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„Zum Scheitern gehört auch Ohnmacht“

Gesprächsforum der Sparkasse mit Katja Kraus „Zum Scheitern gehört auch Ohnmacht“

Katja Kraus sprach am Dienstag beim Sparkassen-Gesprächsforum vor gut 1000 Gästen über „Macht, Erfolg, Privilegien – deren Verlust und das Scheitern“.

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Die ehemalige Torhüterin Katja Kraus gab am Dienstagabend beim Sparkassen-Gesprächsforum Einblicke in ihr Leben und in ihre Sicht von Macht und Scheitern.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Die langjährige Torhüterin des FSV Frankfurt war immer die „erste Frau“: Erste Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt, erstes Vorstandsmitglied beim HSV. Und seit vergangenem Jahr auch erstes weibliches Aufsichtsratsmitglied bei Adidas.

Außerdem ist sie geschäftsführende Gesellschafterin bei der Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports – der Sport, vor allem aber der Fußball, hat die 44-Jährige also nie losgelassen.

Doch der Sport hat Kraus auch Niederlagen beschert – und das nicht nur sportlicher Natur. Als Pressesprecherin der Frankfurter Eintracht musste sie bittere Erfahrungen sammeln. Etwa, als der Aufsichtsrat an einem Abend die Entlassung des Trainers beschlossen hatte und die Sportjournalisten vor der eigenen Pressesprecherin informiert hatte. Zudem seien die Strukturen damals, 1996, weit weniger professionell gewesen. „Wir hatten einen chinesischen Spieler verpflichtet und mussten uns als Übersetzer immer jemanden aus dem örtlichen China-Imbiss suchen“, erzählte Kraus.

Parallelen zwischen Wirtschaft und Vereinen

Beim HSV, zu dem sie 2003 wechselte, wurde sie nach acht Jahren abgesetzt. „Der Verein war damals nicht so erfolgreich – das bedeutete Platz sieben“, sagt sie. Zwei Tage nach ihrem Ausstieg beim HSV begann sie mit einem Buch auch über das Scheitern. Denn dieses Thema habe sie fasziniert. „Ich wusste gar nicht, ob ich schreiben kann. Denn bis dahin hatte ich nur Weihnachtskarten geschrieben – mit mäßigem Erfolg“, sagt die gebürtige Frankfurterin mit einem Augenzwinkern.

Sie suchte sich also prominente Gesprächspartner – von Roland Koch über Hera Lind bis Hartmut Mehdorn und Jürgen Klopp – und erörterte das Thema mit ihnen. Heraus kam das Buch „Macht – Geschichten von Erfolg und Scheitern“ in 2013, dieses Jahr erschien – nach demselben Konzept – „Freundschaft – Geschichten von Nähe und Distanz“.

Kraus verglich zudem die Wirtschaft mit Fußball. „Fußballvereine sind längst Unternehmen der Unterhaltungsindustrie, die sich nicht nur mit 17 anderen Bundesligaklubs im Wettbewerb befinden, sondern etwa in Hamburg auch mit Musicals, Freizeitparks und allem sonst, was man als Familie am Wochenende unternehmen kann.“ „Das Unternehmensziel eines Fußballvereins ist maximaler sportlicher Erfolg bei gleichzeitiger Vermeidung der Insolvenz“, sagte Kraus – das habe sie gelernt. Ebenso, mit Niederlagen umzugehen – und diese auch „in Echtzeit öffentlich erklären zu müssen – das ist anders als in Unternehmen, in denen Krisenstäbe tagen und eine Sprachregelung entwickeln“.

Der Trainer sei bei Mannschaften die zentrale Figur. „Eine Mannschaft spielt immer so, wie ihr Trainer ist – überlegen Sie mal, was das für Ihr Unternehmen heißt“, so Kraus. In der Krise werde der Trainer entlassen, „die Verweildauer bei einem Verein beträgt im Schnitt 1,2 Jahre. Daran haben wir uns zu meiner Zeit bei Eintracht Frankfurt auch gehalten“, sagt Kraus.

Zum Erfolg gehört auch die Möglichkeit des Scheiterns

Der Erfolgsfaktor für eine Führungskraft sei vor allem Flexibilität – das gelte im Sport ebenso wie im Management von Firmen. Diese Flexibilität fehle vielen Vereinen. Laut Kraus benötige der Fußball „viel mehr Einflüsse von außen – und auch Frauen. Ich war die Einzige und habe immer das Gefühl, dass der Fußball und die katholische Kirche die einzigen Institutionen sind, die sich hartnäckig gegen Frauen in Führungspositionen wehren.“

In ihrem Leben habe sie erfahren, dass das „Ausüben von Macht häufig ein Anzeichen von Schwäche ist. Das dient häufig nur als Handlauf für den Aufstieg“, ist sich Kraus sicher. Sie selbst sei auch immer als „mächtigste Frau im Fußball“ bezeichnet worden. Ihr Scheitern mit dem gleichzeitigen Verlust der Macht sei „eine schwierige Zeit“ gewesen. Zunächst sei da jedoch nach den kräftezehrenden Wochen eine große Erleichterung gewesen. Denn: „Als Führungskraft müssen Sie Ihren Leuten permanent Kraft und Hoffnung vorgeben“ – das habe sie auch versucht.

Nach dem Aus beim HSV sei zunächst eine Leere da gewesen, eine Ohnmacht – dass sie mit diesem Gefühl jedoch nicht alleine war, das habe sie in den Gesprächen zu ihrem Buch gelernt. „Zum Scheitern gehört auch Ohnmacht“, ist sich Kraus daher sicher. Die gesammelten Erfahrungen trage sie „sehr bewusst“ in sich. Genauso wie die Erkenntnis, dass zum Erfolg auch die Möglichkeit des Scheiterns gehöre. Dem Scheitern hafte in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – immer ein Makel an. „Damit tut man den Menschen Unrecht, weil man nicht ihr Gesamtwerk sieht“, so Katja Kraus.

von Andreas Schmidt

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