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"Wir glaubten an die Modernisierung"

Schließung von Pauly "Wir glaubten an die Modernisierung"

Sie seien teurer als die Konkurrenz im Ostblock, wurde den Mitarbeitern des Gebäckherstellers Pauly gesagt. Die angekündigte Werkschließung trifft die mehr als 140 Beschäftigten wie ein Schlag ins Gesicht.

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Im Fensterglas widergespiegelt: Während im Tagungsraum hinter verschlossenen Türen das erste Gespräch zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft und Arbeitgebern stattfindet, protestieren neun Mitarbeiter von Pauly gegen die angekündigte Betriebsschließung.

Quelle: Tobias Hirsch

Weimar. Sie haben noch nie zuvor gegen eine Sache protestiert oder gar demonstriert. Es ist das erste Mal, dass acht Männer und eine Frau Plakate entwerfen und sich vornehmen, als ungebetene Gäste eine Veranstaltung aufzusuchen. Die Nacht vorher haben sie nicht geschlafen, nicht vor Aufregung, sondern weil sie Schichtdienst hatten.

Müde, frierend und vor allem zurückhaltend stehen sie am Treffpunkt in Wolfshausen. „Wir haben keine Erfahrung, wie man protestiert“, sagt Olaf Feber. Der Bäcker ist einer von rund 140 Mitarbeitern des Knabbergebäck-Herstellers Pauly, die vor drei Wochen erfuhren, dass das Werk in Wenkbach geschlossen werden soll (die OP berichtete).

Am Freitagmorgen treffen sich Vertreter des Betriebsrats, der Gewerkschaft und Geschäftsleitung der Firma Intersnack aus Köln, zu der Pauly gehört, hinter verschlossenen Tür in einem Hotel in Wolfshausen, um über den Sozialplan zu verhandeln. Von diesem Treffen haben die Mitarbeiter erfahren und wollen die Gelegenheit nutzen, die Firmenchefs auf ihre Situation aufmerksam zu machen. „Wir haben nichts mehr zu verlieren“, sagt Peter Kolbe (60), der seit 23 Jahren bei Pauly arbeitet. Dennoch weiß er: Der mehr oder weniger spontanen Aktion haben sich viele Kollegen aus Angst nicht angeschlossen.

Die neun sind sich einig: Vor was soll man jetzt noch Angst haben, wenn man schon wisse, dass der Arbeitsplatz verloren sei. In der eisigen Kälte harrt die Gruppe zunächst eine Weile aus, in der Hoffnung, es kommen noch mehr Kollegen, vielleicht auch weil keiner weiß, wie man nun anfängt mit dem Protestzug.

Mit Protest haben die Arbeiter keine Erfahrung

Die Demo-Erfahrung fehlt eben. „Aber wir haben ja noch einige Monate Zeit dafür“, sagt einer zynisch. Und so ziehen die neun Beschäftigten stellvertretend für ihre Kollegen zum Hotel. Vor dem Eingang bleiben sie stehen. Wie geht man jetzt vor? Die Arbeiter sind höflich: Sie melden sich an der Rezeption. Die Antwort kommt prompt: Zur Tagung sind nur angemeldete Teilnehmer zugelassen.

„Wir wollten auch nicht stören, sondern unserem Betriebsrat den Rücken stärken“, erklärt ein Mann fast entschuldigend. Die Gruppe geht wieder raus. Von der Terrasse aus kann sie nun in den Verhandlungsraum schauen. Doch dann werden die Rollos zugezogen.

„Es ist ganz aus“, sagt Claudia Schmidt. Sie arbeitet seit 19 Jahren als Produktionshelferin im Drei-Schichtdienst. Auch ihr Lebensgefährte Olaf Felber arbeitet bei Pauly. „Wir haben ein Kind. Wir verlieren zwei Gehälter“, sagt Felber, der sei 20 Jahren bei Pauly ist. „Aufträge waren genug da. Wir haben am Wochenende und an Feiertagen gearbeitet“, sagt Schlosser Stefan Schöne. Daher können sie nicht verstehen, warum jetzt das Werk geschlossen werden soll. „Uns wurde gesagt, wir sind teurer als die im Ostblock“, sagt Kolbe. „Aber was ist mit der Qualität? Ist die gleich?“, entgegnet Schöne.

Verbittert sind sie. Vor allem, weil sie in den vergangenen Jahren auf fünf Prozent Lohn verzichtet hätten. „Weihnachts- und Urlaubsgeld hatten wir auch nicht mehr. Wir haben das mitgemacht, weil uns gesagt wurde, das Geld wird in das Unternehmen investiert. Wir glaubten an die Modernisierung. Stattdessen kommt die Schließung“, so Kolbe. „Sie haben uns abgeschossen“, sagt ein Kollege.

Gewerkschaft: Ertragslage widerspricht Schließung

Andreas Kampmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten in Mittel- und Nordhessen, nahm gestern an der Verhandlung teil. Im OP-Gespräch erklärt er, dass es zunächst darum gegangen sei, die Hintergründe zur angekündigten Betriebsschließung zu erfahren. „Die Geschäftszahlen, die vorgetragen wurden, stimmen nicht mit den Gründen für eine Betriebsschließung überein“, so Kampmann. „Die Ertragslage liest sich nicht so, dass es rote Zahlen gab. Natürlich gab es einen Investitionsstau, aber deswegen das Werk zu schließen? Das leuchtet nicht ein“, sagt Kampmann.

Daher haben Gewerkschaft und Betriebsrat eine Reihe von Fragen formuliert, die in den nächsten Tagen und Wochen weiter erörtert werden sollen. „Wir stehen am Anfang der Auseinandersetzung“, so Kampmann. Von der Arbeitgeberseite gab es am Freitag keine Auskunft gegenüber der OP.

von Anna Ntemiris

Hintergrund

Die 138 Mitarbeiter des Pauly-Werks im Weimarer Ortsteil Wenkbach werden ihre Arbeitsplätze verlieren. Die Geschäftsführung informierte die Belegschaft am 1. Februar über die Pläne, das Werk spätestens Ende August zu schließen. Es gebe „aus betriebswirtschaftlichen Gründen“ keine Alternative, hieß es. Pauly gehört zur Intersnack Knabber-Gebäck GmbH in Köln.

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