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Wetter trübt Kauf- und Genusslaune

Sommeranfang Wetter trübt Kauf- und Genusslaune

Gefühlt und gemessen stimmen überein: Selbst Meteorologen müssen einräumen, dass der Frühling zu feucht war. Das Wetter hat zu Umsatzverlusten bei Gastronomie und Einzelhandel geführt.

Marburg. Was haben Kutterfischer und Waldarbeiter gemeinsam? Kein Witz: Beide brauchen die Sonne.

In diesen Tagen stöhnen alle, aber auch wirklich sämtliche Branchen - allenfalls mit Ausnahme der Regenschirm- und Gummistiefelindustrie - über die Folgen des Dauerregens.

Die Holzfäller können ihre Stämme über die aufgeweichten Weg nicht abtransportieren, und die Kutterfischer? Müssen den traditionellen Start der Matjessaison verschieben, weil die Heringe, die sie aus dem Meer ziehen, in Ermangelung einer ordentlichen Portion Plankton einfach noch nicht genug Fett auf den Gräten haben!

Auf den Matjes noch ein paar Tage warten zu müssen, ließe sich locker verschmerzen - doch wer hätte nicht gern schon über Pfingsten oder an einem der vielen anderen Mai-Feiertage wenigstens einmal draußen im Biergarten gesessen? „Für den gemütlichen Abend unter freiem Himmel gab es seit Ostern keine Gelegenheit“, bilanziert auch Sebastian Maier vom Hotel- und Gaststättenverband Hessen.

Doch die Gastronomen klagen nicht einmal allzu laut, weiß Maier: „Man muss ja immer sehen, wie viel des möglichen Terrassengeschäfts sich in die Innengastronomie verlagert.“ Ähnlich sieht das auch Barbara Faber, Sales und Marketingleiterin bei der Vila vita Gastronomie- und Handelsgesellschaft: „In unserem Bückingsgarten ist natürlich das Terrassengeschäft hinter den Erwartungen zurückgeblieben, aber wir haben ja die Innengastronomie.“ Und sie macht das Gegenbeispiel auf: Wer bei 30 Grad und Sonnenschein draußen sitze, könne dann nicht gleichzeitig auch drinnen sein: „Also sind die Einbußen nicht so hoch, wie es das schlechte Wetter glauben machen könnte.“ Was die Mehrheit der Gastronomen also gerade noch weglächeln kann, ist für eine Spezialbranche überhaupt nicht mehr zum Lachen: die Eiscafés. Weil in diesem Jahr schon die Monate März und April eher zum Glühweintrinken animierten als zum Genuss von „einmal Stracciatella, Vanille und Amarena in der Waffel“, hatten die Eisverkäufer ihre ganzen Hoffnungen auf den Wonnemonat gesetzt.

„Das Frühjahr ist die vielleicht wichtigste Verkaufsphase, weil die Menschen nach dem kalten Winter große Sehnsucht nach Eis haben“, sagt Dr. Annalisa Carnio. Die Pressesprecherin der „Union der italienischen Speiseeishersteller“ schätzt die Verluste auf etwa 25 Prozent: „Das ist in diesem Jahr sehr, sehr traurig, obwohl wir ja immer von der Witterung abhängig sind.“ Jetzt muss die Zunft der Gelatieri in Deutschland also auf einen richtig heißen Sommer und einen langen, milden Herbst hoffen - aber wer tut das nicht?

Nachfrage nach Stiefeletten statt Sandalen

An den Herbst denkt Cristina Glaeser, Inhaberin von Schuh- und Mode Glaeser in Marburg und Kirchhain, auch schon. „Bald bekommen wir die erste Herbst- und Winterware“, sagt sie. Daher müsse Platz geschaffen werden, aber: Kurze Hosen, T-Shirts, Sandalen - all die Sommerkleidungsstücke sind noch nicht verkauft.

„Solch eine Saison hatten wir noch nie. Das Wetter hat fatale Auswirkungen auf die Kauflaune. Die Stimmung ist schlecht.“

Cristina Glaeser schätzt die Umsatzverluste auf zirka 20 Prozent. In Marburg sei die Situation besonders drastisch zu spüren. „Die Touristen flanieren nicht durch die Stadt. Das macht sich bemerkbar“.

Und diejenigen, die in die Geschäfte kommen, hätten verständlicherweise keine Lust, farbenfrohe Riemchenkleider oder Zehenstegsandalen anzuprobieren. „Eine Kundin fragte in dieser Woche nach Winter-Stiefeletten. Das beschreibt die Lage ganz gut“, so Glaeser.

Doch in den Lagern finden sich nur noch warme Einzelstücke. Damit diese nun bald wieder mit Wintersachen gefüllt werden können, heißt es jetzt: Alles muss bald raus. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als die aktuelle Mode durch Preisreduktion aus den Läden zu bringen. Im nächsten Sommer wollen wir ja auch neue Ware verkaufen.“

Optimistischer zeigt sich Michael Blöcher-Bach, Filialleiter bei Begro in Marburg. „Wir haben am Freitag die Schilder auf Sommer umgestellt“. Auf den Verkaufsschildern steht jetzt „Sommertrends“.

Umsatzverluste habe das Unternehmen aufgrund des Wetters bisher nicht gemacht, so der Filialleiter. „Denn die Kunden kaufen vermehrt Jacken, Sakkos, Anzüge und Langarmhemden statt Polo-Shirts und Bermudas“. Zuvor habe Begro - untypisch um diese Jahreszeit - für die langärmligen Kleidungsstücke geworben.

Auch wenn Mitte Juli die erste Herbstware in die Geschäfte kommt, werde man - wenn der Sommer kommt - den Kunden auch bis Oktober die Sommerkollektion anbieten. „Wir passen uns und die Werbung an. Und der Sommer kommt bestimmt“.

Ökonomen vermuten unterdessen, dass die - aufgrund des Wetters - gestiegenen Preise für Gemüse Kunden möglicherweise vom Kauf von Textilien abhalten wird.

Die Umsätze mit Bekleidung und Schuhen lagen von Januar bis April 4,3 Prozent unter dem Vorjahr, so der hessische Einzelhandelsverband.

von Carsten Beckmann und Anna Ntemiris

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