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Zahl psychischer Erkrankungen steigt

Fehlzeiten häufen sich Zahl psychischer Erkrankungen steigt

Psychisch bedingte Fehlzeiten machen fast 17 Prozent aller Fehlzeiten aus – jeder sechste Krankheitstag in Hessen entfällt auf eine psychische Diagnose, besagt der Gesundheitsreport 2015.

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Das Symbolfoto zeigt eine depressive Frau an ihrem Arbeitsplatz. 17 Prozent aller Krankschreibungen in Hessen entfallen laut dem aktuellen Gesundheitsreport auf psychische Leiden wie Depressionen oder Burnout.

Quelle: Oliver Berg

Marburg. Im vergangenen Jahr waren die bei der Techniker Krankenkasse (TK) versicherten Beschäftigten im Land pro Kopf durchschnittlich 14,6 Tage krankgeschrieben. Damit bewegt sich die Arbeitsunfähigkeitsquote im Land insgesamt etwa auf Vorjahresniveau.

Bei den Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen gab es erstmals wieder einen Anstieg von 0,2 Tagen pro Kopf. Demnach war im vergangenen Jahr jeder Erwerbstätige in Hessen 2,5 Tage aufgrund psychischer Diagnosen arbeitsunfähig. Diese Zahlen gehen aus dem aktuellen Gesundheitsreport der TK in Hessen hervor.

Psychisch bedingte Fehlzeiten machen mittlerweile fast 17 Prozent aller Fehlzeiten aus. Das heißt, jeder sechste Krankheitstag in Hessen entfällt auf eine psychische Diagnose. Statistisch gesehen war jede Erwerbsperson im vergangenen Jahr einen Tag mit dieser Diagnose krankgeschrieben.

Anders als bei Erkältungskrankheiten oder Rückenschmerzen sind bei den Depressionen zwar deutlich weniger Menschen betroffen. Die, die es trifft, fallen aber sehr lange aus – im Durchschnitt 64 Tage, geht aus dem „Depressionsatlas“ der TK hervor. Für die Betroffenen sind psychische Erkrankungen sehr langwierig. Und auch für die Betriebe bedeuten diese Erkrankungen lange Ausfallzeiten.

Unternehmen sollten in die Gesundheit investieren

Depressionen sind also auch ein wirtschaftlicher Faktor. Denn für ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern bedeutet dies, dass durchschnittlich vier ihrer Beschäftigten gut zwei Monate im Jahr fehlen. Berücksichtigt man noch den Urlaubsanspruch, bleibt also mindestens ein Arbeitsplatz allein aufgrund von Depressionen unbesetzt, so die Berechnungen der Krankenkasse.

Grund genug für Unternehmen also, sich Gedanken darum zu machen, wie sie psychische Belastungen am Arbeitsplatz minimieren können. Denn: Die Beurteilung der Arbeitsbedingungen, kurz „Gefährdungsbedingungen“ genannt, gehört zu den Pflichten des Arbeitgebers. Sie muss alle Risiken einschließen – auch psychische Gefährdungen.

Das weiß auch Kordula Weber von Arbeit und Bildung. Sie sagt: „Burnout ist keine Mode-Erkrankung, denn wenn sich Menschen ausgebrannt fühlen, dann gibt es durchaus Gründe dafür.“ Die Krankheit könne sich auf unterschiedliche Arten äußern. „Dahinter verbirgt sich in erster Linie das, was ich im Allgemeinen ,Erschöpfungszustände‘ nennen würde.“ Bei ihrer Arbeit habe sie allerdings häufig erlebt, dass man das Krankheitsbild in die Verantwortung des Einzelnen gelegt habe. „Wenn Sie es also in Ihrem Job nicht mehr schaffen, dann machen Sie was falsch – und dementsprechend müssen Sie etwas ändern“, verdeutlicht Kordula Weber.

Einmal Yoga und ein Gesundheitstag reichen nicht

Zwar sei auch die persönliche Veranlagung von Menschen ein Grund für psychische Erkrankungen, „aber den halte ich nicht für alleine ursächlich“, verdeutlicht sie. Denn: „Es greift zu kurz, wenn man sagt, lieber Betroffener, arbeite jetzt mal an der Wiederherstellung deiner Arbeitskraft und dann kommst du wieder zurück und wir fangen von vorne an.“

Unternehmen sprächen zwar häufig von betrieblichem Gesundheitsmanagement, „aber in der Praxis bedeutet das, dass es vielleicht einmal im Monat Yoga gibt, oder einmal im Jahr einen Gesundheitstag“. Das sei allerdings nicht genug.

Bei einem Projekt mit dem Titel „Rückenwind“ habe man gemeinsam mit der Philipps-Universität untersucht, was die Menschen am Arbeitsplatz belaste. Heraus kam: Die Führungskultur eines Unternehmens sei häufig ausschlaggebend für die seelische Gesundheit von Menschen. Ein weiterer Punkt sei die Unterstützung durch Kollegen – „auf fachlicher Ebene und in sozialen Beziehungen“, wie Weber erläutert.

Berater wissen, an welchen Stellschrauben zu drehen ist

Vor diesem Hintergrund habe man eine Ausbildung konzipiert zum „Berater für gesunde Organisationen“. „Wir bilden Menschen aus, die wissen, wie Unternehmen organisiert sind – und an welchen Stellschrauben sie drehen müssen, um Belastungen zu vermeiden.“

Man könne einem Menschen nur dann aus seiner „Erschöpfungsfalle“ heraushelfen, wenn man diese Menschen in ihrem Arbeitsprozess begleite. „Und da ist die Verantwortung des Unternehmens gefragt.“

Wenn ein Erkrankter nach einer Rehabilitation und der anschließenden Wiedereingliederung wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehre und sich die Bedingungen nicht änderten, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass er wieder erkranke. Wichtiger wäre es, nach strukturellen Problemen zu suchen und diese abzustellen – das komme auch den weiteren Beschäftigten zugute.

von Andreas Schmidt

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