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„Wir geben allen dieselbe faire Chance“

Fachtagung der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit in Hessen „Wir geben allen dieselbe faire Chance“

Wie gelingt die Integration von Flüchtlingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich rund 150 Teilnehmer der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit in Hessen bei ihrer Tagung in Marburg.

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Das Projekt „Voice“ des Landkreises in Kooperation mit Integral und der Agentur für Arbeit soll Flüchtlingen auch einen Einblick in die Arbeitswelt ermöglichen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Für Kerstin Gerbig von der Landesarbeitsgemeinschaft (Lag) Arbeit in Hessen ist klar, dass derzeit vor allem Flexibilität und Pragmatismus die Arbeit der Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge bestimmen. Man erlebe eine „neue Qualität des Miteinanders“ bei der Zusammenarbeit zwischen Hauptamt, sozialen Organisationen, Ehrenamt – und Trägern. Doch man sei auch in Sorge „wegen der knapp werdenden Ressourcen und der Qualitätsstandards“, so Gerbig.

Für die Lag sei klar, dass die gesellschaftliche Integration mit sozialer Teilhabe verknüpft sei. „Dazu bedarf es der Kenntnis der deutschen Sprache, unserer demokratischen Grundlagen formaler sowie informeller Regelungen“, so die Vorsitzende. Und vor allem Bildung und Arbeit „sind die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben, für Unabhängigkeit von staatlichen Sozialleistungen und das Erreichen persönlicher Ziele“.

Vor diesem Hintergrund seien beispielsweise dezentrale Sprachkurse ab dem Ankommen in den Kommunen für alle Altersgruppen eine Voraussetzung – auch verbunden mit Integrationsinhalten zu Deutschland und der Region. Eine weitere Deutschförderung sollte in die betriebliche Qualifizierung oder Ausbildung integriert werden.

Die Lag sieht zudem Bedarf bei der schulischen Förderung in Intensivklassen oder der Unterstützung beim Übergang von der Schule in die Ausbildung. Und auch der Integration in Arbeit komme eine Schlüsselfunktion zu – damit verbunden sei die Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen und Fähigkeiten. Doch Gerbig (Foto: Schmidt) weiß auch: „All das braucht Ressourcen“ – daher müssten die zur Verfügung stehenden Mittel angepasst werden.

Durch Arbeit fassen Flüchtlinge nachhaltig Fuß

Dabei stellte sie klar, dass es um Nachhaltigkeit gehe, „und nicht um PR-Aktionen mit kurzfristigen Sonderprogrammen“. Zudem sollten aus Gründen der Gleichbehandlung alle Programme zur Integration in Ausbildung und Arbeit „für alle Arbeitslose geöffnet werden“ – alles andere habe negative Auswirkungen. „Unsere gemeinsame Botschaft muss sein: Wir geben allen dieselbe faire Chance auf Förderung und Teilhabe“, so Gerbig.

Bertram Hörauf, Abteilungsleiter beim Hessischen Sozialministerium, stellte arbeitsmarktpolitische Ansätze zur Integration vor. Derzeit stünden vor allem die Fragen der Unterbringung im Vordergrund. Doch für Hörauf ist klar: Nach und nach würden immer mehr Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in der Fläche ankommen – dann müsse es um die Integration in die Gesellschaft „und insbesondere um die Vermittlung in Arbeit und Ausbildung gehen. Denn nur, wenn dies gelingt, wird es möglich sein, dass die Flüchtlinge in unserer Gesellschaft nachhaltig Fuß fassen können.“

Weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge brächten bei Ankunft die Voraussetzungen mit, um direkt vermittelt zu werden. Auch die Jobcenter stünden vor großen Herausforderungen: Für Hessen gehe man davon aus, dass kommendes Jahr laut ersten Schätzungen etwa 30 000 zusätzliche SGB-II-Empfänger wahrscheinlich seien.

„Aber wir müssen auch sehen, dass das Engagement für Flüchtlinge nicht nur humanitäre Verpflichtung, sondern auch eine demografische Chance ist“, so Hörauf (Foto: Schmidt). Denn die Flüchtlinge könnten bei erfolgreicher Integration in Ausbildung und Arbeit zur Deckung des prognostizierten Fachkräftemangels beitragen.

Man benötige also eine enge Kooperation zwischen Wirtschaft, Jobcentern und den regionalen Bildungs- und Qualifizierungsträgern – letztere seien mit ihrer Kreativität und ihrem Können gefordert. Beispielhaft stellte er einige Modellprojekte der Integration vor – mit dabei auch „Voice“ in Marburg-Biedenkopf, das unter anderem Einblicke in den Arbeitsmarkt und Arbeitsgelegenheiten vermittelt (die OP berichtete).

Teilnehmer tagen in Arbeitsgruppen

Für Hörauf ist aber auch klar: „Flüchtlinge müssen eine zusätzliche Zielgruppe sein – die einfache Umschichtung von Fördermitteln ist keine Option.“

Im Anschluss an die Vorträge tagten die Teilnehmer in Arbeitsgruppen. Diese fasst Conrad Skerutsch zusammen: „Wir haben viel über Mangel erfahren: Mangel an Ressourcen, Mangel an Abstimmung, Mangel an Kompatibilität zwischen den Systemen“, sagt er. Dabei könne man „schon mutlos werden“.

Doch es gebe auch positive Signale: Einen an Flüchtlingen interessierten Arbeitsmarkt, eine Zivilgesellschaft, die sich engagiert. „Und wir haben in vielen Flüchtlingen phantastische Potenziale, Menschen, die neue Impulse einbringen, andere Sichtweisen und die auch in der Lage sind, zu improvisieren.“ Es gebe nun ein „Fenster der Chancen“, wodurch Reformen in Gang kommen könnten, die bislang nicht angegangen worden seien.

Die Träger könnten „genau in dieser Situation entscheidende Problemlöser“ sein. Denn sie hätten bereits mit „Geringqualifizierten“ gearbeitet, hätten pädagogische Kompetenzen in der Arbeitsmarktintegration erworben und zeigten seit Jahrzehnten, „wie zum Beispiel Jugendliche aus einem schwierigen Umfeld erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden können“.

von Andreas Schmidt

 
Hintergrund
Die Lag Arbeit in Hessen e.V. ist ein Zusammenschluss von knapp 50 Ausbildungs- und Beschäftigungsträgern in Hessen. Diese betätigen sich in der Jugendberufshilfe, der Beschäftigungs- und Arbeitsförderung, Qualifizierung und Weiterbildung.
 
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