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„Wir waren Fremde unter Fremden“

Firmengeschichte „Wir waren Fremde unter Fremden“

„Der Grund warum ich morgens aufstehe wenn der Wecker klingelt ist, dass ich ein gesundes Unternehmen an die dritte Generation übergeben möchte“, erklärt Firmenchef Wolf Hoppe am Ende eines persönlichen und spannenden Vortrags in der Georg-Büchner-Schule.

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Wolf Hoppe (oben) brachte den Schülern locker und spannend die Geschichte der heutigen HOPPE AG nahe.

Quelle: Karin Waldhüter

Stadtallendorf. Für Wolf Hoppe, Mit-Inhaber der international tätigen HOPPE-Gruppe, beginnt der Montagmorgen mit einem Novum: „Vor Schülern zu stehen und mit Schülern über meine Heimat zu diskutieren, so was hatte ich noch nicht“, berichtet er vor rund 50 Schülern der Klassen G8b und R8c.

Gut zweieinhalb Stunden Zeit nimmt sich der Unternehmer, um den Schülern die Entwicklung der HOPPE AG, die im Stadtallendorf der Nachkriegszeit beginnt, näher zu bringen. Heute ist die HOPPE-Gruppe europaweit Marktführer für Beschlagsysteme für Türen und Fenster und wird in zweiter Generation von Wolf Hoppe und seinem Bruder Christoph geführt. Schnell geraten die Schüler in den Bann der Geschichte, die stellvertretend für die Geschichte Stadtallendorfs nach dem zweiten Weltkrieg stehen kann.

Dank seiner großen Erzählkunst breitet Wolf Hoppe kurzweilig die Firmengeschichte aus und zeigt gleichzeitig viele Facetten seiner Führungspersönlichkeit und das Wertedenken in seinem Unternehmen auf. So entwickelt sich ein Austausch, dem alle Schüler bis zur letzten Minute konzentriert folgen.

Der Vortrag ist Teil eines Geschichtsprojektes, das klassenübergreifend unter der Leitung von Önder Cavdar und Marina Flanderka organisiert wird und sich mit der Geschichte Stadtallendorfs beschäftigt.

Eng arbeitet die Schule dabei mit dem Dokumentations- und Informationszentrum Stadtallendorf zusammen. „Die Ergebnisse der folgenden Schülerarbeiten sollen in eine Weiterführung der Aufarbeitung der lokalen Geschichte münden, die von den Sprengstoffwerken des 2. Weltkriegs geprägt wurde“, erklärt Klassenlehrerin Marina Flanderka. Mit einem Blick in die eigene schulische Vergangenheit beginnt Wolf Hoppe.

Zunächst besuchte er (geboren 1952) die Teichschule in Stadtallendorf und absolvierte später in Marburg sein Abitur.

In ehemaligem Bunker entsteht die „Urzelle“

Vor dem Umzug in ein eigenes Heim lebte die Familie in einem Wohnblock in der Stadtallendorfer Eichendorffstraße. Vater Friedrich Hoppe, geboren in Schlesien, kam im September 1949 nach der Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Heiligenhausen bei Düsseldorf, dem damaligen Zentrum der Schlösser- und Beschlägefertigung. Dort gründete er 1952 ein Unternehmen zur Herstellung von Türbeschlägen. Als erste Mitarbeiter hatte er seine Frau Agnes und seinen Bruder Herbert an seiner Seite. 1954 verlegt er den Sitz des Unternehmens nach Stadtallendorf, dort entsteht in einem ehemaligen Bunker im DAG-Gebiet die „Urzelle“ des heutigen weltweit agierenden Unternehmens mit 2579 Beschäftigten vor allem in Deutschland, der Schweiz, Südtirol, Tschechien, Großbritannien und den USA.

Mit historischen Bildern belegt Wolf Hoppe den Firmenwerdegang und stellt den Schülern einige ursprüngliche Berufsbilder vor, erzählt von der Arbeit des Vaters, der den ersten Guss-Ofen noch selbst gemauert hatte, berichtet, wie die Familie damals in Stadtallendorf aufgenommen wurde („wir waren Fremde unter vielen anderen Fremden“) und beleuchtet die Globalisierung.

Von seinen Lehrlingen und Mitarbeitern fordert Hoppe „anständiges Verhalten“ - auch, wenn das heute altmodisch erscheine. Die Firma führt er auf der Basis von Werten wie Verantwortung und Vertrauen: „Meine Eltern haben mir unheimlich vertraut, das versuche ich, auch mit meinen Mitarbeitern zu machen“, betont Hoppe.

Die Frage der Schüler nach besonderen Anekdoten veranlasst den Firmenchef, einen Blick auf Werte zu werfen, die er schon in der Kindheit kennen gelernt hat. Im Alter von fünf oder sechs Jahren habe er eine Stadtallendorferin mit dem Fahrrad umgefahren, „Fahrerflucht“ begangen und sich anschließend hinter dem Küchenschrank versteckt. „Wenn man Schaden anrichtet, muss man dafür gerade stehen“, habe er damals von seiner Mutter gelernt und sich mit Pralinen und einem „Diener“ bei der Frau entschuldigt.

Ein Verhalten, das noch heute das zwischenmenschliche Miteinander im Unternehmen prägt, wie Hoppe später deutlich macht. Seit zwei Jahren arbeitet der älteste Sohn Christian im Unternehmen mit. Eine Familienverfassung, welche die Nachfolge regelt, sei gerade fertig geworden. Dass das Unternehmen in dritter Generation ein Familienunternehmen bleibt, stellt für Wolf Hoppe eine „unglaubliche Motivation“ dar. „Deshalb stehe ich morgens auf, wenn der Wecker klingelt“, sagt er und lächelt.

von Karin Waldhüter

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