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Rühle-Ruhestand

Ein Abschied mit viel Wortwitz

„Ich bin kein Trauerfall“, stellte Richter Rühle im Gerichtssaal klar. Er hatte seine Gäste nicht nur zur Abschiedsfeier eingeladen, sondern auch zu seiner letzten Güteverhandlung.
Die Präsidentin des Landesarbeitsgerichts Gabriele Jörchel überreichte im Gießener Arbeitsgericht die Ruhestands-Urkunde an Hans Gottlob Rühle. Foto: Pascal Reeber

Die Präsidentin des Landesarbeitsgerichts Gabriele Jörchel überreichte im Gießener Arbeitsgericht die Ruhestands-Urkunde an Hans Gottlob Rühle.

© Pascal Reeber

Gießen. In seinem Büro hat der Sammler Hans Gottlob Rühle viele Uhren stehen. „Aber Zeit kennt er nicht“, sagt Kai-Rolf Seipel vom Arbeitsgerichtsverein in Marburg und einer der vielen ehrenamtlichen Richter, die an der Seite von Rühle so manche lange Verhandlung erlebt haben.

Nun ist die Zeit gekommen, dass Rühle gehen muss – und will, wie der 65-Jährige sagt. Er, der mit Anfang 30 schon Direktor des Marburger Arbeitsgerichts geworden war, freut sich auf sein künftiges Leben „als Bürger“, als neu verheirateter Ehemann, als Romanautor.

Zu seiner Abschiedsfeier kommen mehr als 100 Kollegen und Weggefährten aus ganz Deutschland, viele von ihnen aus Marburg. Sie erleben zunächst auch seine letzte Güteverhandlung – als Besucher einer öffentlichen Sitzung.

Die Öffentlichkeit hat Rühle nie gescheut, im Gegenteil. Er wollte, dass die Bürger mitbekommen und verstehen, was ein Arbeitsgericht macht. Dass dies gar nicht so einfach ist, macht er am Freitag mithilfe eines Witzes deutlich: Was ist der Unterschied zwischen dem Bürgerlichen Gesetzbuch und der Bibel? Rühle: „Die Bibel wurde ins Deutsche übersetzt.“ Die Gäste haben viel zu lachen. „Ich bin kein Trauerfall“, betont der angehende Pensionär.

Offiziell verabschiedet ihn die Präsidentin des Hessischen Landesarbeitsgerichts, Gabriele Jörchel. Sie händigt ihm die Urkunde zur „Ruhestandsversetzung“ – so heißt es im Beamtendeutsch – aus. Auch seine Chefin und Trauzeugin, die Direktorin des Arbeitsgerichts Gießen, Manuela George, würdigt ihren Kollegen, der nach der Zusammenlegung der drei hessischen Gerichte nur noch stellvertretender Direktor wurde. Aber um diese Themen, die die Marburger Öffentlichkeit lange beschäftigten, geht es bei Rühles Abschied nicht mehr.

„Dirigent eines Bedienstetenchores“

Was soll man der Presse über Rühle noch mitteilen?, fragt George. Alles sei inzwischen gesagt worden. Sie wolle daher ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und verraten, dass Rühle nicht nur Richter, sondern auch Eventmanager am Gericht war. Keine Feier, kein Betriebsausflug ohne die Organisation von Rühle.

„Er war Dirigent eines Bedienstetenchores, von dem wir nicht mal wussten, dass wir ihn haben“, so George. Seine Kollegen wollen sich revanchieren. Aus diesem Grund tritt zum ersten und letzten Mal das Flöten-Quintett: „Tibia infernale“ auf. Mit Sonnenbrille, schwarzem Hut und ernster Mimik musizieren die Justizbediensteten, die Zuschauer – viele von ihnen Anwälte und ehemalige Richter – singen ein Lied auf und über Rühle – zur Melodie von „Vom Himmel hoch da komm ich her“.

Rühle bedankt sich mit einer humorvollen Abschiedsrede, beweist sein  sprachliches und schauspielerisches Talent – alles andere hätte die Gäste auch gewundert.

Mit Rühle wurde am Freitag auch der ehemalige Geschäftsleiter des Arbeitsgerichts Marburg, Walter Platt (Privatfoto), in den Ruhestand verabschiedet. Er ist seit 1972 im Justizdienst tätig. Auch er ist ein Urgestein des Marburger Arbeitsgerichts gewesen, das nach Gießen wechseln musste. Der Rechtspfleger war in Marburg für die Leitung und ­Überwachung des Geschäftsbetriebs des Gerichts zuständig. Von 2004 bis 2013 war Walter Platt außerdem als Mitglied des Formularausschusses des Hessischen Landesarbeitsgerichts tätig, erklärte George.

von Anna Ntemiris


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