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Fahrgemeinschaften statt Busse

Werksverkehr bei Fritz Winter Fahrgemeinschaften statt Busse

Zum 1. April stellt die Firma Fritz Winter ihren firmeneigenen Busverkehr ein. Betroffene Mitarbeiter sind darüber verärgert, das Unternehmen argumentiert dagegen mit Umweltschutz.

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Den „Winter-Bus“ wird es ab April nicht mehr geben. Das Unternehmen stellt den betriebseigenen Verkehr ein.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. „Die Leute sind stinksauer.“ Das berichtet ein anonymer Informant gegenüber der OP. Der Grund: Ihr Arbeitgeber will einen seit vielen Jahren etablierten Service einstellen. Zweimal täglich fahren derzeit noch die Werksbusse der Firma Fritz Winter die Mitarbeiter zur Arbeit.

Nachdem die Linienführung bereits in den vergangenen Jahren verändert wurde, ist am 1. April damit ganz Schluss. Zu wenige Mitarbeiter hätten das Angebot genutzt, erklärt das Unternehmen in einer Mitteilung nach OP-Anfrage. „Da bei Fritz Winter der Umweltgedanke immer höchste Aufmerksamkeit genießt und die Leerfahrten die Umwelt unnötig belasten, hat sich das Unternehmen dazu entschlossen, den Betrieb einzustellen.“

Während die Eisengießerei davon berichtet, dass in den zurückliegenden Jahren „das vorhandene Liniennetz optimiert und auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter angepasst“ worden sei, stellt der Informant diese Anpassung im Gespräch mit der OP anders dar. So seien einige Orte, wie etwa Rauschenberg, „plötzlich rausgestrichen“ worden. Statt ab Frankenberg sei eine der Linien zuletzt nur noch ab Gemünden gefahren.

Mitarbeiter aus Rosenthal oder Frankenberg hätten daher in Langendorf zusteigen müssen. Zudem seien die Abfahrtszeiten nicht auf die Umstellung zum neu eingeführten Vierschichtsystem ausgerichtet worden. „Das heißt andere Arbeitszeiten, aber nicht andere Buszeiten.“ Dadurch sei auch der Rückgang der Fahrgastzahlen erklärbar. „Die Anzahl der unbesetzten Busplätze nahm stetig zu“, erklärt Fritz Winter in seiner Mitteilung.

Parkplatz bereits 
jetzt oft überfüllt

Zum aktuellen Fahrplan gibt das Unternehmen keine Auskunft, nach OP-Informationen fahren derzeit noch drei statt früher fünf Linien – eine aus Gemünden, eine aus Richtung Schwalm und eine vom Marburger Hinterland aus. Die Touren gehen zweimal am Tag – zur Frühschicht mit Ankunft gegen 5.30 Uhr und nachmittags mit Ankunft um 13.30 Uhr. Anschließend jeweils zurück. Zur Nachtschicht müssen die Mitarbeiter selbstständig kommen.

Rund 150 Leute seien von der Streichung der Busse betroffen. „Einige davon haben gar keinen Führerschein und wissen jetzt nicht, wie sie zur Arbeit kommen sollen“, so der Informant. Auf dem Parkplatz, der eine „einzige Matschwüste“ sei, ­würde es künftig noch voller werden.

„Das ist ohnehin schon ein großes Problem – manchmal muss man eine halbe Stunde nach einem Parkplatz suchen“, bestätigt ein Winter-Mitarbeiter, der sich ebenfalls anonym bei der OP gemeldet hat. Er vermutet ein System hinter der Streichung von Linien und Ortschaften, sodass die komplette Abschaffung des Busses nun als Folge von zu wenigen Fahrgästen erscheint. „Wenn man etwas flexibler gewesen wäre, hätte man viel mehr Mitarbeiter mitnehmen können.“ Da einige inzwischen ihre Schichten nicht mehr zur vollen Stunde, sondern jeweils um halb oder Viertel vor begännen, könne der Bus vielfach nicht mehr genutzt werden.

Die Firma möchte dem Parkplatzproblem entgegenwirken, indem sie zukünftig die Bildung von Fahrgemeinschaften innerhalb der Mitarbeiterschaft befördern wolle. „Durch die Einrichtung eines Portals zur Bildung beziehungsweise Findung von Fahrgemeinschaften in unserem Intranet soll den Mitarbeitern eine umweltverträgliche Alternative zu der Nutzung des Busverkehrs angeboten werden“, heißt es.

Winter ist „derzeit auf Kosteneffizienz aus“

Dass das funktionieren kann, kann sich der Mitarbeiter nur schwer vorstellen. „Es ist so ein Durcheinander mit den Schichten, dass das schwer wird“, sagt er. „Wenn, dann funktioniert das nur innerhalb der einzelnen Abteilungen.“ Dass die Einstellung des Betriebes Umweltgründe haben soll, habe er zuvor ohnehin noch nicht gehört. „Uns wurde gesagt, es sind Kostengründe.“

Das bestätigt indirekt auch Rene Müller aus dem Betriebsrat. Fritz Winter sei „derzeit auf Kosteneffizienz aus“. Rund 300.000 Euro könnten durch die Busse eingespart werden. Dennoch sei man sich trotz der aktuellen Streitigkeiten im Betriebsrat dort „im Großen und Ganzen einig, dass es so nicht richtig ist“. Man habe Verständnis für das Argument des Arbeitgebers, dass der finanzielle Aufwand für so wenige Mitarbeiter zu hoch sei.

Doch selbst wenn Mitarbeiter statt der bisher zwei Euro aber mehr für die Fahrten bezahlen müssten, sei das „immer noch günstiger als ein neues Auto“. Daher plädiere man dafür, „das System und die Kosten ein wenig anzupassen“. Als weiteres Unternehmen im Landkreis unterhält auch Ferrero einen Werksbusverkehr. Dieser ist nach Aussagen aus Winter-Kreisen kostenlos.

Einen betriebseigenen Busverkehr gibt es außerdem noch bei den Behringwerken. Allerdings verkehrt dieser nicht für die Beförderung von zu Hause zum Arbeitsplatz, sondern nur zwischen den beiden Standorten in der Emil-von-Behring-Straße und am Görzhäuser Hof. Einen Mitarbeitertransport, vergleichbar mit Fritz Winter oder Ferrero, habe es „ganz früher mal“ gegeben, erklärt Pharmaserv-Geschäftsführer Thomas Janssen. Dies läge aber mehr als 20 Jahre zurück. Gründe für das damalige Aus könne er nicht mehr nennen. Zu dieser Zeit habe er selbst gerade erst im Unternehmen angefangen.

von Peter Gassner

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