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„Zuerst der Mensch, dann die Technik“

Ranga Yogeshwar „Zuerst der Mensch, dann die Technik“

Die Menschheit erlebt eine „Explosion des Wissens“, sagte Ranga Yogeshwar vor fast 1800 Zuhörern. Beim Sparkassen-Gesprächsforum hielt er einen Vortrag mit dem Titel „Nächste Ausfahrt Zukunft“.

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„Nächste Ausfahrt Zukunft“ - das war der Titel seines Vortrags.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ranga Yogeshwar wirft am Donnerstagabend in der Georg-Gaßmann-Halle einen Blick in die Zukunft: Aufgrund technischer Fortschritte wird unsere Privatsphäre eingeschränkt, Bewegungsprofile werden vor uns wissen, ob wir heiraten oder uns wieder scheiden lassen, Falten und graue Haare werden zu Krankheiten erklärt. Wir werden Vieles wissen und makellos aussehen.

Aber wollen wir das?, fragt der Gastredner. Viele der 1800 Zuhörer, die die Sparkasse Marbrug-Biedenkopf um Vorstandschef Andreas Bartsch für diesen Vortrag eingeladen hat, schütteln ablehnend mit dem Kopf. Sie stimmen mit dem bekannten und beliebten TV-Wissenschaftsjournalisten überein: Der Preis der Individualität, der Freiheit, der Intimität ist zu hoch. Eindrücklich, mit Bildern und Videosequenzen, verdeutlicht Yogeshwar, dass wir vor enormen Veränderungen stehen, er spricht von einer „Explosion des Wissens, die unser Leben verändert”.

Es sei schwer, dieses zukünftige Bild zu erfassen, sagt der Physiker und Journalist. Um es zu erklären, blickt er zurück in die Geschichte. Er, Jahrgang 1959, gehöre noch zur Zeigefingergeneration: Er tippe mit dem Zeigefinger. Die Jugend von heute, und da bedient sich der Vater von vier Kindern gern mit Beispielen aus seinem Familienleben, sei die Daumengeneration. Nein, er meint nicht die Daumen, die bei Facebook „Gefällt mir (nicht)“ verdeutlichen. Die Jugend von heute, sie schreibe mit dem Daumen, sagt er und zeigt es vor. Und überhaupt der Daumenabdruck werde uns Tor und Tür öffnen.

TV-Kolleginnen sitzen 2 bis 3 Stunden in der Maske

Die Beispiele, die Ranga Yogeshwar aufführt, sind gut kalkulierte Volltreffer: Die Zuhörer lachen, applaudieren. „Wissen Sie, was früher in Marburg in den Telefonzellen für ein Spruch stand?“, fragt der Redner. Zuhörer antworten korrekt: „Fasse Dich kurz“, Kein Telefonieanbieter würde heute so etwas vorschlagen. Im Gegenteil. Sein Smartphone hat eine Leistung von 64 Gigabyte und damit so viel wie vor zirka 30 Jahren ein Uni-Rechenzentrum. „Ich trage heute die Speicherkapazität des Rechenzentrums aus meiner Studienzeit in meiner Hosentasche“, sagt er. „Der Fortschritt verändert unser Selbstbewusstsein“, sagt er wenig später. Und liefert ein Beispiel, das nicht ganz politisch korrekt ist: Im Fernsehen sind alle Frauen hübsch. Was der Zuschauer nicht wisse, die Frauen säßen vor dem Auftritt zwei bis drei Stunden in der Maske. Und manchmal laufe er zwei bis drei Mal an Kolleginnen vorbei, bevor er sie ungeschminkt wiedererkenne. Yogeshwar - er fordert die Frauenquote und wiederholt, dass seine Töchter hübsch sind, eine davon eine „Granate“ - will nicht Scherze auf Kosten der Kolleginnen machen.

"Machen Sie es anders"

Der TV-Star will nur vor Schönheitschirurgie warnen: „Wir setzen uns unter Druck. Wir lassen uns von den Bildern verführen.“ Er will sensibilisieren: „Erst kommt der Mensch, dann die Technik und dann viel später das Business“. Der beliebte Moderator liefert auch positive Beispiele für die Fortschritte in Technik und Medizin. Menschen die dank Neuroprothesen ihre Gelenke bewegen können und an Lebensqualität gewinnen. Yogeshwar karikiert und warnt zugleich: Vor dem Internet, das an die Tore der Macht anklopft und Politiker zu Fall bringt - Namen nennt er nicht, aber auf der Leinwand erscheinen Bilder von Theodor zu Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin. Im letzten Drittel seines fast anderthalbstündigen Auftritts drückt Yogeshwar etwas auf die Tube - er spricht immer noch flüssig und langsam, macht aber inhaltliche Sprünge, bedient sich des Imperativs: „Schärfen Sie die Augen“ oder „Machen Sie es anders“. Er fordert eine große Reform des Bildungssystems und mehr soziale Gerechtigkeit in der Bildungslandschaft. Das Programmieren sollte in den Lehrplan verankert werden, und eine mutige Innovation wäre, wenn der Bildungsetat um ein Vierfaches erhöht werde. „Bildung ist der Klebstoff, das Benzin“ einer Gesellschaft. Die Folgekosten für Kinder ohne Schulabschluss seien schließlich am Ende viel höher. Und er gibt dem Publikum noch mit: Nicht dem Gesang der Werbesirenen verfallen, und „Gemeinschaft ist schön“.

Das finden auch die Zuhörer, die als Gäste und Kunden der Sparkasse Marburg-Biedenkopf noch beim Büfett über den unterhaltsamen, zeitkritischen Vortrag diskutieren.

von Anna Ntemiris

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