Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
Zentrum soll Patientenströme lenken

UKGM plant Millionen-Investition Zentrum soll Patientenströme lenken

Das UKGM will mittel­fristig ein Ambulanz- und Diagnostikzentrum in 
 unmittelbarer Nähe zur bestehenden Klinik bauen. Geschätzte Kosten: 
40 Millionen Euro.

Voriger Artikel
Schulklassen erkunden die Berufswelt
Nächster Artikel
Firma Schär spendet Geld und Gebäck an Kita

So sieht eine Planskizze für das geplante Ambulanzzentrum beim UKGM aus: Es soll direkt vor den vorhandenen Baukörper gesetzt werden.

Quelle: UKGM

Marburg. Laut Plänen, die der künftige Vorstandsvorsitzende des UKGM, Dr. Gunther Weiß, am Dienstag auf einer Mitarbeiterversammlung in Marburg vorstellte, soll Platz für 10 bis 14 Facharztpraxen entstehen.

Man wolle niedergelassenen Ärzten die Räume zur Miete anbieten, sagte Dr. Weiß. Möglicherweise könnten niedergelassene Ärzte zudem Geräte und Infrastruktur am UKGM – etwa bei bildgebenden Verfahren – mitnutzen und so die Auslastung erhöhen.

Die Pläne sehen vor, vor den ersten und dritten Bauabschnitt ein dreigeschossiges Gebäude zu bauen, in dem die Praxen Platz finden würden. Baubeginn könnte in zwei bis Jahren sein.

Hintergrund der Überlegungen ist vor allem die aus UKGM-Sicht unbefriedigende wirtschaftliche Situation am Standort Marburg. Nach Analyse des Vorstands hat dies vor allem damit zu tun, dass das UKGM am Standort Marburg die Infrastruktur und die Leistungen eines Universitätskrankenhauses 
vorhält, aber eben auch Patienten behandelt, die in einem Kreiskrankenhaus oder gar in einer ambulanten Behandlung besser aufgehoben wären. „Wir leisten mehr, als wir gegenüber den Krankenkassen abrechnen können“, sagt Dr. Weiß.

Leicht Erkrankte abgeben

Der so genannte „Case-Mix-Index“ (CMI), der die durchschnittliche Schwere der Erkrankungen von Patienten misst, ist am Standort Marburg niedriger als in Gießen und zudem rückläufig. Schlussfolgerung: Das Klinikum müsse erstens mehr Patienten mit schweren Erkrankungen gewinnen, die die Leistungen der Universitätsmedizin wirklich benötigen, und zweitens umgekehrt Patienten mit leichteren Erkrankungen an andere Versorger, etwa andere Krankenhäuser oder an Fachärzte, abgeben. Anders formuliert: Patientenströme müssten besser „gelenkt“ werden. Weniger „unberechtigte“ Patienten, die die Notaufnahme des UKGM verstopfen, mehr Schwerkranke, die aus der Region ins Uniklinikum Marburg eingewiesen werden.

Dazu soll das Ambulanz- und Diagnostikzentrum beitragen, führte Weiß aus. Es sieht eine enge Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und einer klinischen Ambulanzleistung vor. Zugleich soll es Bestandteil der angestrebten Netzwerkbildung des Universitätsklinikums Marburg mit Ärzten der Region sein, um die Gesundheitsversorgung in der Region zu verbessern. „Verpartnerung“ mit den niedergelassenen Ärzten nennt der Ärztliche Direktor Professor Harald Renz diese Strategie.

Ohne es ausdrücklich so zu benennen, nimmt das UKGM damit offenbar Abstand von der Strategie, frei werdende Facharztsitze aufzukaufen und in eigene Medizinische Versorgungszentren umzuwandeln. Statt der Kontrolle von Facharzt­sitzen geht es jetzt darum, über eine enge Zusammenarbeit mit Fachärzten, den „Zuweisern“ für die Kliniken, neue Patienten zu gewinnen.

OB: Was Standort Marburg hilft, ist gut

Der Vorsitzende der Ärztegenossenschaft Prima, Dr. Harald Hesse, sieht den Plänen deswegen mit einiger Gelassenheit entgegen. In einem simplen Raumangebot des UKGM für niedergelassene Fachärzte, auch in einer Zusammenarbeit bezüglich Gerätenutzung oder Organisation, sieht er kein Problem. „Das muss jeder niedergelassene Kollege für sich entscheiden, ob ihm das etwas bringt“, sagte Hesse. Wichtig sei, dass den niedergelassenen Ärzten „Patienten, die in den ambulanten Bereich gehören“, nicht verloren gehen. Noch zugespitzter formuliert: „Jeder muss in seinem Bereich wissen, dass der andere ihn in Ruhe lässt.“

Der neue Marburger Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, bis zu seinem Amtsantritt gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, hält gesundheitspolitisch die räumliche und organisatorische Nähe zwischen Krankenhäusern und Facharztpraxen für sinnvoll. Es dürfe nur keine wirtschaftliche Interessenverquickung geben. Ansonsten sei alles, „was dem Standort Marburg hilft“, gut und von der Stadt zu unterstützen. Eine neue Qualität in der Zusammenarbeit zwischen Fachärzten und Klinikum in Marburg sei interessant auch für die Entwicklung von neuen Versorgungsstrukturen im Landkreis.

Die Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher und ihr Gießener Kollege Klaus Hanschur sagten die „kritisch-konstruktive Prüfung“ der Pläne zu. Das Investitionsvorhaben dürfe aber nicht dazu führen, dass Arbeitsdruck zunähme, sagte Böttcher. Die Beschäftigten könnten nicht Zinsen und Abschreibungen zusätzlich aus dem laufenden Betrieb erwirtschaften. Der Vorstandsvorsitzende der Rhön-AG, Dr. Martin Siebert, dämpfte in diesem Zusammenhang aber Erwartungen an die Erstattung von Investitionskosten durch das Land Hessen.

von Till Conrad

 
Hintergrund
Der Aufsichtsrat der UKGM GmbH hat beschlossen, dass der kaufmännische Geschäftsführer in Marburg, Dr. Gunther K. Weiß (49, Privatfoto), ab dem 1. Januar 2016 den Vorsitz der Geschäftsführung übernimmt. Für beide Standorte wird es weiterhin – wie bisher – je einen kaufmännischen und einen ärztlichen Geschäftsführer geben: Prof. Dr. Werner Seeger und Dr. Christiane Hinck-Kneip in Gießen sowie Prof. Dr. Harald Renz und Dr. Gunther K. Weiß in Marburg. Der bisherige UKGM-Vorstandsvorsitzende 
Martin Menger wechselt in den Vorstand der Rhön-AG.
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr