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„Wir müssen auf die Moral schauen“

Interview mit Kreishandwerksmeister „Wir müssen auf die Moral schauen“

Im Kreis sollte es nur eine und nicht wie bisher zwei Kreishandwerkerschaften geben, sagt Helmut Henkel. Er scheidet heute als Marburger Kreishandwerksmeister aus.

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Kreishandwerksmeister Helmut Henkel wird heute verabschiedet. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. OP: Sie sind seit 1990 Vorstandsmitglied in der Kreishandwerkerschaft, seit 13 Jahren als Vorsitzender. Wie viel Zeit haben Sie in dieses Ehrenamt investiert?

Helmut Henkel: Ich habe teilweise in der Woche zirka einen Tag an Arbeit investiert, zusätzlich kamen viele Termine, wie zum Beispiel Ehrungen. 26mal habe ich die Hauptrede auf der Freisprechungsfeier halten dürfen. Das waren Dinge, die auch zeitintensiv vorbereitet werden mussten.

OP: Wäre das ein Hauptamt?

Henkel: Man könnte ohne weiteres ein Hauptamt daraus machen. Es liegt aber auch immer an der Person selbst, wie sie dieses Amt ausübt. Für mich hatte oberste Priorität, für unsere Mitgliedsbetriebe in den 14 Innungen da zu sein. Ich wollte für ihre Belange da sein, das ging über Fragen zum Steuerrecht bis hin zur Organisation in den Betrieben. Als ich vor 13 Jahren Kreishandwerksmeister wurde, war es mir ein wichtiges Anliegen, das Handwerk noch mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich glaube, dies habe ich nicht so schlecht hinbekommen.

OP: Was war für Sie die schönste Aktion in Ihrem Amt?

Henkel: Ganz klar, das ist noch gar nicht so lange her: Das Projekt Kinder und Handwerk, weil ich da sehr viel mit Kindergartenkindern zu tun hatte. Hinzu kam, dass ich vor zwei Jahren, als das Projekt startete, Großvater wurde. Inzwischen haben wir 19 Paten aus dem Handwerk gewonnen, die regelmäßig Kindergärten besuchen.

OP: Was war Ihr negativstes Erlebnis?

Henkel: Ich hätte gern gesehen, dass sich die Kreishandwerkerschaften Marburg und Biedenkopf näher kommen, vor allem als gebürtiger Wallauer. Aber zurzeit finden sehr fruchtbare Gespräche statt.

OP: Wir haben nicht den Eindruck, dass beide Kreishandwerkerschaften in Kürze fusionieren wollen.

Henkel: Die Kommunikation fängt jetzt wieder an. Die Kreishandwerkerschaft Marburg, zu der der Altkreis Marburg gehört, und Biedenkopf sind zwei getrennte Organisationen. Man kann das mit den Sportkreisen vergleichen, die sind auch erst im vergangenen Jahr zusammengefügt worden. Nur dort kam das von oben - der Landessportbund hatte gesagt: Entweder Ihr seid jetzt nächstes Jahr freiwillig zusammen oder wir machen das. Im Handwerk gibt es diesen Druck von oben erfreulicherweise nicht. Eigentlich sollte es in einem Landkreis nur eine Kreishandwerkerschaft geben. Die Handwerkskammer, die die Aufsicht führt, hat es bisher toleriert, dass es zwei gibt. Beide haben ja auch nicht so schlecht damit gelebt. Trotzdem bleibt mein Wunsch, dass beide zusammenkommen. Ein weiterer Wunsch ist, dass Betriebe die bei uns nicht Mitglied sind, uns begleiten. Ich glaube schon, dass wir einiges bewegt haben, wovon auch Nichtinnungsmitglieder profitieren. So haben wir zum Beispiel das Projekt Kinder und Handwerk ins Leben gerufen, um Nachwuchs zu gewinnen.

OP: Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. Was haben Sie als Kreishandwerksmeister dagegen unternommen?

Henkel: Wir haben vor mehr als 13 Jahren die Aktionswoche Handwerk Ausbildung ins Leben gerufen. Ich hatte das als einen Schwerpunkt meiner Tätigkeit gesehen. Jugendliche haben dort die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen, zum Beispiel mal den Pinsel selbst in die Hand zu nehmen.

„Das Leben ist das beste Studium“

OP: Was kann man künftig gegen den Fachkräftemangel tun?

Henkel: Große Industriebetriebe können für sich allein werben, wir müssen das gemeinschaftlich tun. Die Aktionswoche Handwerk gemeinsam mit anderen Aktivitäten ist der richtige Weg. Wir sind im Handwerk traditionsreich, aber auch sehr modern: Das müssen wir den Jugendlichen und auch schon den Kindern vermitteln. Da sind wir in Marburg auf einem erfolgreichen Weg. Wenn es uns allen hier gut geht, das schließt auch Marburg als Gesundheitsregion ein, geht es auch dem Handwerk gut. Daher ist es für die Betriebe wichtig, dass sie eine intakte Infrastruktur vorfinden.

OP: Der Präsident des Hessischen Handwerkertages Bernd Ehinger fordert im Kampf gegen den Fachkräftemangel, gezielt um Studienabbrecher zu werben. Schließen Sie sich dem an?

Henkel: Selbstverständlich ist jemand, der sein Studium abbricht, herzlich willkommen im Handwerk, genauso wie es alle anderen sind, die einen Handwerksberuf im Innungsfachbetrieb erlernen wollen. Wir sind bereit, auch denen eine Chance zu geben, die bisher nicht weiter gekommen sind.

OP: Sehen Sie dieses Werben um Studienabbrecher nur als Chance für die betroffenen jungen Leute und nicht auch als Chance für die Handwerksbetriebe?

Henkel: Ich sehe dies als Chance für einen Jugendlichen, der Lernschwierigkeiten hat. Denn es ist nicht einfach, Jugendlichen, die Versäumnisse mitbringen, etwas beizubringen. Das kostet Zeit. Und für einen Meister kostet es auch Überwindung, sich neben den täglichen Aufgaben hinzusetzen und jungen Leuten etwas beizubringen. Übrigens gibt es erfolgreiche Methoden, um Jugendlichen mit Schwierigkeiten den Einstieg in den Beruf zu ermöglichen: Die „SchuB“-Klassen (Schule- und Beruf) in der Mittelstufe haben sich bewährt.

OP: Wie wird sich die Fachkräftesituation in zehn Jahren entwickeln?

Henkel: Das kann ich nicht abschätzen. Wir haben ja momentan einen Prozess: Wenn man nach Wenkbach zur Firma Pauly schaut oder nach Wetter zu Schoeller, werden so viele Menschen bald entlassen. Wenn man diese Leute abholt und umschult und zudem noch Arbeitnehmer aus Europa holt, dann sieht das doch gar nicht so schlecht mit der Fachkräftesituation aus. Wie oft haben wir in den vergangenen 23 Jahren schon gesagt, wir haben einen Mangel und wir werden das nicht schaffen. Bisher haben wir es immer geschafft. Ich bin davon überzeugt: Jetzt schaffen wir es auch. Allerdings - jetzt komme ich wieder mit dem Zeigefinger - ist es ganz wichtig, dass Betriebe auch auf die Jugendlichen zugehen. Auch bei uns sind nach wie vor viele Betriebe, die nicht ausbilden. Die Unternehmen erbringen diese Leistung für die Allgemeinheit. OP: Eins der Themen, das Sie auch schon seit 23 Jahren empört, ist Schwarzarbeit. Was fordern Sie von der Politik, was vom Verbraucher?

Henkel: Es sind seit Jahrzehnten fast die gleichen Forderungen. Wir haben mittlerweile ein Steuergesetz bekommen, das die Handwerksleistung berücksichtigt: Man kann bis 20 Prozent von der Handwerkerrechnung absetzen. Das ist schon gut. Man muss aber auch auf die Moral schauen. Wer Schwarzarbeit leistet, aber will, das seine Kinder eine Arbeit finden, steht dem selbst entgegen. Ich rede nicht von dem, der mal eine Steckdose für jemanden einbaut. Ich rede von der organisierten Schwarzarbeit. Dazu gehört auch die „Geiz ist geil“-Mentalität, die leider immer noch vorherrscht. Das hat der Pferdefleischskandal gezeigt, das zeigt auch Amazon.

Was dürfen kommunale Tochterfirmen?

OP: Auf Landesebene wird die ungleiche Wettbewerbssituation durch Betriebe in öffentlicher Hand beklagt. Was fällt in der Region darunter?

Henkel: Da kann man mal auf Vereine und Organisationen schauen, die viele kleinen Firmen unterhalten. Oft blickt man dort nicht gleich durch - auch wenn alles rechtlich in Ordnung ist. Es ist sicherlich rechtlich auch okay, dass kommunale Tochterfirmen mir auch den Rasen mähen dürfen, oder sollte das besser eine private Firma machen? Schauen wir nach Cölbe: Es muss nicht sein, dass Gemeindemitarbeiter eine Straße bauen. Ich kritisiere auch die Private-Public-Partnership-Modelle (PPP), zum Glück haben wir hier im Kreis den Marburger Oberbürgermeister und den Landrat davon abhalten können. Ich weiß, dass Kommunen Aufträge im Handwerk bieten und damit Arbeitsplätze schaffen. Daher muss ich als Kreishandwerksmeister sehr abwägen, wo ich den Finger in die Wunde lege oder wo ich es akzeptiere. Andere Beispiele im Kreis sind Zweckbetriebe von Einrichtungen, die sich zwar auf den Märkten des Handwerks - vor allem bei der Privatkundschaft - bewegen, aber anderen Regeln unterliegen, da sie fremdfinanziert oder gar steuerbegünstigt sind. Hier werden sogar Bauleistungen und Umzugshilfen angeboten sowie Lebensmittel hergestellt, was zu erheblichen Verzerrungen im Wettbewerb führen kann.

OP: Welche Position haben Sie zu Mindestlöhnen?

Henkel: Man sollte den Mindestlohn von den Arbeitnehmer-Vertretern, also Gewerkschaften und Arbeitgebern, verhandeln lassen. Ich bin gegen gesetzlichen Mindestlohn. Wo es keine Parteien gibt, die den aushandeln, sollte es von mir aus der Gesetzgeber einen bestimmen.

OP: Das Handwerk profitiert von der Energiewende, Bürger lassen Häuser energieeffizienter umbauen. Wann ist bei diesem Trend der Gipfel erreicht?

Henkel: Rein theoretisch wird das hundert Jahre andauern. Wenn man die Häuser in manchen Kommunen anschaut. Dünne Außenwände, alte Fenster. Wenn eine Kommune einen zwölf Jahre alten Kessel austauscht und wo anders einbaut, schaffen wir keine Energiewende. Aus meiner Sicht war es ein Riesenfehler, von heute auf morgen aus der Atomenergie auszusteigen. Aber wir müssen die Energiewende jetzt hinbekommen, wenn vielleicht auch mit etwas Verzögerung. Denn das könnte die Vorrangstellung Deutschlands sein. Wir müssen jetzt aber alle daran arbeiten.

OP: Würden Sie diese Energiemaßnahmen zur Verpflichtung machen?

Henkel: Ich will, dass das auf freiwilliger Basis geschieht, aber mit ein klein wenig Unterstützung vom Staat. Das hessische Pumpen-Austausch-Förderprogramm war ein gutes Beispiel. Innerhalb kürzester Zeit wurden 20000 Pumpen ausgetauscht. Auf jede Handwerksleistung fallen 19 Prozent Mehrwertsteuer an, also profitiert nicht nur der Betrieb, sondern auch der Staat.

OP: Es gibt das Seniorenstudium. Wenn es auch die Seniorenausbildung gäbe, was würden Sie noch gern lernen?

Henkel: Ich habe früher gedacht, wenn ich mal gar nichts mehr zu tun habe, werde ich Psychologie studieren - um zu schauen, was ich bisher richtig oder falsch gemacht habe. Ich habe aber dann mal gesagt bekommen, das Leben ist das beste Studium. Das kann ich jetzt bestätigen.

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