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„Wir sind Behringwerker, keine Nestbeschmutzer“

CSL Behring „Wir sind Behringwerker, keine Nestbeschmutzer“

Wenn am Dienstag der Kammertermin stattfindet, dann wird eine Führungskraft, die das neue System mitentwickelt hat, nicht mehr das Unternehmen vertreten.

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Das australische Tochterunternehmen beschäftigt in Marburg mehr als 2000 Mitarbeiter.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wer bei Behring arbeitet, der verdient gutes Geld“: Das sagt einer, der schon früher bei „Behrings“ gearbeitet hat und nun beim Nachfolgeunternehmen CSL Behring angestellt ist. Er gehört zu denen, die gespannt auf die rechtlichen Schritte seiner Kollegen warten und ebenfalls erwägt, gegen seinen Arbeitgeber zu klagen. Denn er ist einer von rund 850 Mitarbeitern, die nach der Neubewertung aller 1700 tariflichen Stellen herabgestuft wurden.

Nach wie vor, so betont der Mann (Namen sind der OP bekannt), verdiene er als Schichtarbeiter im Vergleich zu vielen seiner Freunde mehr Geld.

Doch er kann und will nicht nachvollziehen, warum seine Arbeit nun weniger Wert sein soll - und dies vor dem Hintergrund, dass es dem Unternehmen so gut gehe, wie die jüngste Bilanz gezeigt habe. So argumentieren viele Beschäftigte von CSL Behring, die OP sprach in den vergangenen Monaten mit Arbeitern, Angestellten, Laboranten, aber auch außertariflich bezahlten Wissenschaftlern, die vom neuen Entgeltsystem nicht betroffen sind: Vielen geht es ums Prinzip und sie trauen den Zusicherungen nicht. Die Zusicherung von CSL Behring lautet: Wenn jemand beispielsweise von der Entgeltgruppe E 6 auf E 4 heruntergestuft wird, bekommt er die Differenz dennoch ausbezahlt: als freiwillige Leistung. Die Zusicherung ist in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben und sie gilt, so erklären CSL-Geschäftsführer Dr. Roland Martin und Betriebsratschef Walter Kreuer, für alle und dauerhaft.

August-Abrechnung schockierte Schichtarbeiter

Das genau glauben aber nicht alle Mitarbeiter. Ein neuer Chef könnte die Betriebsvereinbarung wieder kündigen, so die Kritiker. Das Unternehmen räumt in einem aktuellen Schreiben an die Belegschaft ein, dass viele Befürchtungen haben, die Betriebsvereinbarung sei nicht sicher. „Daraus ergab sich für viele Mitarbeiter eine Verunsicherung, der wir begegnen möchten“, so CSL Behring. Das Unternehmen schlägt allen Mitarbeitern vor, dass sie die Betriebsvereinbarung als Ergänzung zu ihrem persönlichen Arbeitsvertrag aufnehmen. Bis Ende Oktober können sie die Zusatzvereinbarung annehmen. Diejenige, die dieses Schreiben an die Beschäftigten geschickt hat und im Wesentlichen an der Erarbeitung des neuen Systems mitgearbeitet hat - sie vertrat die Geschäftsführung auch bei den Gerichtsterminen - ist nun nicht mehr bei CSL beschäftigt. Das bestätigte ein Firmensprecher am Freitag der OP, ohne Einzelheiten nennen zu wollen.

Mitarbeiter und deren Anwälte vermuten, dass die Personalie etwas mit den Protesten gegen die Neuregelung zu tun haben könnte. „Wir sind alles Einzelkämpfer“, sagt ein anderer langjähriger Schichtarbeiter im OP-Gespräch. Obwohl die Neuregelung seit Januar gilt, sei die Stimmung im Sommer nochmal schlechter geworden, genauer mit der August-Abrechnung. Denn während des so genannten „Stillstands“ der Produktion im Sommer erhielten die Arbeiter diesmal keine Schichtzulage wie bisher. Im Vergleich zum Vorjahr erhielten einige bis zu 450 Euro weniger am Monatsende. Martin erklärt, dass keiner das Recht habe, eine Schichtzulage zu erhalten, wenn während des Stillstands keine Schicht gearbeitet wurde. Freiwillige Leistungen haben nichts mit der neuen Entgeltstruktur zu tun, die sich auf die Tarifgehälter beziehe, so Martin. Aus dem Unternehmen heißt es, das Thema sei bald vom Tisch.

Die Arbeiter sehen das anders, sie wollen kämpfen. „Wir sind Behringwerker, keine Nestbeschmutzer“, sagt ein Arbeiter. Der erste Kammertermin findet am Dienstag, 1. Oktober, ab 11 Uhr im Arbeitsgericht in Gießen statt.

von Anna Ntemiris

Hintergrund

Zum 1. Januar wurden alle 1700 tariflich bezahlten Mitarbeiter bei CSL Behring neu eingruppiert. Etwa die Hälfte von ihnen kam in eine niedrigere Lohngruppe. Ein anderer Teil bleibt in der bisherigen Stufe, ein geringer Teil wurde höher eingruppiert. Das neue Entlohnungssystem sei nötig, weil in den vergangenen Jahrzehnten fehlerhafte, unfaire Eingruppierungen gewachsen seien, sagt das Unternehmen. Man habe daher jedes Stellenprofil neu bewertet und geschaut, welcher Tarifgruppe sie tatsächlich noch entspreche. CSL zahlt weiterhin überdurchschnittlich hohe Löhne. Basis dafür ist der Tarifvertrag der chemischen Industrie.

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