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Wenn nach dem Dienst nicht Schluss ist

Erreichbarkeit für den Arbeitgeber Wenn nach dem Dienst nicht Schluss ist

Immer mehr Hetze und immer mehr Druck am ­Arbeitsplatz. Macht die Digitalisierung die Menschen krank? Laut einer Studie fühlt sich jeder achte Arbeitnehmer ­inzwischen überfordert.

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In vielen Jobs kommen Laptop und Smartphone inzwischen auch nach dem Dienstschluss häufig zum Einsatz.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Endlich Feierabend. Doch bevor die heimische Couch lockt, nur nochmal „eben schnell“ in die E-Mails schauen. Ist die wichtige Präsentation endlich da? Kurz darauf klingelt das Smartphone - der Kollege ist dran. Das Meeting morgen früh muss schließlich vorbereitet sein. So, oder so ähnlich, geht es inzwischen vielen Arbeitnehmern. Die digitale Revolution bringt uns viele Annehmlichkeiten. Doch manchmal lässt sie auch die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwinden. Rund um die Uhr erreichbar sein - in vielen Jobs gehört das inzwischen dazu.

13 Prozent der Beschäftigten fühlen sich nach den Ergebnissen einer Umfrage von seiner Arbeitsmenge überfordert. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) klagt über häufigen Termin- und Leistungsdruck, hieß es in dem erstmals vorgelegten Arbeitszeitreport des Bundesamts für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Für die repräsentative Umfrage hatten die Forscher mehr als 20000 Telefoninterviews mit Erwerbstätigen durchgeführt.

Mehr als jeder zweite Beschäftigte klage mittlerweile unter Müdigkeit und Erschöpfung (53 Prozent) oder Rücken- und Kreuzschmerzen (51 Prozent), hieß es. Weit verbreitet seien auch Symptome wie körperliche Erschöpfung (40 Prozent), Schlafstörungen (34 Prozent) oder Niedergeschlagenheit (24 Prozent). Vollzeitbeschäftigte­ arbeiten nach den Ergebnissen der Umfrage im Schnitt 43,5 Stunden pro Woche.

In weiteren Umfragen zu Stressfaktoren am Arbeitsplatz, die von der Techniker-Krankenkasse durchgeführt wurden, gaben 28 Prozent der Menschen an, dass sie es als belastend empfinden, immer erreichbar sein zu müssen. Informationsüberflutung durch E-Mails gaben sogar 39 Prozent als Belastung an. Gerade die neue Technik führt also bei vielen zu dem Gefühl der Überforderung. Auch im Landkreis?

DGB: „Das Phänomen ist größer geworden“

„Ich werde sowieso rund um die Uhr belästigt - das gehört bei uns dazu“, sagt ein DRK-Mitarbeiter der OP bei einer Umfrage in der Marburger Oberstadt. Im Rettungsdienst kann aus nachvollziehbaren Gründen nicht auf feste Feierabendzeiten Rücksicht genommen werden. „Ich werde auch nachts ständig rausgeklingelt“, so der Mann. „Das ist manchmal schon ziemlich belastend.“ In manchen Wochen sei weniger Stress, in anderen sehr viel. „Es gibt Wochen, wo wir auf über 80 Stunden kommen“, sagt er. Sein Rezept, damit der Stress nicht überhand nimmt: „Wenn ich frei habe, habe ich frei - dann mache ich auch mal das Handy aus.“ Nur bei extremen Großeinsätzen stehe er dann zur Verfügung.

Wenn es um Menschenleben geht, ist der Stress kaum zu vermeiden. In anderen Branchen möglicherweise schon. Viele Passanten möchten dazu aber nichts sagen - Kritik an der Arbeitsbelastung käme beim Chef wohl auch selten gut an. Pit Metz, Vorsitzender des DGB-Ortsverbandes aber sagt: „Klar gibt es das Phänomen auch hier.“ Zwar könne er keine Zahlen nennen, aber „die Klagen der Betroffenen sind uns durchaus bekannt“. Das Problem sei in den vergangenen Jahren größer geworden. „Gerade bei befristeten Verträgen.“ Beschäftigte, die auf einen neuen Vertrag hofften, würden besonders ausgenutzt. „Das ist sozusagen doppelte Ausbeutung“, so Metz.

Diensthandys für„bessere Arbeitsabläufe“

Was also sagen die heimischen Arbeitgeber dazu? „Die Mitarbeiter der Sparkasse müssen nach Dienstschluss nicht mehr erreichbar sein. Ausnahmen sind Bereitschaftsdienste wie zum Beispiel bei Hausmeistern“, erklärt Michael Frantz von der Sparkasse Marburg-Biedenkopf.

Diese sorge „mit vielen Maßnahmen dafür, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Familie und Beruf gut miteinander verbinden können und bietet Unterstützung für eine gesunde Work-Life-Balance. Eine Überstundenregelung sorgt dafür, dass Arbeitsspitzen abgefangen und Überstunden zeitnah ausgeglichen werden können.“ Ähnlich äußert sich Volker Husslein vom Pharma­unternehmen GSK: „Aufgebaute Gleitzeitstunden werden in einem „Ampelsystem“ erfasst. Damit stellen wir sicher, dass spätestens in einer Rotphase - das heißt zu viele Gleitzeitstunden sind aufgelaufen - diese Stunden auch auf jeden Fall als Freizeittage genommen werden können“. Diensthandys dienten „vornehmlich der Erreichbarkeit auf Dienstreisen und bei Rufbereitschaften. Es soll die Arbeit und Arbeitsabläufe bestmöglichst erleichtern, wobei die Erreichbarkeit nur ein Aspekt ist“. Durch die Erfassung der Work-Life-Balance könne man Stress entgegensteuern.

Frank Steibli vom Uniklinikum Gießen-Marburg berichtet, dass es Arbeit von zu Hause aus im UKGM fast gar nicht gebe. „Nur sehr wenige“ Mitarbeiter verfügten über Diensthandys beziehungsweise Dienstlaptops. Allerdings werde im Bereich der Ärzte sowie der Techniker ein Rufdienst benötigt. Überstunden müssten laut Tarifvertrag zeitnah abgebaut werden. So habe sich in den vergangenen zehn Jahren „weniger als eine Überstunde pro Jahr und Mitarbeiter“ angesammelt.

Besonders anfällig für das Problem der ständigen Erreichbarkeit ist laut DGB-Vorsitzenden Pit Metz die Dienstleistungsbranche. Maria Lehmann von der DVAG verweist aber auf die Eigenständigkeit der Mitarbeiter. „Die Vermögensberater der DVAG sind selbstständig und ­regeln individuell die eigene ­Erreichbarkeit sowie die Erreichbarkeit des Teams. Es gibt hier unsererseits keine Vorgaben.“

Trotz aller Regelungen bei den Unternehmen, scheint das Problem aber zu existieren - auch in Berufen, von denen man es nicht erwartet. Ein Beamter sagt der OP in der Straßenumfrage: „Bei uns ist das ganz extrem. Zwei bis drei Stunden länger arbeite ich bestimmt pro Woche“. Immerhin: „Zwischen den Jahren wird es etwas ruhiger. Da ist bei uns nicht so viel los.“

von Peter Gassner

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