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Rücktritt nach psychischem Druck

YKK: Betriebsrat Rücktritt nach psychischem Druck

Der Betriebsrat des Reißverschlussherstellers YKK ist zurückgetreten, nachdem Anzeigen gegen Mitglieder 
gestellt wurden. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter erklärte unterdessen 
Solidarität mit dem 
bisherigen Gremium.

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Mit dem Austritt des Unternehmens YKK aus der Tarifbindung im Jahr 2015 begannen auch die Querelen im Betriebsrat.

Quelle: Andreas Schmidt

Wenkbach. Der Streit bei YKK geht weiter: Nun sind die verbleibenden vier Betriebsratsmitglieder, die nicht in der IG Metall sind, zurückgetreten – ebenso die Ersatzmitglieder. Als Grund nannte der stellvertretende Vorsitzende Lothar Meurer Anzeigen, die gegen die Mitglieder gestellt wurden. „Derzeit laufen sechs Anzeigen, darunter Geldforderungen und Strafanzeigen“, sagt er. Es gehe etwa um Verleumdung und üble Nachrede.

„Wir haben jetzt die Reißleine gezogen, weil wir teilweise nervlich am Ende sind“, so Meurer. Der bisherige Betriebsratsvorsitzende war aufgrund des Drucks und daraus resultierender gesundheitlicher Probleme bereits vor einer Woche zurückgetreten ( die OP berichtete). Die verbleibenden Mitglieder hätten sich nun entschieden, dem psychischen Druck nachzugeben. Wann es Neuwahlen gebe, werde in der nächsten Woche entscheiden.

Psychischen Druck beklagen auch Teile der Belegschaft: „Das ist kein Arbeiten mehr, das ist psychologische Kriegsführung“, sagt Susanne Band. Sie arbeitet seit 31 Jahren bei dem Reißverschlusshersteller in Wenkbach. Die Mitarbeiter würden in die Streitereien des Betriebsrats – zwischen den Vertretern der Gewerkschaft und den anderen Mitgliedern – hineingezogen, gegeneinander ausgespielt und gespalten. „An den Maschinen herrscht Stille“, sagt auch Sandra Weiershäuser. Man wisse gar nicht mehr, mit welchen Kollegen man reden könne – und wer das Gesagte weitertrage. Auch werde die Arbeit gestört, weil sich Grüppchen bildeten, die die Vorgänge im Betrieb diskutierten. Dadurch ist die Produktion bereits um zehn Prozent eingebrochen, sagt Produktionsleiter Fred Hampel.

„Minderheit terrorisiert die ganze Belegschaft“

Die Streitereien in dem Gremium verschärften sich immer weiter. In den vergangenen Wochen hatten die IG Metall, die Tarifkommission und einige Mitarbeiter eine Unterschriftenaktion organisiert – 33,8 Prozent der Belegschaft forderten einen Rücktritt des Betriebsrats. „Das ist eine Minderheit, die dafür unterschrieben hat. Die meisten von uns stehen hinter dem Betriebsrat“, sagt Susanne Band. Sie selbst könne die Gerüchte und das negative Gerede nicht nachvollziehen. „Außerdem haben auf dieser Liste auch Rentner unterschrieben.“

Einige Unterzeichner hätten sich mittlerweile dafür entschuldigt. „Die IG Metall manipuliert. Das haben viele jetzt gemerkt und stellen sich auf unsere Seite“, so Monika Köster. „Die Firma ist ein Kriegsschauplatz geworden und das muss aufhören.“ „Wir wollen nur in Ruhe arbeiten“, ergänzt ihre Kollegin Weiershäuser. „Eine Minderheit terrorisiert die ganze Belegschaft“, findet Maximilian Peppler.

Sorgen um die eigene Zukunft im Betrieb

Die Mitarbeiter haben daher auch eine Unterschriftenaktion organisiert, mit der sie sich hinter den bisherigen Betriebsrat stellen. Kritisch müsse man sein und gegen manche Entscheidungen kämpfen – aber in einem zielführenden Rahmen, heißt es darin. Diese Liste hätten laut den Initiatoren innerhalb von einer Woche mehr als 80 von 160 Mitarbeitern unterschrieben – auch 11 Personen, die sich zuvor auf der ersten Liste gegen den Betriebsrat ausgesprochen hatten. Die Kritiker erklären, sich nicht durch die Gewerkschaft vertreten zu fühlen: So hätten IG Metall und Tarifkommission in zwei Jahren kein Gespräch mit der Geschäftsführung geführt – der bisherige Betriebsrat hingegen sogar mit positiven Ergebnissen.

Meurer freute sich im Gespräch mit der OP über den Rückhalt der Mitarbeiter, sah sich dennoch zum Rücktritt gezwungen. Die Belegschaft hält indes an ihrer Forderung fest, dass im Unternehmen endlich wieder Ruhe einkehrt: „Wir werden ja auch privat dauernd angesprochen darauf, was hier los ist“, sagt Köster. Und damit nicht genug – auch die Gedanken im eigenen Kopf kreisten besorgt um die Zukunft.

Neben der psychischen Belastung durch Spannungen am Arbeitsplatz gehe es um Zukunftsangst: „Wir können uns nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, es gibt nur Streit – irgendwann kommt dafür die Retourkutsche aus der Geschäftsführung“, so die Gruppe der Mitarbeiter. Schließlich sei es ein Teufelskreis: Schlechtere Arbeit und langsamere Produktionen spüre letztlich der Kunde. „Wir haben zwar aktuell keinen Tarif, aber die Leute draußen wissen gar nicht, wie gut es uns geht“, erklärt Band.

IG Metall sieht Rücktritt „als sinnvollen Schritt“

Die Mitarbeiter bekämen Tariflohn, obwohl die Firma aus dem Tarifvertrag ausgetreten ist, und bereits zum zweiten Mal eine Bonuszahlung, die von der Produktionsleistung abhängt. „Wir haben eine 35-Stunden-Woche. Wo gibt es das heute noch?“, fragt Peppler. Man sei zufrieden, solange es keine Verschlechterungen gebe. Eine Rückkehr in den Tarif wünsche sich auch die Belegschaft – aber mit Gesprächen, statt mit Druck. „Wir stehen zu unserem Werk und wir wollen hier an einem Strang ziehen“, betont Band.

Stefan Sachs, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen, bewertet den Rücktritt als „sinnvollen Schritt“, denn: „Wenn man nicht so weitermachen will, dann gibt es eben jetzt ein Votum der Belegschaft, das eingeleitet werden muss.“ Neuwahlen könnten wohl im Herbst stattfinden, bis dahin bleibe das Gremium geschäftsführend im Amt. „Der Betriebsrat hat sich in unterschiedliche Richtungen bewegt. Nun wird man sehen, was passiert, denn dann haben alle das Votum der Belegschaft bei YKK zu akzeptieren. Und zwar, ob es uns gefällt oder nicht.“

von Patricia Grähling
 und Andreas Schmidt

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