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„Wir brauchen verlässliche Bedingungen“

Neue IHK-Hauptgeschäftsführerin „Wir brauchen verlässliche Bedingungen“

Seit Jahresbeginn ist 
Sybille von Obernitz Hauptgeschäftsführerin der IHK Kassel-Marburg. Über ihre Ziele informierte sie beim Redaktionsgespräch mit der OP.

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IHK-Hauptgeschäftsführerin Sybille von Obernitz sieht planbare Steuern als zentralen Standortfaktor.

Quelle: IHK

Marburg. Das „Zusammentreffen der Neuen“ gab es bereits: Sybille von Obernitz war bereits zum Antrittsbesuch bei Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).

Dabei habe sie auch das Thema Gewerbesteuer auf den Tisch gebracht. Für die 54-Jährige ist klar, dass das Thema Gewerbesteuer „in der Konsequenz bei Investitionsentscheidungen eine große Rolle spielt“.

Es gehe nicht nur um die Frage der Konkurrenz von Unternehmensstandorten in der Region, „sondern es geht darum, dass internationale Unternehmen ganz klar schauen, welcher Standort am teuersten ist.

Dabei spielt das Thema Steuern eine ganz zentrale Rolle“. Daher komme der Gewerbesteuer „eine existenzielle, arbeitsplatzrelevante 
Dimension“ zu – „damit ist nicht zu spaßen“, sagt Sybille von Obernitz.

Wähler erwarten 
Entscheidungen

Auf die Frage, ob die politische „Hängepartie“ in Marburg ohne gefundene Regierungskoalition auch Einfluss auf die Unternehmen habe, sagt von Obernitz: „Verlässliche Rahmenbedingungen haben auf jede Investitionsentscheidung einen ganz gravierenden Einfluss – und dazu gehört auch, dass man weiß, mit wem man es politisch zu tun hat.“ Das gelte von der bundespolitischen Ebene bis hin zur Kommunalpolitik.

„Wenn das Ergebnis in Marburg so sein sollte, dass man keine festen Konstellationen eingeht, dann muss sich das erst bewähren.“ Sei der Grundtenor der Handelnden ein pragmatischer, „dann gibt es auch Erfahrungen, wo das ganz gut funktioniert. Ich würde nicht per se sagen, dadurch wird alles instabil“. Allerdings dürfe es „kein Vakuum für Nicht-Entscheidungen geben – denn das ist nicht der Auftrag, den Wähler der Politik geben“.

Die Haushaltssperre, die derzeit in der Universitätsstadt herrscht, bezeichnet die erfahrene Politikerin zunächst als „legitimes Instrument“, um die Situation zu beleuchten und dann auch zu schauen, „wo auch Spielräume bestehen, um Ausgaben nicht zu tätigen“.

Ein Primat „pro Wirtschaft und kontra Sozialausgaben oder umgekehrt“ dürfe es nicht geben. Dabei müsse man bedenken, dass Entscheidungen pro Wirtschaft auch eine Entscheidung pro Arbeitsplätze bedeute – und im Umkehrschluss somit eine soziale Absicherung stattfinde. „Es nutzt aber nichts, solch polare Rechnungen aufzumachen, denn letztendlich hängt beides zusammen“, betont von Obernitz.

Lückenschluss der A 49 muss schnellstens kommen

Für sie ist allerdings klar: „Wichtig ist, dass es eine klare Linie gibt. Und: Aussitzen geht nicht.“ Sie habe allerdings den Eindruck, dass dies in Marburg nicht geschehe. Für die Unternehmen vor Ort sei es vor allem wichtig, die Infrastruktur weiter auszubauen. 
„Vor dem Hintergrund der 
Relevanz schneller Logistik stellt sich die Frage, ob die Situation hier noch zeitgemäß ist.“

Daher sei völlig klar: Die Autobahn 49 müsse schnell und innerhalb eines Zugs fertiggestellt werden. „Die Geduld der Unternehmen wird hier in einer Form strapaziert – ich bewundere die Nordhessen“, sagt von Obernitz. Sie könne sich dies nur mit einer „enormen Schollenverbundenheit“ erklären.

Die neue Umweltzone bedeute auch eine Einschränkung der Wirtschaft – sie sei zu kurzfristig angekündigt worden. „Übergangsfristen haben eine ökonomische Relevanz. Wenn ich zwei Jahre vorher davon weiß, dann plane ich ein neues Fahrzeug ein. Wenn es allerdings halb über Nacht kommt, dann habe 
ich ein Problem.“

Immer wieder werde die IHK auch mit dem Thema der Pflichtmitgliedschaft konfrontiert. Auch dazu hat von Obernitz eine klare Haltung: „Jeder, der dieses System infrage stellt, muss sehen, dass es auch einen Zusammenhang mit unserem Berufsbildungssystem gibt. Wenn Sie das eine auflösen, lösen Sie das andere mit auf.“

IHK als Solidargemeinschaft

Der Großteil der Fachkräfte werde über das duale Ausbildungssystem hervorgebracht – und dabei spielten die Unternehmen eine große Rolle, weil sie einen Teil der Ausbildung übernähmen. „Damit dies mit einer gewissen Praxisnähe funktioniert, hat der Staat einen Teil der Ausbildung in die Hände einer Organisation gelegt, die sich durch die Beiträge finanziert“, sagt von Obernitz.

Im Kern sei die IHK also 
eine Solidargemeinschaft, „die bestimmte hoheitliche Aufgaben erledigt“. Drei Schwerpunktthemen hat von Obernitz sich auf die Fahne geschrieben: Die digitale Wirtschaft, die Integration von Flüchtlingen und den Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit.

„Für mich ist die digitale Transformation ein beherrschendes Thema, denn es hat eine immense Relevanz“, ist sich Sybille von Obernitz sicher. Doch sie sieht die Digitalisierung nicht nur unter dem Stichwort „Industrie 4.0“, denn die 54-Jährige stellt klar: „Es geht dabei nicht nur um die Industrie – sondern es betrifft jedes Unternehmen.“

„Roadshow“ macht 
 auch in Marburg Station

Es wurde eine Projektgruppe gegründet, „die wie eine Matrix aus allen Bereichen zusammengesetzt ist und jenseits von allen Hierarchien nun unser Think-Tank zu diesem Thema ist“. Im März fand in der Grimmwelt Kassel der Auftakt zum Thema „Wirtschaft Digital“ statt, derzeit läuft eine Roadshow in den nordhessischen Landkreisen.

Auch in Marburg wird diese Station machen – avisiert ist die zweite Jahreshälfte. „Zunächst wollen wir die Unternehmen vor Ort dafür sensibilisieren, 
was bei der digitalen Transformation geschieht“, sagt von Obernitz. Und dann gehe es mit Rednern direkt in die Vollen – etwa mit Best-Practice-Beispielen von Unternehmen aus der Region.

Dass von Obernitz mit diesem Thema auf dem Weg ist, der auch die Mitgliedsbetriebe beschäftigt, zeigt die IHK-Konjunkturumfrage vom vergangenen Herbst: Dort gaben 65,5 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie mit steigenden Qualifikationsanforderungen rechnen, 32,2 Prozent erwarten durch Digitalisierung eine steigende Produktivität. Gleichwohl fürchten 17,8 Prozent jedoch den Fachkräftemangel insbesondere bei der IT oder bei technischen Qualifikationen.

Nicht nur Arbeitsabläufe sind bei der Digitalisierung anzupassen – sondern es stelle sich auch die Frage, wie die Ausbildung mit dem Thema Schritt halten könne. „Bildung und Qualifizierung, die Frage, wie sich Arbeit gestaltet – und natürlich IT- und Datensicherheit spielen dabei eine große Rolle“, weiß die Hauptgeschäftsführerin.

Koordinator soll zwischen Projektpartnern vermitteln

Hinzu kämen Themen, die vor allem für einzelne Branchen relevant seien – ebenso, wie interdisziplinäre Themen. „Dabei werden Netzwerke eine große Rolle spielen – denn niemand muss denken, er muss alles alleine umsetzen.“ Die IHK sehe sie dabei in der Rolle, zu informieren und zu unterstützen.

Auch die Zuwanderung von Flüchtlingen beschäftigt die IHK. Flüchtlinge müssten in Ausbildung gebracht und integriert werden, dafür wolle 
man geeignete Vermittlungsstrategien und -formate entwickeln, um Flüchtlinge zu qualifizieren und so in die Gesellschaft zu integrieren.

Daher habe man eine Stelle geschaffen, um die Arbeit von Unternehmen und Projektpartnern zu koordinieren. Zudem würden sich weitere 15 IHK-Mitarbeiter im gesamten Kammerbezirk dafür einsetzen, Praktikums- und Ausbildungsplätze zu akquirieren. Außerdem teste man mit Netzwerkpartnern Formate, um Arbeitgeber und Flüchtlinge erfolgreich zusammenzubringen.

von Andreas Schmidt

 
 Zur Person

Sybille von Obernitz ( Foto: 
IHK), geboren 
am 11. März 1962, absolvierte ein Studium der Volkswirtschaft, das sie 1987 in Freiburg abschloss.

Von 1993 bis 1996 war sie wissenschaftliche Referentin an der IHK für Augsburg und Schwaben, wechselte danach zur IHK Berlin, wo sie bis 2003 Leiterin des Bereichs Bildung und Wissenschaft und persönliche Referentin des Präsidenten und Hauptgeschäftsführers war.

2004 wechselte von Obernitz zum Deutschen 
Industrie- und Handelskammertag als Bereichsleiterin 
Berufliche Bildung und Bildungspolitik. Im Anschluss war sie bis September 2012 als parteilose Politikerin Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung beim Land Berlin.

Es folgte ein einmonatiger Aufenthalt als Stipendiatin an der Harvard University in den USA. Seit Januar 2016 ist Sybille 
von Obernitz Hauptgeschäftsführerin der IHK Kassel-
Marburg.

Die 54-Jährige ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

 
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