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Marburg 500 fordern: „Stoppt das Sterben, nicht die Retter“
Marburg 500 fordern: „Stoppt das Sterben, nicht die Retter“
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00:21 26.07.2018
Mehr als 500 Menschen forderten am Samstag in Marburg die Entkriminalisierung der Seenotrettung und Solidarität mit Geflüchteten. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

„Stoppt das Sterben, nicht die Retter!“ Es war nicht zu übersehen, was die mehr als 500 Menschen forderten, die am Samstag durch Marburg zogen.

Mit Plakaten und Bannern protestierten sie dagegen, dass private Rettungsorganisationen derzeit daran gehindert werden, Menschen, die über das Mittelmeer flüchten, aus Seenot zu retten. „Es ist unrechtmäßig, was gerade passiert. Man kann nicht einfach Menschen ertrinken lassen“, sagte Teilnehmer Jonas Harbke und hielt sein Plakat hoch, auf dem geschrieben stand: „Sei kein Horst!“

Anspielungen und offene Kritik an Bundesinnenminister Horst Seehofer sowie seiner und ganz Europas abschottender Asylpolitik zogen sich durch den Demonstrationszug wie ein roter Faden. „Mit christlichen Werten ist diese Politik nicht mehr vereinbar“, betonte Pfarrer Ulrich Biskamp und erinnerte daran, dass die gesamte Bibel ein Buch „voller Fluchtgeschichten und wohlwollender Aufnahme von Geflüchteten sei. „Selbst Jesus war ein Flüchtling“, so Biskamp.

Am Samstag zogen mehr als 500 Menschen durch Marburg, um ein Zeichen zu setzen: Für Seenotrettung und gegen die Abschottungspolitik Europas.

Zur Demo aufgerufen hatte die Initiative „Seebrücke Marburg“. Der lokale Ableger der internationalen Bewegung solidarisiert sich mit Menschen auf der Flucht und fordert sichere Fluchtwege. Einige Teilnehmer der vom Bahnhof aus startenden Demo trugen Grablichter, um der vielen Tausend Toten zu gedenken, die ihre Flucht über das Mittelmeer nicht überlebt haben. „Dass man jetzt darüber diskutieren kann, ob man Menschen rettet oder nicht, grenzt für mich an Barbarei“, sagte Teilnehmerin Sophia Hellming. Dafür machten viele Teilnehmer den Rechtsruck durch AfD und CSU verantwortlich. „Ich würde gerne jemanden von der AfD fragen, was er dazu beigetragen hat, dass er in Deutschland und nicht in Syrien oder Afghanistan geboren wurde“, gab Waltraud Althaus zu bedenken.  

Die Demonstration endete auf den Lahnwiesen. Dort hielt Rostam Nazari eine emotionale Rede. Der 18-jährige Afghane war 2015 selbst übers Mittelmeer geflohen und erinnert sich noch heute an die Todesangst, die er damals hatte. „Wenn ich nicht so viel Glück gehabt hätte, wäre auch ich heute tot“, sagte der Auszubildende der Elektrotechnik.

von Nadine Weigel