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Marburg „Nur ein Schlag mit der Faust“
Marburg „Nur ein Schlag mit der Faust“
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12:05 24.03.2018
In der Reitgasse eskalierte im Dezember 2016 ein Kneipenstreit. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Angriff ist die beste Verteidigung, das dachte sich nach eigener Aussage zumindest ein nun angeklagter Mann aus Marburg und schlug zwei mutmaßliche Kontrahenten k.o. Das mit jeweils nur einem Schlag, wie der Angeklagte vor dem Strafgericht beteuerte. Dieses versucht herauszufinden, wie sich die massiven Verletzungen der Opfer dennoch erklären lassen.

Nach dem ersten Verhandlungstag kursieren ganz verschiedene Aussagen über den Verlauf des Abends Mitte Dezember 2016. Fest steht lediglich, dass der Angeklagte gemeinsam mit einigen Freunden die Bar in der Oberstadt besuchte und dabei mit zwei weiteren Gästen aneinander geriet. Laut Anklage kam es im Inneren erst zu einem verbalen Streit zwischen zwei Gästegruppen, der kurz darauf auf der Straße in einer handfesten Schlägerei endete.

Dabei soll der 28 Jahre alte Beschuldigte gemeinsam mit weiteren Tätern die beiden Geschädigten zu Boden geschlagen und heftig auf eines der Opfer eingetreten haben. Dass die beiden Männer massiv traktiert wurden, steht insoweit fest. Sie erlitten massive Verletzungen, Platzwunden und Abschürfungen, der Hauptgeschädigte zudem ein Schädelhirntrauma und diverse Schäden am Kopf, mehrfache Jochbein-, Mundhöhlen- und Nasenbeinfrakturen. Er musste eineinhalb Wochen im Krankenhaus verbringen, mehrmals operiert und noch lange danach behandelt werden.

Sicherheitskräfte warfen alle Beteiligten raus

Dass er der Verursacher der Verletzungen sein soll, bestreitet der Angeklagte. Vor Gericht gab er zu, beide Geschädigten angegriffen zu haben. Er will jedoch nur jeweils einmal zugeschlagen haben, wie er mehrfach beteuerte, „ein Schlag mit der Faust, ganz normal halt“, meinte der Mann, der sich über die schweren Verletzungen wunderte.

Hintergrund des Angriffs war ein Streit zwischen zwei seiner Kumpels und den beiden Geschädigten an der Bar. Während einer „Rangelei“ habe einer der ihm fremden Männer seinem Freund angeblich eine Bierflasche über den Kopf gezogen, gab der Beschuldigte an. Die Auseinandersetzung sei jedoch schnell von den Sicherheitskräften aufgelöst worden, alle Beteiligten wurden rausgeworfen.

Aufgebracht wie er war, sei er alleine den beiden Männern nach draußen gefolgt, „ich wollte die Personalien feststellen und sie zur Rede stellen“. Als er die Männer antraf, seien sie ihm dermaßen aggressiv erschienen, dass er sich selbst bedroht fühlte. Quasi aus Selbstschutz habe er beiden mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Anscheinend landete er dabei Glückstreffer – er will die beiden deutlich größeren Männer umgehend k.o. geschlagen haben.

„Die sind zusammen hinter uns hergekommen“

„Beide gingen zu Boden, das war schon alles“, gab er an. Seine Freunde hätten zu diesem Zeitpunkt die Bar noch nicht verlassen, er habe alleine gehandelt. Im Anschluss zog er mit seiner Gruppe weiter. Ob dann weitere Schlägereien stattgefunden hatten, wisse er nicht.

Ganz im Gegensatz zu den Geschädigten, die von einer brutalen Prügelei berichteten. Auf der Straße sei der Angeklagte gemeinsam mit drei weiteren Männern pöbelnd auf sie losgegangen. „Die sind zusammen hinter uns hergekommen“, gab einer der Zeugen an. Der 28-Jährige habe sie beide niedergeschlagen, so der Hauptgeschädigte.

Während sein Freund bewusstlos auf dem Boden lag, hätte ihn die gesamte Gruppe mit Tritten und Schlägen traktiert. Er versuchte, sein Gesicht mit den Armen zu schützen, konnte daher nicht sehen, wer genau auf ihn einwirkte und ob die vier Täter tatsächlich zueinander gehörten. Das zweite Opfer war sich hingegen sicher: „Es war eine Gruppe.“

Weitere Zeugen sollen 
Licht ins Dunkel bringen

Beide wachten erst später wieder auf dem Boden auf. Den angeblichen Schlag zuvor mit der Bierflasche bestritt der Geschädigte. Dass der verbale Streit auf der Straße durch beide Seiten entstand, gab er zu. „Ich habe bestimmt auch etwas gesagt, zu einem Streit gehören zwei.“

Nach der Schlägerei trafen Rettungskräfte und Polizei vor der Bar ein. Wie weitere Anwesende den Polizisten noch an Ort und Stelle berichteten, habe es erst eine Schlägerei zwischen zwei Männern gegeben, sodann eine weitere, nachdem der mutmaßliche Täter Verstärkung geholt hatte, berichtete eine Polizistin vor Gericht.

Damit existieren drei ganz unterschiedliche Versionen der Auseinandersetzung. Weitere Zeugen sollen Licht ins Dunkel bringen. Der Prozess wird am Mittwoch, 4. April, ab 10.30 Uhr im Amtsgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert