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YKK-Betriebsratschef attackiert IG Metall

Konflikt im YKK-Betriebsrat YKK-Betriebsratschef attackiert IG Metall

Der Betriebsratsvorsitzende von YKK hat auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe reagiert, er dränge 
Gewerkschaftsmitglieder zum Austritt, um den Organisationsgrad in der Belegschaft zu schwächen.

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Arbeitnehmer des Reißverschlussherstellers YKK demonstrierten im vergangenen Jahr gegen die Tarifflucht ihres Unternehmens.

Quelle: Andreas Schmidt

Wenkbach. Über entsprechende Anschuldigungen hatte die OP in der vergangenen Woche­ berichtet, nachdem eine E-Mail des Betriebsratschefs an die ­Geschäftsführung durch einen Arbeitsgerichts-Prozess an die Öffentlichkeit gelangt war. In der entsprechenden Mail heißt es: „Nach Rücksprache mit dem ein oder anderen Kollegen werden wohl noch Austritte aus der IG Metall erfolgen. Ich benötige­ eine Personalliste, in der Sie ­alle Personen aufführen, die Sie als Mitarbeiter betrachten. Daraus kann ich ersehen, wann die Mehrheit nicht mehr organisiert ist“.

Aus Unternehmenskreisen war der OP zudem berichtet worden, dass gezielt versucht werde, Gewerkschaftsmitglieder zum Austritt aus der IG Metall zu bewegen. Diese hatte die Vorgänge als „ein Stück aus Absurdistan“ bezeichnet.

Den Beschuldigten hatte die OP zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichen können. Nun liegt jedoch eine schriftliche Erklärung vor. „Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich als Mitarbeiter der YKK Wenkbach und als Mitglied des Betriebsrates zwei Interessen verfolge“, heißt es darin. „Zum einen bin ich Mitglied der IG Metall und habe natürlich ein Interesse daran, dass der Flächentarifvertrag auf meine Kollegen und mich in unseren Arbeitsverhältnissen Anwendung findet. Auf der anderen Seite bin ich als Betriebsratsmitglied und insbesondere als Betriebsratsvorsitzender verpflichtet, zum Wohle der Belegschaft und der Arbeitsplätze gegenüber dem Arbeitgeber aufzutreten und mich in tariflichen Auseinandersetzungen neutral zu verhalten.“

„Wurde aufgefordert, gegen Pflichten zu verstoßen“

Dies sei seine gesetzliche Verpflichtung, an die er sich „auch zukünftig“ halten wolle. Der Betriebsratschef gibt jedoch zu, dass „diese Aufgabentrennung nicht einfach ist“. Eine Verfehlung seinerseits habe es jedoch nicht gegeben. Stattdessen erhebt er seinerseits Vorwürfe gegen die Gewerkschaft.

„In dem Spannungsfeld meiner betriebsverfassungsrechtlichen Pflichten und der gewerkschaftlichen Interessen bin ich mehrfach dazu aufgefordert worden, gegen meine betriebsverfassungsrechtlichen Pflichten zu verstoßen. Trotz Hinweis auf meine Verantwortung wurde ich dazu beschimpft und fühle mich in vielfacher Weise beleidigt und genötigt“, heißt es weiter in dem Schreiben.

Die IG Metall kämpft beim Wenkbacher Reißverschlusshersteller für die Wiedereinführung der Tarifbindung, die das Unternehmen im Dezember 2015 aufhob (die OP berichtete). „Dass man seinen tariflichen Forderungen Nachdruck verleiht, gehört bei der Auseinandersetzung auch natürlich dazu“, gesteht der Betriebsratschef ein.

„Viele meiner Kollegen und ich sind jedoch nicht bereit, unter Verletzung unserer gesetzlichen Pflichten Schäden bei der YKK Wenkbach zu verursachen, die den Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge haben könnte“, erklärt er. Dass es zu einer Reihe von Austritten gekommen ist, ist der Erklärung nach nicht auf ihn zurückzuführen.

„Im Ton manchmal etwas rustikaler“

„Viele Kollegen und ich fühlen sich von der Gewerkschaft nicht vertreten. Stattdessen fühlen wir uns beleidigt und im Stich gelassen. Die vielen Austritte aus der IG Metall stehen dafür Zeugnis“, schreibt er. „Ich initiiere diese nicht, sondern beobachte diese ganz genau. Nichts anderes können Sie meiner E-Mail vom 18.01.2017 entnehmen“.

„Eine sachliche Auseinandersetzung und eine vernünftige Kommunikation war und ist mir besonders wichtig“ – so die Stellungnahme. Dies sieht der Betriebsratsvorsitzende durch die IG Metall offenbar nicht als gegeben an.

„Natürlich geht es im Ton manchmal etwas rustikaler zu“, erklärt dazu Stefan Sachs, 1. bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen. „Sich über den Ton zu ärgern ist auch in Ordnung“, sagt er. „Aber was sollen wir denn machen, wenn wir uns unser gemeinsames Ziel – die Rückkehr zur Tarifbindung – nicht erreichen? Sollen wir uns vors Werkstor werfen und beten?“ Es gehe keinesfalls darum, „das Unternehmen zu vernichten“.

Allerdings stehe dies nicht vor dem Abgrund. „Denen geht es richtig gut“, so Sachs. Zur ­Arbeit einer Gewerkschaft gehöre es in einem solchen Fall, in dem Worte offenbar nicht hälfen, eben „die Arbeitnehmer davon zu überzeugen, dass wir wirtschaftlichen Druck ausüben und die Arbeit niederlegen“. So funktionierten Gewerkschaften „seit 150 Jahren“.

„Komme meiner Verpflichtung nach“

Auch der Betriebsrat sei nicht zur Neutralität verpflichtet, so wie es der Vorsitzende sieht. „Ich verhalte mich in der tariflichen Auseinandersetzung neutral und arbeite im Rahmen meiner betriebsverfassungsrechtlichen Pflichten zum gemeinsamen Wohl des Unternehmens mit seiner Belegschaft und zum Erhalt von Arbeitsplätzen. Wenn Einzelne meinen, das Betriebsratsamt auszunutzen, um gesetzeswidrig Tarifauseinandersetzungen zu unterstützen, folge ich dem nicht“, schreibt dieser und nimmt dabei Bezug auf Paragraph 2, Absatz 1 des Betriebsverfassungsgesetzes. „Arbeitgeber und Betriebsrat arbeiten unter Beachtung der geltenden Tarifverträge vertrauensvoll und im Zusammenwirken mit den im Betrieb vertretenen Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen zum Wohl der Arbeitnehmer und des Betriebs zusammen“, lautet dieser.

Nutzen Betriebsratsmitglieder also ihre Position aus, wenn sie Streiks unterstützen? Für Sachs keineswegs, denn der Betriebsrat sei schließlich die Interessensvertretung der Arbeitnehmer. Der Vorsitzende hat aber eine andere Sichtweise und wünscht sich offenbar ein härteres Vorgehen durch YKK: „Wenn ich meinen Arbeitgeber darauf hinweise, komme ich meiner Verpflichtung nach. Wenn dann vom Arbeitgeber keine Reaktion gegenüber denjenigen erfolgt, die aus meiner Sicht rechtswidrig handeln, ist das bedauerlich“.

von Peter Gassner

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