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Zur Schere greift er nur noch für zwei Freunde

OP-Serie "50 mit 50": Rolph Limbacher Zur Schere greift er nur noch für zwei Freunde

Rolph Limbacher erbte einen hoch verschuldeten Familienbetrieb und musste vor 24 Jahren ganz neu anfangen. Heute ist der 50-Jährige stolz auf sein Unternehmen.

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Rolph Limbacher wurde am Freitag 50 Jahre alt. Er ist Inhaber und Chef von 13 Frisör-Salons. Sein Großvater Hermann Limbacher gründete vor 85 Jahren das erste Frisör-Geschäft. Archivfoto

Marburg. Rolph Limbacher hat den 50. Geburtstag seines Vaters nicht erleben können. Dieser starb mit 39 Jahren - damals war Rolph Limbacher gerade einmal elf Jahre. Dem heute 50-jährigen Marburger kommen Tränen in die Augen, wenn er an diese Zeit denkt. Für den Jungen war damals klar, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten will, lernte den Frisörberuf, ging, um Erfahrungen zu sammeln - wie sein Vater - auch nach England. Aber Rolph Limbacher war Handwerker und kein Geschäftsmann. Seine Mutter, eine Britin, war keine Frisörin und hatte kein Geld, um einen Meister einzustellen. Der vom Großvater vor 85 Jahren gegründete Familienbetrieb „Frisör Limbacher“ am Steinweg stand vor dem Aus.

Schock, Trauer, Verzweiflung: Rolph Limbacher weiß, wie sich das anfühlt. Aber er hatte Glück und gab nicht auf, bekam Unterstützung von guten Ratgebern und Freunden. Mit seiner Geschäftsidee von damals wurde Rolph Limbacher ein hessenweit erfolgreicher Unternehmer. Das Bild vom Tellerwäscher zum Millionär wäre übertrieben, aber ein Quäntchen Wahrheit steckt darin. 1987 meldete der Familienbetrieb Limbacher Konkurs an. Drei Jahre später eröffnete Rolph Limbacher den ersten Domino-Laden am Steinweg. Wenig später machte er im Kaufpark Wehrda den ersten Domino-Laden auf der grünen Wiese auf. Damals gab es keine Frisörgeschäfte in Einkaufsparks, die auch montags öffnen und ohne jegliche Terminvereinbarung arbeiten. „Die entscheidende Entwicklung für Domino kam 2001. Wir standen vor der Überlegung, ob wir im Herkules-Center eine zweite Filiale eröffnen. Verträgt Marburg zwei Dominos, fragten wir uns“ Ja, die Zahlen stimmen, sagt der Geschäftsmann heute. 135 Mitarbeiter in 13 Salons arbeiten für ihn. Ein „Meilenstein“ in der Firmengeschichte war die Eröffnung der eigenen Ausbildungsstätte: der Hair Academy. Rund 100 Auszubildende haben dort schon ihr Handwerk gelernt. Der Frisörmeister Rolph Limbacher greift selbst kaum noch zur Schere.

Vielmehr ist das Smartphone sein tägliches Arbeitswerkzeug. „Nur für zwei Freunde, einen Anwalt und einen Steuerberater, schneide ich noch die Haare“, sagt Limbacher, der in der Region aufgrund seiner ehrenamtlichen Aktivitäten bekannt ist. Seit etwas mehr als einem Jahr vertritt er als Kreishandwerksmeister die Innungsbetriebe im Altkreis Marburg. Als Innungs-Obermeister der Frisöre ist er Sprachrohr in seinem Fach, und bei Terra Tech engagiert er sich im Vorstand für Menschen in armen Ländern dieser Welt. Privat interessiert sich der Deutsch-Brite besonders für den Sport. Einst war er im Radsportverein Marburg und bei der Feuerwehr aktiv, heute unterstützt der HSV-Fan als Sponsor den Fußballverein VfB Marburg. Ehrgeizige Ziele hat Limbacher noch, wie er auf der 85-Jahr-Feier von Domino in der Kulturscheune Dagobertshausen vor rund 300 Gästen mitteilte. Um dem Fachkräftemangel entgegenzutreten, kooperiert er mit der Agentur für Arbeit und holt junge Nachwuchstalente aus Spanien in die Region - sein fließend Spanisch sprechender Sohn Marvin (17) unterstützte den Vater bei den Vorstellungsgesprächen.

Und in der libyschen Hauptstadt Tripolis möchte er gern eine Frisörschule aufmachen sowie Wella-Produkte auf den dortigen Markt bringen. Man sei dabei, libysche Frauen zu schulen, aufgrund der unruhigen Lage im Land stocke das Projekt jedoch derzeit. Ein führender Wella-Chef sagte über Limbacher „Er ist ein Idealist“. So würde sich Limbacher nicht unbedingt selbst bezeichnen. Aber rein pragmatisch sei er auch nie vorgegangen. Mut zur Veränderung und vor allem Selbstbewusstsein bringt Limbacher mit. Und: Er will noch seinen 100. Geburtstag erleben. Dann wäre Domino 135 Jahre. Trotz aller technischen Fortschritte und dem boomenden Online-Handel: „Die Haare wird man sich auch in 50 Jahren nicht im Netz schneiden lassen können. Unser Handwerk hat Zukunft.“

von Anna Ntemiris

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