriebs inszeniert. Ins Blickfeld rückt das Personal des Dramas, an erster Stelle die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim, von Carolin Weber als sensible und schüchterne Außenseiterin gespielt. Sie reist in die französische Kleinstadt Vilan-en-Volène, um dort im Rahmen einer Lesereihe, die der Stadtbibliothekar Roland Boulanger - charmant: Roman Kurtz als verträumter Fan - regelmäßig veranstaltet, ihren neuen Roman „Land des Überdrusses“ vorzustellen.

Neben der obligatorischen Lesung steht ein Interview mit der Journalistin Rosanna Ertel-Keval, (Ana Kerezovic, eiskalt), an. Und ein Empfang mit dem selbstverliebten Bürgermeister, den Harald Pfeiffer als echten Narziß gibt. Das ist die Handlung des Stücks, bei dem es Reza besonders darauf ankommt, die Befindlichkeiten ihres Personals herauszustellen.

Besser gesagt: Genau um diese Befindlichkeiten geht es, denn das Schauspiel interessiert sich praktisch nicht für Oppenheims neuen Roman.

Die Kunst hat ihren Wert vollständig verloren

Er wird vielmehr zum Brennglas der Eitelkeiten der Akteure: In erster Linie der Journalistin, die das Buch zur journalistischen Quelle für die Biografie der Schriftstellerin degradiert und sich selbst so absolute Deutungshoheit zuschreibt. Aber auch für den Stadtbibliothekar und den Bürgermeister, die weniger an der Kunst als vielmehr daran interessiert sind, einen „dicken Fisch“ des Literaturbetriebs in ihrer Kleinstadt zu haben. Die Botschaft, die Reza mit dieser Handlung transportiert, ist knallhart: Die Kunst hat ihre Bedeutung und ihren Wert vollständig verloren. Sie dient bloß noch den Akteuren der Kulturszene als Vehikel zur Selbstinszenierung - woran Oppenheim, die ihren Text mit Zähnen und Klauen verteidigt und ihm etwa autobiografische Züge abspricht, nichts mehr ändern kann.

Kurzum, Reza rechnet knallhart mit der Kulturszene unserer Tage ab. Das ist derb und illusionslos, aber irgendwie ehrlich und in hohem Maße sehenswert, auch dank der gelungenen Inszenierung von Miville.

Neben durchweg guter schauspielerischer Leistung setzt sie vor allem auf das interessante Bühnenkonzept von Heiko Mönnich, der neben gewöhnlichen Utensilien wie einem Rednerpult und Stühlen große verschiebbare Rahmen geschaffen hat. Sie werden während der gesamten Inszenierung von vier weißgekleideten Helfern bewegt, was dem Zuschauer permanent neue Perspektiven auf das Geschehen bietet. Ebenso wie die Videos von Martin Przybilla, die die Bühnenbewegung flankieren und pointieren.

Miville und die ihren haben eine sehenswerte Inszenierung geschaffen, die sich dicht am Puls der Zeit bewegt. Weitere Aufführungen finden statt am 19. Oktober, 3. und 25 November, 8., 20. und 28. Dezember, 20. und 26. Januar, 10. März und 7. April jeweils ab 19.30 Uhr und am 3. Februar ab 15 Uhr im Großen Haus.

Von Stephan Scholz

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