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Zeugin: Auftrag gegen Rechnung „nicht üblich“

Aus dem Amtsgericht Zeugin: Auftrag gegen Rechnung „nicht üblich“

Neue vermeintliche 
Beweise im Unterschlagungsprozess gegen den Ex-Mitarbeiter einer 
Marburger Solarfirma 
sollen laut Verteidigung dessen Unschuld beweisen können.

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Um weiterverkaufte, aber beim Lieferanten nicht bezahlte Photovoltaikmodule geht es vor dem Amtsgericht.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. War der Angeklagte als externer Berater befugt, eigenständig lukrative Aufträge im Namen der Firma abzuwickeln, ohne Rücksprache mit der Chefetage halten zu müssen, oder verstieß er damit gegen seine Kompetenzen, wirtschaftete unrechtmäßig in die eigene Tasche? Diese Fragen beschäftigen weiterhin das Amtsgericht.

Die Marburger Staatsanwaltschaft wirft dem 47 Jahre alten Angeklagten Unterschlagung vor. Der Luxemburger war 2011 als externer Berater bei einer Marburger Firma beschäftigt, über diese bestellte er 560 Photovoltaikmodule, die er wiederum über sein eigenes Unternehmen gewinnbringend weiterverkaufte. Die Ware im Wert von 120.000 Euro zahlte er nicht, verrechnete die Bestellung mit angeblich noch offenen Rechnungen. Der ehemalige Auftraggeber verklagte ihn ( die OP berichtete).

Am zweiten Verhandlungstag berichteten zwei weitere Zeugen aus der Geschäftspraxis des Unternehmens. Demnach sei es „nicht üblich“ gewesen, Kundenaufträge direkt an eine Logistikfirma weiterzuleiten, ohne dass die Zahlungsweise eindeutig geklärt war, so eine ehemalige Mitarbeiterin. In der Regel verlangte das Unternehmen Vorkasse von seinen Kunden – erst nach Eingang der Bezahlung gab der Händler seine Zustimmung, die Ware auszuliefern.

„Erst wenn das Geld da war, durften wir liefern – die Zahlung musste geklärt sein und hätte vorliegen müssen“, stellte die Zeugin fest. Laut Anklage ließ der Beschuldigte die umstrittene Bestellung für seine eigene Firma bereits ausliefern, bevor überhaupt eine Rechnung, geschweige denn eine Bezahlung, eingegangen war.

Gab es Sonderregelung 
für Stammkunden?

Darüber hinaus hätten Aufträge ab 50.000 Euro erst nach Zustimmung durch den Vorstand erteilt werden dürfen, dies gehe schon allein aus der Geschäftsordnung hervor. Ob besondere Stammkunden von dieser Praxis ausgenommen waren und bevorzugt behandelt wurden, wusste sie nicht. Davon geht die Verteidigung aus. Während der Verhandlung legte Rechtsanwalt Carsten Fasold mögliche neue Beweise für die Unschuld seines Mandanten dem Gericht vor: einen ganzen Stapel von Auftragsbescheiden sowie Auszüge aus dem E-Mail-Verkehr zwischen dem Angeklagten und dem ehemaligen Auftraggeber.

Daraus gehe hervor, dass der ehemalige Berater einige Zeit vor der umstrittenen Auftragsvergabe den Firmenvorstand um eine Bestätigung seiner Kompetenzen innerhalb des Unternehmens zwecks Vertragsverhandlungen mit Kunden gebeten habe. Mit diesen könne er „eigenverantwortlich und offen“ verhandeln, so die Antwort. Wie weit er dabei gehen durfte, in welchem Rahmen und bis zu welcher Summe er als Berater tätig werden konnte, steht im Mittelpunkt des Verfahrens.

Die Unterlagen wurden noch nicht in die Beweisaufnahme eingeführt, doch sie würden beweisen, dass es vonseiten der Chefetage „keine Ansagen gab“ oder seinem Mandanten eine Obergrenze zumindest nicht bekannt war, so der Verteidiger.

Dem könnte jedoch die mittlerweile vorliegende Geschäftsordnung des Unternehmens entgegenstehen, in der die Vorgaben zur Auftragsvergabe geregelt sind. Um den Prozessbeteiligten Zeit zu geben, die neuen Beweise zu prüfen, entschied sich Richterin Barbara Steinmann für eine Unterbrechung der Verhandlung.

  • Der Prozess wird am 26. Oktober um 14 Uhr fortgesetzt.

von Ina Tannert

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