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Marburg Abgesang auf das „starke“ Geschlecht
Marburg Abgesang auf das „starke“ Geschlecht
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11:06 17.01.2013
Mit dem Niedergang der Industrie in den USA beginnt dort „das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“, behauptet die US-Autorin Hanna Rosin (kleines Foto). Männer könnten sich nicht an neue Gegebenheiten anpassen.Fotos: Archiv / Nina Subin/Bloomsbury Quelle: Nina Subin
Marburg

„Männer suchen Frauen, die es nicht mehr gibt, und Frauen suchen Männer, die es noch nicht gibt“ - das war der kollektive, immerhin noch erwartungsvolle Stoßseufzer in frauenbewegten Zeiten seit den 1970er Jahren. Nun seien sie da, die neuen Männer, schallt es herüber aus Amerika mit dem Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“. Aber die Botschaft ist nichts als niederschmetternd.

Glaubt man Hanna Rosin, ist der „neue“ (US-amerikanische) Mann auf ganzer Linie der Verlierer des gesellschaftlichen und ökonomischen Umbruchs. Er versage sich jedem Wandel, schreibt die Autorin. Lernunwillig und - unfähig oft schon in Schule und Ausbildung, bringe er sich im ausgehenden Industriezeitalter um Aufstiegschancen und schließlich um den Job, um zuletzt in Arbeitslosigkeit der alten Männerherrlichkeit nachzutrauern. Mit seiner Rolle als Familienernährer verliere er oft sein ganzes männliches Selbstbewusstsein. Zugleich nutzten junge Frauen - nicht nur in den USA - mit Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin alle Bildungs- und Karrierechancen. Sie schnitten nachweislich überall besser ab und verdienten immer öfter mehr Geld als die Männer in ihren angestammten, ständig schrumpfenden Domänen. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft brauche die Frauen mit all dem, was sie quasi von Haus aus mitbrächten: soziale Intelligenz, Flexibilität, Kommunikations- und Einfühlungsfähigkeit, kombiniert mit einer abgeschlossenen guten Ausbildung. Die Wirtschaft sauge, angesichts der Männermisere, diese Frauen geradezu ein.

Abstieg der Männer ein „unumkehrbarer Trend“?

Soweit Rosins steile Kernthese. Diese untermauert sie mit massenhaft zitierten sozio-ökonomischen Studien und Zahlen, Interviews und eigener Feldforschung, unter anderem im traditionellen Patriarchat Korea. Bei allem Recherche-Fleiß und flüssigem Stil fehlt es ihr aber an kapitelübergreifender Synthese und am analytischen Tiefgang etwa einer Simone de Beauvoir, mit der der Berlin Verlag seine Autorin zu vergleichen beliebt.

Für die Autorin ist der Abstieg der Männer und der Aufstieg der Frauen ein unumkehrbarer, allgemeiner Trend im Gefolge von industrieller Umstellung und Globalisierung.

Die Zeit der von Männern beherrschten Top-Führungsetagen geht für Rosin dem Ende entgegen. Und wie kommt es zu dieser Umwälzung? „Die treibende Kraft ist nicht feministische Überzeugung, sondern ökonomische Notwendigkeit“, meinte Rosin in einem „Spiegel“-Interview.

„It’s the economy, stupid!“ - unter dieser vielzitierten Einsicht Bill Clintons (Die Wirtschaft allein zählt, Blödmann!) scheint Rosins ganzes Buch zu stehen. Gleichberechtigung und Gleichbehandlung für die Frau, Wahlfreiheit und Selbstbestimmung und finanzielle Unabhängigkeit durch Erwerbsarbeit sind die Bedingung dafür. Nicht der Feminismus, sondern die Ökonomie aus sich selbst beschert das alles den Frauen, wie Rosin meint. Früher oder später, hier und anderswo auf der Welt.

Wollen wir diese Frauen mit einem „Herzen aus Stahl“, die Rosin in einem gleichnamigen Kapitel beschreibt? Hart gegen sich selbst und gegen andere, im Job und im Bett allseits und allzeit verfügbar - in der Illusion, dies selbst zu bestimmen? Mit allen Pornografie-Posen vertraute Mode- und Bilder-Hörige? Und wollen wir wie Rosin von dem großen Rest der Welt absehen, in dem die Herrschaft der Männer das postulierte „Ende der Männer“ zur Lachnummer macht?

Eine einzige Gruppenvergewaltigung in Indien genügt, um die Wucht archaischer Geschlechter-Traditionen ins Bewusstsein zu rufen. Und ein einziger junger Vater mit Aktentasche und Kinderwagen im Berliner Tiergarten beim fürsorglichen Umgang mit seinem Söhnchen reicht aus, um Rosins Buch entschlossen zuzuklappen.

Hanna Rosin: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“, Berlin Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

von Ingrid Staehle

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