Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Nie eine richtige Chance gehabt
Marburg Nie eine richtige Chance gehabt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 05.10.2018
Ein Tablett mit einer Heroinspritze, einem Becher mit Methadon sowie einem Gurt zum Abbinden des Blutes. Der 50-jährige Angeklagte befindet sich zurzeit in einer Substitutionstherapie mit Methadon. Quelle: Uli Deck/dpa / Archivfoto
Marburg

Wegen eines Staus auf der Autobahn begann der Prozess gegen den 50-jährigen Marburger vor dem Marburger Amtsgericht mit einer halben Stunde Verspätung. „Die Zeit haben wir schnell aufgeholt“, versicherte Verteidiger Sascha Marks und sollte recht behalten.

Der Staatsanwalt hatte die vier angeklagten Straftaten, darunter zwei Einbrüche in „Svens Laufladen“ in der Schwanallee, gerade vorgetragen, da gab der aktuell in Butzbach einsitzende Mann, alle Taten unumwunden­ zu. Auch Differenzen über ­einige der gestohlenen Gegenstände maß er keine Bedeutung zu. „Ich habe alle diese Taten ­begangen“, lautete seine Einlassung.

Allerdings habe er bei allen ­Taten unter Beschaffungsdruck gestanden, fügte er hinzu. Seit seinem 14. Lebensjahr habe er Drogen konsumiert und sei von Haschisch schließlich auf Heroin umgestiegen. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Birgit von Hecker formulierte später: „Er ist in einem suchtmittelaffinen Umfeld im Waldtal aufgewachsen.“

Angeklagter nimmt Methadon

Der Angeklagte blickte so auf seine unrühmliche Vergangenheit zurück: „Ich habe als kleines Kind bereits gelernt, dass man Sachen stiehlt.“ So seien insgesamt 15 Verurteilungen zusammengekommen und er habe fast die Hälfte seines Lebens in einer Justizvollzugsanstalt zugebracht.

Seit September 2017 wieder auf freiem Fuß, waren die 1.500 Euro Entlassungsgeld schnell weg. „Wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat und in der Stadt umherläuft, kommt man auf dumme Gedanken“, wollte­ er seine Straftaten durchaus nicht rechtfertigen. Aktuell sei er in einem Substitutionsprozess mit Methadon, um von den harten Drogen ­herunterzukommen. „Hätte ich bereits früher an einem solchen Programm teilgenommen, würde ich jetzt nicht hier sitzen“, meinte der Angeklagte.

Mehrere erfolglose Entzugsversuche

Sachverständige Birgit von Hecker, die mit dem Angeklagten im Vorfeld kein Gespräch geführt hatte, berichtete von mehreren erfolglosen Entzugsversuchen und attestierte ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. „Als erfahrener Suchtkranker, wusste er aber jederzeit, was er tat“, attestierte sie ihm aber volle Zurechnungsfähigkeit. Während die Staatsanwaltschaft unter Berücksichtigung der umfänglichen Geständigkeit drei Jahre Haft forderte und Verteidiger Sascha Marks die Taten mit einem Jahr und neun Monaten als verbüßt sah, urteilte das Gericht zwei Jahre und acht ­Monate Haft.

„Wir haben dabei berücksichtigt, dass sie im Leben nie eine richtige Chance hatten“, meinte Richter Dominik Best bei der Urteilsverkündung. Sollte er die Dosis an Methadon weiter reduzieren können, so hoffen alle Beteiligten, dass dem Marburger ein weiterer Prozess nach seiner Entlassung erspart bleibt. Der auf zwei Tage angesetzte Prozess war tatsächlich nach nur zwei Stunden beendet.

von Heinz-Dieter Henkel