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Zivildienst-Aus hinterlässt keine Lücke

OP-Serie: Ausgedient Zivildienst-Aus hinterlässt keine Lücke

Mit der Aussetzung des Wehrdienstes endete auch der Zivildienst. Ersetzt wurde er durch den Bundesfreiwilligendienst – doch können die „Bufdis“ die entstandenen Löcher stopfen?

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Sindy Rüdiger hat durch das Freiwillige Soziale Jahr ihren Traumberuf gefunden: Die 19-Jährige 
absolviert nun eine Ausbildung zur Krankenschwester am UKGM.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Zivildienstleistende – meist „Zivis“ genannt – waren die Wehrdienstverweigerer. Sie kamen in der Regel in sozialen Berufen zum Einsatz: in Krankenhäusern und Seniorenheimen ebenso wie im Rettungsdienst, beim Krankentransport oder in Jugendhäusern. Mit Wegfall der „Zivis“ sahen viele soziale Dienste vor fünf Jahren ihr Fortbestehen gefährdet.

Doch es wurde Ersatz geschaffen: Einerseits gibt es seit den 60er Jahren das „Freiwillige Soziale Jahr“ (FSJ), das von Jugendlichen und Erwachsenen bis zum 27. Lebensjahr in Anspruch genommen werden kann. Und als Ersatz für den Zivildienst wurde der „Bundesfreiwilligendienst“ (BFD) geschaffen, dessen Absolventen in Anlehnung an die „Zivis“ nun „Bufdis“ genannt werden. Der BFD steht auch Erwachsenen offen, die älter als 27 Jahre sind.

Auch Rentner unter den Bewerbern

Seit dem Jahr 2000 betreut die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes in Marburg die FSJler. Seit 2011 werden auch die „Bufdis“ von der Schwesternschaft vermittelt. „Mit 40 Plätzen ging es damals beim BFD los, damals konnten wir noch nicht direkt alle Plätze besetzen“, sagt Christiane Kempf, Leiterin der Abteilung Freiwilligendienste und Erwachsenenbildung bei der Schwesternschaft.
Mittlerweile betreut die Schwesternschaft rund 450 Freiwillige im Jahresschnitt – sowohl „Bufdis“ als auch „FSJler“.

Und welche Menschen interessieren sich für den BFD? „Das ist unterschiedlich“, erläutert Sumaya Bohmerich von der Schwesternschaft. „Prinzipiell Erwachsene ab dem 27. Lebensjahr, die für das FSJ zu alt sind.“ Diese würden die Zeit beispielsweise nutzen, um sich beruflich umzuorientieren, „es gibt aber auch viele Rentner, die gerne noch einmal unter Menschen kommen oder sich ein paar Euro hinzuverdienen wollen“, sagt sie.

Vom Alter abgesehen gebe es zwischen „Bufdis“ und „FSJlern“ nur wenige Unterschiede – „hauptsächlich erhalten sie mehr politische Bildung bei den Seminararbeiten, denn das ist so vorgegeben“, erläutert Bohmerich.

Die Schwesternschaft ist für beide Gruppen Ansprech- und Vertragspartner, kümmert sich um die Belange der Freiwilligen, übernimmt die Bildungsarbeit, die mit den Freiwilligendiensten einhergeht. Und sie hilft natürlich bei der Besetzung der Einsatzstellen ebenso, wenn es Probleme gibt oder ein Vertrag vorzeitig aufgelöst werden soll.

Geräuschloser Übergang vom „Zivi“ zum „Bufdi“

„Wichtig ist bei allen Einsatzstellen, dass sie arbeitsplatzneutral sind“, erläutert Christiane Kempf. „Das heißt, dass die Freiwilligen durch ihre Tätigkeit keinem anderen einen Arbeitsplatz wegnehmen dürfen.“
So sei es auch Aufgabe der Schwesternschaft, die Einsatzstellen so auszuwählen, „dass die Freiwilligen vor Ort mithelfen können, aber nicht eigenverantwortlich eingesetzt werden, denn das darf nicht sein“, erklärt die Leiterin.

Eine der größten Einsatzstellen für Freiwillige mit etwa 85 Plätzen ist das UKGM. „Nach dem Wegfall des Zivildienstes ging es fast nahtlos weiter“, sagt Pflegedirektor Michael Reinecke. „Einige Plätze waren 2011 bereits durch FSJler besetzt und es wurde geschaut, dass diese in der Übergangszeit in den Kernbereichen auf den Stationen eingesetzt wurden – bevor der BFD richtig lief“, so Reinecke.

Auch das Tätigkeitsfeld sei nun wesentlich breiter geworden. „Zivildienstleistende waren nur im stationären Bereich eingesetzt. Nun werden alle Pflegebereiche abgedeckt. Denn wir erhoffen uns natürlich, dass die Freiwilligen durch ihren sozialen Dienst bei uns auch das Interesse am Beruf entdecken“, verdeutlicht der Pflegedirektor. Daher lege man auch auf die Betreuung einen großen Wert. „Wir haben im Haus freigestellte Praxisanleiter, die die Auszubildenden begleiten. Diese übernehmen auch Einführungstage für die Freiwilligen und betreuen sie auch während ihrer Zeit hier“, sagt Reinecke.

Mit FSJ den Führerschein finanziert

Prinzipiell sei durch den Wegfall des Zivildienstes die Zuverlässigkeitsrate gestiegen. Denn die „Zivis“ waren ja zum 
Ersatzdienst verpflichtet „und haben sich nicht immer so wohlgefühlt“, was sich etwa an vermehrten Krankheitstagen bemerkbar gemacht habe. „Das ist bei den Freiwilligen wesentlich besser“, so Reinecke. Das Konzept, durch FSJ und BFD neue Kräfte zu gewinnen, scheint aufzugehen: „Nach jedem Kurs bewerben sich einige auf einen Ausbildungsplatz“, sagt der Pflegedirektor.

So auch Sindy Rüdiger: Die 19-Jährige absolvierte mit 16 ihr FSJ am UKGM, „auf der Krebsstation“, wie sie erzählt. „Mit dem FSJ wollte ich meinen Führerschein finanzieren und in den Beruf hineinschnuppern“, sagt sie – „und die Zeit hat mich reifen lassen. Denn ich habe viel erlebt und viel erfahren.“ Außerdem habe das FSJ sie in ihrem Berufswunsch bestärkt: Sie ist nun im zweiten Ausbildungsjahr zur Krankenschwester.

„Die Patienten hier sind auf uns angewiesen und brauchen Menschen mit viel Herz – und ich will mich ihnen mit Leidenschaft, Menschlichkeit und eben Herz widmen“, sagt die 19-Jährige. „Die Menschen brauchen Schwestern, die sich in sie hineinversetzen können – und ich will für sie dann da sein, wenn das viele andere Menschen nicht wären.“

Der soziale Gedanke sei ihr extrem wichtig, „schon als Kind habe ich medizinische Bücher gelesen“. Daher habe das FSJ „meine Leidenschaft für den 
Beruf noch vergrößert“. Wenn sie in 2018 fertig ist, hat sie schon Wunsch-Stationen: Die Onkologie oder die Palliativ-Station.

von Andreas Schmidt

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