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Integrationsprojekt

„Voice“ gibt Flüchtlingen eine Stimme

Das gemeinsame Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge war erst der Anfang: Mit dem Projekt „Voice“ arbeiten Kreis und Arbeitsagentur nun noch enger zusammen – nicht nur bei der Vermittlung in Arbeit.
Claus Schäfer (von links), Denise Ulbrich, Dr. Frank Hüttemann, Andrea Martin, Volker Breustedt, Marian Zachow und Rainer Flohrschütz stellten im Kreishaus das Projekt „Voice“ als ganzheitlichen Ansatz zur Flüchtlingshilfe vor. Foto: Andreas Schmidt

Claus Schäfer (von links), Denise Ulbrich, Dr. Frank Hüttemann, Andrea Martin, Volker Breustedt, Marian Zachow und Rainer Flohrschütz stellten im Kreishaus das Projekt „Voice“ als ganzheitlichen Ansatz zur Flüchtlingshilfe vor.

© Andreas Schmidt

Marburg. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) betonte am Dienstag bei der Vorstellung des neuen Programms „Voice“, dass es sich bei dem Projekt „nicht nur um ein Integrations- oder Arbeitsmarktprojekt“ handele, „sondern um eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft“.

„Voice“ steht dabei als Akronym für die englischen Begriffe „vocational“, also Berufe kennenlernen, „orientation“ (Orientierung), „Information“, „culture“ (Kultur) und „experience“ (Erlebnis). Gleichzeitig bedeute der englische Begriff „Voice“ auch Stimme – das Programm diene also auch dazu, Flüchtlingen eine Stimme zu geben.

Man wolle die Willkommenskultur zu einer Miteinanderkultur entwickeln, denn, so Zachow: „Willkommen steht am Anfang und ist die freundliche Begrüßung. Aber wir wollen den nächsten Schritt gehen, denn rund 50 Prozent der Flüchtlinge, die herkommen, bleiben – daher wollen wir einen Beitrag leisten, dass diese gut integriert werden.“

Dabei gehe es nicht nur um Spracherwerb oder den Arbeitsmarkt, „sie sollen auch in unseren Landkreis hineinwachsen, ihn kennenlernen – damit aus den Flüchtlingen von heute die Nachbarn und Arbeitskollegen von morgen werden“.

Vielzahl von rechtlichen Fallstricken

Volker Breustedt, Leiter der Arbeitsagentur Marburg, erläuterte, dass man durch die frühzeitige Beschäftigung mit einem ganzheitlichen Konzept den Bemühungen des Bunds bereits „um Monate voraus“ sei. Denn bereits zu Jahresbeginn hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe die Arbeit aufgenommen. Neben der Arbeitsagentur war der Landkreis Marburg-Biedenkopf mit den Bereichen Wirtschaftsförderung, Büro für Integration, Fachbereich Ordnung und Verkehr sowie Kreisjobcenter vertreten. Ziel war die Entwicklung und Umsetzung eines Konzeptes zur vernetzten Integration.

Breustedt sagte, dass es eine Vielzahl von rechtlichen Fallstricken gebe, „die auf dem Weg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt lauern. Auch wir müssen immer nochmal nachblättern. Aber das zeigt, dass es wichtig ist, von Anfang an zusammenzuarbeiten.“

Die Regelungen für Flüchtlinge seien so komplex, „zudem sind die Übergänge so fließend: Sobald sich der Status eines Flüchtlings ändert, ändert sich auch die Zuständigkeit – das interessiert den Menschen, um den es geht, aber überhaupt nicht“, betonte der Agentur-Chef.

Mit dem Projektbaustein „vocational“ werden Spracherwerb und Arbeitswelt miteinander verknüpft. Bereits in diesem Monat nehmen 15 Flüchtlinge eine auf neun Monate angelegte Arbeitsgelegenheit beim Kooperationspartner Integral auf. Diese Arbeitsgelegenheiten sind auf vier Tage die Woche angelegt.

Informationen gibt es bereits auf Arabisch

Der fünfte Tag dient einem Sprachkurs, in dem die in der Arbeitswelt erworbenen spezifischen Sprachkenntnisse vertieft werden. Im kommenden Herbst sollen 15 weitere Flüchtlinge dieses Programm durchlaufen, wie Denise Ulbrich vom Fachbereich „Ordnung und Verkehr“ erläutert.

Außerdem bietet der Punkt eine vernetzte Arbeitsmarktberatung und Information für alle Flüchtlinge, unabhängig von ihrem rechtlichen Status. Die Säule „Information“ befasst sich mit dem Einstieg in den Arbeitsmarkt. So sollen etwa jeweils am Dienstag- und Donnerstagnachmittag Besichtigungen und Informationsbesuche in heimischen Unternehmen und gesellschaftlichen Einrichtungen Kenntnisse vermitteln.

Diese Veranstaltungen richten sich an alle interessierten Flüchtlinge in der Region. Es soll ein erster Einblick in die regionale Wirtschaftsstruktur gegeben, aber auch das Einleben in der Region erleichtert werden. Diese Orientierungen werden vertieft durch kurze Einführungen, die in Zusammenarbeit mit dem Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Marburger Philipps-Universität derzeit in arabischer Sprache erarbeitet werden. „Wir haben zum Beispiel auch zahlreiche unserer Anträge und Informationsbroschüren bereits ins Arabische übersetzen lassen“, erläutert Andrea Martin, Leiterin des Kreisjobcenters.

Nicht nur Wissen, sondern auch Kultur

Daneben bieten Kreisjobcenter und Arbeitsagentur unter dem Baustein Orientierung gemeinsame Kennenlerntage speziell für Flüchtlinge an, an denen ein erster Überblick über die Strukturen des deutschen Arbeits- und Sozialsystems gegeben wird. Außerdem finden mehrsprachige Informationsveranstaltungen zum Arbeitsmarkt statt.

Doch das Hineinwachsen in die Region besteht nicht nur aus ökonomischem Wissen. Daher soll auch der Bereich Kultur nicht vernachlässigt werden. Aus diesem Grund bietet das Programm „Voice“ auch kulturelle Veranstaltungen für Flüchtlinge an. Auch dieser Teil des Programms ist grundsätzlich für alle Flüchtlinge offen.

Abgerundet wird das Programm durch Angebote und Veranstaltungen unter dem Stichwort „experience“: Hierzu gehören unter anderem Theaterworkshops und andere handlungsorientierte Angebote. Teilnehmen an den offenen Veranstaltungen von „Voice“ kann ebenfalls jeder interessierte Flüchtling. Fahrtkosten für Besuche und Besichtigungen können jeweils zur Hälfte übernommen werden.

Das Büro für Integration des Kreises und die Sozialarbeiter, die sich um die Flüchtlinge kümmern, sind die Schnittstellen, Ansprechpartner und Kontaktmöglichkeiten. Der Kreis finanziert das Programm „Voice“ mit rund 100.000 Euro und erhält eine 50-prozentige Förderung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration.

von Andreas Schmidt


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