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„Wir hängen seit Jahren in einer Sackgasse“

Schulpolitik „Wir hängen seit Jahren in einer Sackgasse“

Staatssekretär Manuel Lösel besichtigte jüngst die Kaufmännischen Schulen in Marburg. Die Verantwortlichen gaben ihm Hausaufgaben mit nach Wiesbaden.

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Schuldezernentin Dr. Kerstin Weinbach (von links) und Schulamtsleiter Bernhard Drude sowie Schulleiter Siegmar Günther (rechts) im Gespräch mit Staatssekretär Manuel Lösel.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Im vergangenen Jahr erhielten die Kaufmännischen Schulen Marburg das „Gesamtzertifikat Gesundheitsfördernde Schule“ - eine hohe Auszeichnung, denn damit sind nur wenige Schulen in Hessen zertifiziert. Doch der Ministerbesuch musste damals ausfallen. Er sollte nun kürzlich nachgeholt werden.

Aber in Wiesbaden stand der Bildungsgipfel kurz bevor. Daher musste Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) erneut absagen, schickte stattdessen seinen Staatssekretär Manuel Lösel. In seiner kurzen Ansprache an die Schülerschaft betonte er, wie wichtig es sei, „dass man in der Schulzeit schon die Möglichkeit hat, in Betriebe zu gehen - um möglichst unterschiedliche Berufe kennenzulernen“.

Er selbst sei nach einer Ausbildung, „in der ich sehr unglücklich war“, eher „durch Zufall“ Lehrer geworden. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in die Bildungsgänge Haupt- und Realschule einen viel höheren Anteil an Möglichkeiten implementieren müssen, dass Schüler relativ früh die Möglichkeit haben, rauszugehen, um Berufe kennenzulernen“, so der Staatssekretär. So könnten die Schüler vermeiden, „vielleicht den falschen Weg zu gehen“. Für ihn seien Haupt- und Realschule genauso wichtig wie das Gymnasium.

Erfolg der Wirtschaft fußt auf dualer Ausbildung

„Der Fokus liegt leider auf der Hochschule“, so Lösel. Dabei habe man mit der dualen Ausbildung ein Pfund, mit dem man auch international wuchern könne - sie sorge außerdem dafür, dass Hessen eine Jugendarbeitslosigkeit von nicht einmal acht Prozent habe. „Die duale Ausbildung ist mindestens so viel wert wie ein Studium und ein Hochschulabschluss. Der Erfolg unserer Wirtschaft fußt auf ihr.“

Danach brach Lösel zu einem Rundgang auf, der länger als erwartet dauerte. Daher musste er sich aus dem im Anschluss geplanten Gespräch zur Standortsicherung der Schulen relativ früh verabschieden. Schulamtsleiter Bernhard Drude, Schuldezernentin Dr. Kerstin Weinbach und Schulleiter Siegmar Günther gaben ihm dennoch einige Hausaufgaben mit nach Wiesbaden - vor allem die Zusammenlegung von Berufsschulstandorten sei wichtig.

Drude berichtete, dass man sich als Region bei den Berufsschulen neu aufstellen müsse. Dazu habe es eine „Zukunftskonferenz“ unter Beteiligung von Kommunen, Kammern und auch dem Kultusministerium gegeben. „Was ist unverzichtbar und welche Ausbildungsberufe geben wir in einen Ausbildungspool - das ist die Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen“, fasste er zusammen. Das gehe seiner Meinung nach nur über die Regionen, „die müssen wir ins Boot bekommen“.

Er erinnerte auch, dass die Zusammenlegungen im Landkreis im vergangenen Jahr zunächst auf riesige Proteste stießen. Seither findet die schulische Ausbildung der Metaller nämlich nur noch in Biedenkopf statt, im Gegenzug werden die Kfz-Berufe in Marburg unterrichtet.

„Es gibt beispielsweise nur noch zwei Bäcker-Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr - das kann nicht funktionieren“, so Drude. „Wir brauchen Verlässlichkeit - die Qualität muss aufrecht erhalten werden, damit die Ausbildung der jungen Leute nicht leidet“, resümierte Drude.

Schulleiter Siegmar Günther verdeutlichte die Problematik an den pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten (PKA), früher Apothekenhelfer genannt. „Davon haben wir in den vergangenen Jahren zwischen fünf und zehn gehabt - mit einer Fünfer-Gruppe kann ich nicht viel machen, außer zu überlegen, was man zusammen unterrichten kann“, sagte er.

„Ringtausch“ von Schülern ist zu kompliziert

Er habe kein Problem damit, einen Austausch mit beispielsweise Gießen anzustreben, „aber dann brauche ich einen adäquaten Ausgleich. Denn ich habe die Lehrkräfte, die hier angebunden sind“, sagt Günther. Es käme etwa ein Ringtausch infrage: PKA nach Gießen, zahnmedizinische Fachangestellte aus dem Vogelsberg nach Marburg - und die Verkäufer müssten aus Gießen in den Vogelsberg. „Dieser Ringtausch ist aber nur möglich, wenn drei Landkreise zusammenarbeiten - und das ist ein Problem“, verdeutlicht der Schulleiter.

Bernhard Drude verdeutlichte: „Das Thema muss politisch gesteuert werden. Wir hängen seit Jahren in einer Sack­gasse.“ Daher gehe es „nur über die Regionen, die sich mit den politisch Verantwortlichen aufstellen müssen“. Kerstin Weinbach sieht die Gefahr, dass, sollte das Problem nicht regional gelöst werden, „irgendwann doch jemand im Ministerium zuschlägt und sagt, dass alle zentral nach Frankfurt fahren müssen“. Der Prozess sei allerdings sehr schwer, „wir sind ja schon seit Jahren dran“.

von Andreas Schmidt

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