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„Wir sind die Drehscheibe der Akteure“

Beratungsprojekt für Flüchtlinge „Wir sind die Drehscheibe der Akteure“

Der beste Weg zur Integration von Flüchtlingen ist die Berufstätigkeit – diesen Ansatz verfolgt 
das Netzwerk „Bleib in Hessen“ mit seinem Förderprogramm zur beruf­lichen Eingliederung.

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Flüchtlinge beraten und ihnen Wege in den Beruf aufzeigen – das ist das Ziel des Projekts „Bleib in Hessen“.

Quelle: Aksana Oksamytna

Marburg. Vergangenes Jahr kamen knapp 80.000 Flüchtlinge auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive nach Hessen. Diese gilt es nun zu integrieren – und dabei will das Netzwerk „Bleib in Hessen“ helfen.

Es unterstützt Geflüchtete sowohl bei der sozialen Integration als auch bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Im Landkreis ist das Projekt bei der Praxis GmbH angesiedelt, die wiederum ein Teil von Arbeit und Bildung ist.

Koordinatorin Dr. Nkechi Madubuko vom Mittelhessischen Bildungsverband ist Koordinatorin für das Programm. „Bei uns steht die Kontinuität im Vordergrund, denn wir beraten Flüchtlinge schon seit 2008. Dadurch bieten wir einen Erfahrungsschatz, der schon acht Jahre zurückreicht“, sagt sie.

Zahlreiche Experten 
in Netzwerk vertreten

Im Gegensatz zu „Bleib“ seien viele neuere Angebote erst im Zuge der Flüchtlingswelle aus dem Boden gestampft worden. „Der Vorteil ist: Durch unsere lange Erfahrung haben wir ein echtes Netzwerk gebildet“, so Madubuko. „Bleib“ sei demnach nicht nur im Landkreis Marburg-Biedenkopf, sondern auch in Gießen, Offenbach, Hanau, Frankfurt, im Schwalm-Eder-Kreis und in Kassel vertreten.

„Die meisten Programme bieten eine Beratung nur für Menschen mit einer Bleibeperspektive an. Das ist bei uns nicht so“, sagt die Koordinatorin. Man berate Flüchtlinge, Bleibeberechtigte und Geduldete gleichermaßen, „außerdem gibt es keine Alterseinschränkung“, verdeutlicht Madubuko.

Sie weiß, dass es bei all den Akteuren auf dem Feld schwierig sei, den Überblick zu bewahren. „Es gibt Angebote des Landes und der Kommunen ebenso, wie von Arbeitsagentur und Kreisjobcenter. Hier gibt es noch das Projekt ,Voice‘ – aber das gibt es nicht in Gießen oder Frankfurt“, verdeutlicht sie. Ziel von „Bleib“ sei es, die Menschen auch nach der Beratung oder nach der Teilnahme an einem Sprach- oder Integrationskurs weiter zu betreuen.

„Unsere Beratungszeit endet nicht, nachdem eine Vermittlung stattgefunden hat. Die Menschen können sich immer wieder an uns wenden um zu schauen, was der nächste mögliche Schritt wäre“, verdeutlicht Madubuko.

Durch die lange Zeit, die man sich bereits mit der Thematik beschäftige, habe man zahlreiche Experten an Bord – das geht so weit, dass die Projektbeteiligten sogar Schulungen für Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Kreisjobcenter anbieten – alleine in diesem Jahr bereits 30 Mal. „Aber den Überblick sowohl über alle Angebote als auch über die rechtlichen Regelungen zu behalten ist ein fließender Prozess“, weiß die Koordinatorin aus eigener Erfahrung.

Absprache mit der Ausländerbehörde

„Doch dafür gibt es Arbeitskreise in jeder Region – dort treffen sich die Akteure regelmäßig und so bekommt man Veränderungen gut mit.“ Hinzu kommen Schulungen der Mitarbeiter, „außerdem besuchen wir alle relevanten Tagungen, um auf dem Laufenden zu bleiben“.

Wie kompliziert die Fälle mitunter sein können, verdeutlicht Julia Becker, die gemeinsam mit Christoph Rettler und Ruth Preisendörfer bei der Praxis GmbH im Projekt mitarbeitet. „Wir hatten einen 18-jährigen Teilnehmer, der an der Adolf-Reichwein-Schule in einer Berufsvorbereitungsklasse war und innerhalb eines Jahres seinen Hauptschulabschluss gemacht hat.“

Sein Ziel war, Anlagenmechaniker zu werden – „einen Ausbildungsplatz hatte er sicher, er hatte jedoch einen abgelehnten Asylantrag, war aber geduldet“, so Becker. Mit der Ausländerbehörde des Kreises sei abgesprochen gewesen, dass er die Ausbildung absolvieren könne.

„Dann ist er jedoch nach Marburg umgezogen – und die Ausländerbehörde hat ihm zwei Wochen vor Ausbildungsbeginn die Arbeitserlaubnis entzogen“, erzählt Julia Becker. Dann sei das Netzwerk zum Tragen gekommen: Neben dem Projektteam von „Bleib“ hätten sowohl die Schule als auch das Diakonische Werk und der Jugendintegrationsdienst an einem Strang gezogen.

Unterstützung auch bei Formalitäten

Die Lösung war ein Plan B: Die Schule bot eine Gastschülerschaft an, im Ausbildungsbetrieb hatte der junge Mann derweil ein Praktikum absolviert, um die Zeit bis zur Arbeitserlaubnis praktisch zu füllen. „Glücklicherweise hat er dann zwei Tage vor Ausbildungsbeginn seine Aufenthaltserlaubnis bekommen und somit auch seine Arbeitserlaubnis“, sagt Becker.

„Zunächst wollen wir die Teilnehmenden kennenlernen und im Erstgespräch sowohl einen Eindruck über den schulischen und beruflichen Werdegang sowie die Kompetenzen verschaffen“, sagt Christoph Rettler. Dann würden Ziele und Wünsche erarbeitet – „und dann erarbeiten wir eine berufliche ­Wegeplanung“. Das könne beispielsweise zunächst eine Anerkennungsberatung sein.

„In den Einzelberatungen geht es auch um den Schwerpunkt zum Übergang von der Schule in den Beruf“, sagt Rettler. So sei man in den Intea-Klassen der beruflichen Schulen vertreten. Auch bei der Abwicklung von Formalitäten – wie etwa Arbeitserlaubnis oder Aufenthaltsbeschränkung – ist das „Bleib“-Team behilflich. Zudem unterstützen sie bei der Vermittlung in Arbeit und Ausbildung, stehen bei Bewerbungen zur Seite oder begleiten Flüchtlinge beim Erwerb von Schulabschlüssen.

„Außerdem beraten wir auch Unternehmen, die gern Flüchtlinge in ihrem Betrieb einstellen möchten oder die Fragen haben, wenn sie bereits einen Flüchtling eingestellt haben“, sagt Rettler. „Wir sind die Drehscheibe der Akteure, die alle zusammenbringt“, fasst er zusammen.

von Andreas Schmidt

 
 
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