Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
YKK-Betriebsrat kämpft gegen Tarifflucht

YKK-Betriebsrat kämpft gegen Tarifflucht

Zum 1. Dezember will YKK aus der Tarifgemeinschaft der IG Metall
 austreten – und ein 
Mitglied ohne Tarifbindung werden. Das ruft Gewerkschaft und 
Betriebsrat auf den Plan.

Voriger Artikel
„Das macht Sie wertvoll für Ihre Arbeitgeber“
Nächster Artikel
Für Teilnehmerinnen explodiert sogar ein Airbag

Der Reißverschlusshersteller YKK will aus der Tarifgemeinschaft austreten. Die Gewerkschaft kündigt eine „lange Auseinandersetzung“ an.

Quelle: Tobias Hirsch

Wenkbach. Der Betriebsrat rund um den Vorsitzenden Reiner Ruse des Reißverschlussherstellers YKK in Wenkbach ist entsetzt: Vor etwa zwei Wochen habe der Werksleiter das Gremium informiert, dass man ab 1. Dezember von einer Vollmitgliedschaft im Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie in eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung wechseln werde. 168 fest angestellte Mitarbeiter gibt es laut Betriebsrat derzeit in Wenkbach, hinzu kommen noch etwa 20 Leiharbeiter.

„Sie wollen also weiterhin die Leistungen des Arbeitgeberverbands wie Rechtsberatung und mehr nutzen, aber die Tarife nicht mehr gewähren – und das hat Folgen“, erläutert IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Ferdinand Hareter im Gespräch mit der OP.

Für die Beschäftigten, die bereits Mitglied in der IG Metall seien, bedeute der Ausstieg, „dass sie mit ihrem Gehalt auf dem Level stehenbleiben, wie es zum Ausstieg ist“, so Hareter. Sie würden nicht mehr an der Tarifentwicklung teilnehmen, „kein neu abgeschlossener Tarifvertrag wird Gültigkeit haben.

Und wenn die Kollegen drei, vier Mal keine Tariferhöhung bekommen haben – dann kann das nicht mehr aufgeholt werden. Denn dann sind sie ungefähr 15 Prozent hinter dem Flächentarifvertrag“, verdeutlichte Hareter die Konsequenzen auf die Lohnentwicklung.

Gewerkschaft kündigt langwierigen Konflikt an

Für neu eingestellte Mitarbeiter sei die Situation noch gravierender, „denn die bekommen überhaupt keine tarifliche Zusage mehr. Dadurch wird die ganze Belegschaft in eine Konkurrenz gedrückt, die ich für unmenschlich und widerlich halte“, so Hareter. Tarife seien aber Mindestbedingungen, die eingehalten werden müssten – „wir wollen an der tariflichen Entwicklung teilnehmen.

Daher fordern wir den Arbeitgeber auf, in der Tarifgemeinschaft zu bleiben – noch ist es nicht zu spät“, sagt der Gewerkschafter. Er verdeutlicht: „Eins ist sicher: Hier wird es eine monatelange Auseinandersetzung geben. Da sollte sich die Geschäftsführung gut überlegen, ob sie das möchte“, sagt Hareter.

Der Betriebsrat hatte nach dem Gespräch mit dem Werksleiter direkt eine Betriebsversammlung einberufen, um die Kollegen zu informieren. Gleichzeitig rief er dazu auf, in die Gewerkschaft einzutreten, „um sich zumindest den jetzigen Tarifschutz zu sichern“, erläutert Reiner Ruse. Mit dem Geschäftsführer suche man noch das Gespräch.

Am Dienstag wollte der Betriebsrat eine weitere Betriebsversammlung abhalten – doch da machte die Werksleitung dem Gremium einen Strich durch die Rechnung. „Man hat uns mitgeteilt, dass die Zeit nicht bezahlt würde“, so Ruse. Daher werde man die Versammlung auf kommende Woche verschieben, „bis dahin haben wir alle Mitarbeiter informiert, dass sie für diese Zeit nicht bezahlt werden“.

Produktionsteile sollen ausgelagert werden

Denn zu verkünden gibt es genug: Man habe dem Betriebsrat auch schon mitgeteilt, dass man weniger lukrative Produktionslinien ins Ausland verlegen wolle. „Das ist nicht die feine Art“, sagt Betriebsrats-Vorsitzender Ruse.

Denn vor einigen Jahren, als sich YKK in wirtschaftlicher Schieflage befand, hätte die Belegschaft zum Teil kostenlos gearbeitet, „die Belegschaft hat alles getan, um den Standort zu sichern. Aber uns das jetzt einfach so vor die Füße zu schmeißen – das geht nicht, man hätte vorher mit uns reden müssen, dann hätten wir eine Lösung gesucht.“ Geschäftliche Gründe könne die Tarifflucht nicht haben, so der Betriebsrat, denn das Unternehmen stehe wirtschaftlich gut da.

Die YKK Deutschland GmbH ist ein Teil des Mutterkonzerns YKK Stocko Fasteners GmbH. Dieser konnte im vergangenen Geschäftsjahr seinen Umsatz um gut 10 Prozent von 65,6 Millionen Euro auf 72,5 Millionen Euro steigern.

Geschäftsbericht: Ertragslage hat sich erheblich verbessert

Im Geschäftsbericht des Unternehmens heißt es, dass man „im abgelaufenen Geschäftsjahr keine größeren Kunden verloren und sogar einige namhafte Kunden dazugewonnen“ habe. Aus Sicht der Gesellschaft gehe man davon aus, „dass sich die Umsätze des nun abgelaufenen Geschäftsjahres stabilisieren und sich in absehbarer Zukunft weiterhin leicht positiv entwickeln“.

Auch das Tochterunternehmen YKK Deutschland GmbH habe ihre Umsätze demnach um 7,6 Prozent steigern können. „Die Ertragslage der Gruppe hat sich im Vergleich zum Vorjahr erheblich verbessert. Die positiven Auswirkungen der beschriebenen Umsatzerhöhungen spiegeln sich im Konzernergebnis wider“, so der Geschäftsbericht.

Ferdinand Hareter verdeutlicht: „Auch Streiks sind nicht ausgeschlossen, das ist das uns zugebilligte demokratische Mittel. Aber das ist für uns das letzte Mittel. Vorab halten wir es für vernünftiger, miteinander zu reden.“

Das Unternehmen wollte sich am Dienstag auf Anfrage der OP nicht zu dem Konflikt äußern.

von Andreas Schmidt

 Am Dienstag informierte der Betriebsrat mit seinem Vorsitzenden Reiner Ruse (rechts) und mit IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Ferdinand Hareter (Vierter von links) über die Pläne von YKK. Foto: Andreas Schmidt
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr