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„Wir kämpfen weiter“

YKK-Tarifflucht „Wir kämpfen weiter“

Die Geschäftsführung von YKK hält an ihrem Ausstieg aus dem Tarifvertrag fest, hat aber immerhin das Gehalt der Mitarbeiter um 2,8 Prozent erhöht. Für den Betriebsrat ist dies reine Augenwischerei.

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Im Juni nahmen die Beschäftigten von YKK in Wenkbach an einem Warnstreik gegen die Tarifflucht teil.

Quelle: privat

Wenkbach. Kämpferisch gibt sich der Betriebsrat des Reißverschlusshersteller YKK in Wenkbach. „Wenn das Unternehmen den Austritt aus der Tarifbindung nicht zurücknimmt, wird es im Betrieb keine Ruhe geben“, sagt Reiner Ruse. Zum 
1. Dezember war das Unternehmen aus der Tarifgemeinschaft der IG Metall ausgetreten – ist seither ein Mitglied ohne Tarifbindung (die OP berichtete).

Was eine solche Mitgliedschaft bedeutet, erklärt Ferdinand 
Hareter, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Mittelhessen: „Beschäftigte, die bereits Mitglied in der IG Metall sind, bleiben mit ihrem Gehalt auf dem Level stehen, wie es zum Ausstieg aus dem Tarifvertrag war“, sagt er. Sie nähmen nicht mehr an der Tarifentwicklung teil, kein neu abgeschlossener Tarifabschluss der Gewerkschaft habe Gültigkeit.

So hatte die IG Metall bei den jüngst abgeschlossenen Verhandlungen erreicht, dass die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie eine Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro erhalten – und für dieses Jahr eine Gehaltserhöhung in Höhe von 2,8 Prozent. Im kommenden Jahr folgen weitere 2,8 Prozent.

Erhöhung ist lediglich 
eine freiwillige Leistung

„Wenn die Kollegen drei, vier Mal keine Tariferhöhung bekommen haben – dann kann das nicht mehr aufgeholt werden. Denn dann sind sie ungefähr 15 Prozent hinter dem Flächentarifvertrag“, verdeutlichte Hareter die Konsequenzen auf die Lohnentwicklung.

Betriebsratsvorsitzender Ruse sagt im Gespräch mit der OP, dass kurz nach dem Abschluss der Gewerkschaft auch Hiroyasu Ishizaki, Geschäftsführer der Werke Wenkbach und Mainhausen, eine Gehaltserhöhung 
 von 2,8 Prozent angekündigt habe. „Das Angebot ist jedoch Augenwischerei, davon lassen wir uns nicht beeindrucken“, sagt er. Denn: Die Gehaltserhöhung sei eine freiwillige Leistung und könne jederzeit zurückgenommen werden.

Eine Einmalzahlung gibt es nicht, und ob der Tarif im kommenden Jahr angepasst wird, steht in den Sternen. „Es gibt durchaus Leute in der Belegschaft, die aufgrund der Erhöhung denken, jetzt ist alles wieder gut“, sagt Ruse. Doch das sei nicht so. Denn vor allem bei Neueinstellungen gelte nicht der aktuelle Tarifvertrag der IG Metall, „Gewerkschaftsmitglieder können sich höchstens auf den Vertrag von 2015 berufen. Aber das macht ja niemand, denn er will den Job“, verdeutlicht Ruse. „Und so kommt es de facto zu einer Spaltung der Belegschaft.“

Kritik an Geschäftsführer Ishizaki

Vonseiten der Geschäftsleitung werde argumentiert, dass der Ausstieg aus dem Tarif ja nur für den Fall gedacht sei, falls es dem Werk wirklich schlecht gehe – damit dann mit Gehaltskürzungen oder ähnlichen Mitteln auf die wirtschaftliche Situation reagiert werden könne. „Darauf haben wir argumentiert, dass man dann mit uns reden könne, wenn es so weit sei“, sagt Reiner Ruse. Denn das Werk habe sich bereits einmal in wirtschaftlicher Schieflage befunden. „Damals sind wir dem Unternehmen auch ein Jahr lang mit der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich entgegengekommen.“

Hareter wird konkreter, was die bisherigen Verhandlungen mit der Geschäftsführung über die Tarifflucht angeht: „Was Herr 
Ishizaki als Tarifverhandlung bezeichnet hat, hat nichts mit japanischer Höflichkeit zu tun.“

Er habe lediglich eine Präsentation ablaufen lassen, eine Stunde geredet und aus seiner Sicht deutlich gemacht, warum es nötig sei, die Kosten zu senken. „Dabei wurde YKK Wenkbach mit Ägypten verglichen – 
das seien Kosten, die tragbar seien – wie weit sollen wir denn da runtergehen?“, fragt Hareter.

Bilanz von YKK weist 
einen Millionengewinn aus

Er habe einen anderen Verdacht: „Vielleicht soll das Werk Mainhausen, das bereits aus der Tarifbindung ist, geschlossen und die Mitarbeiter nach Wenkbach versetzt werden. Und damit es hier keine Diskussionen über das Lohnniveau gibt, wird jetzt auch hier abgesenkt.“

Aus wirtschaftlicher Sicht scheint die Tarifflucht zumindest nicht notwendig zu sein: Laut Bilanz hat YKK Deutschland – also die beiden Werksteile in Wenkbach und Mainhausen – im Geschäftsjahr 2014 / 2015 einen Gewinn von gut 4,3 Millionen Euro gemacht. Dieser fließt jedoch aufgrund eines Gewinnabführungsvertrags direkt an den Konzern in Japan. „Die wirtschaftliche Situation ist sehr gut. Wir haben die Hütte voll mit Aufträgen, die Firma verlangt Samstags- und Mehrarbeit“, sagt Reiner Ruse. Es gebe also absolut keine Notwendigkeit, aus dem Tarif auszusteigen.

Schon viele Aktionen hat es gegeben, um den Arbeitgeber zur Rückkehr aufzufordern: Von öffentlichen Trauermärschen über Warnstreik (Privatfoto) und Protestkundgebungen bis zum Lauf gegen Tarifflucht – bisher ohne Erfolg. „Aber wir werden weiterkämpfen“, verspricht der Betriebsratsvorsitzende.

von Andreas Schmidt

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