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Wenn der Boss vom Ross lernt

Management-Seminar Wenn der Boss vom Ross lernt

Weder Zuckerbrot noch Peitsche: Im Umgang mit Pferden schärft sich die ­eigene Selbstwahrnehmung. Wie bewege ich mich, wie führe ich ein 700 Kilo schweres Tier?

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Vorsichtig und zaghaft stellt sich Anna Ntemiris ihrem Trainingspartner vor.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mir ist mulmig. In wenigen Minuten beginnt das pferdegestützte Management-Seminar. Führungskräfte sollen im Umgang mit Pferden Erkenntnisse über Kommunikation und Führungsstil erlernen. In der entspannten Vorbesprechung im Waldschlösschen wird mir bewusst, was ich mir da vorgenommen habe. Ich, die schon als Kind keine Lust auf Ponyreiten und Wendy-Hefte hatte, will nun mit Pferden in Berührung kommen und dabei mein Gespür, meine Körperhaltung, mein Führungsverhalten reflektieren. Mein Bauch meldet Unbehagen.

Zum Glück scheinen die anderen Seminarteilnehmer, Führungskräfte aus ganz Deutschland, offenbar ebenfalls wenig über den Umgang mit Pferden zu wissen. Auch sie sind mehr oder weniger angespannt, stellt sich wenig später heraus. Wir bewegen uns alle auf unbekanntem Terrain. „Die Reithalle ist der Triggerpunkt. Ihr werdet im Umgang mit den Pferden typische Muster von Euch erkennen“, erklärt uns Johanna Friesenhahn. Die 30-jährige Trainerin und Pädagogin hat zum Thema Coaching mit Pferden promoviert und leitet gemeinsam mit Beat Rohr das Seminar in Dagobertshausen, das die Schweizer Firma Sentru anbietet.

Anna Ntemiris führt Dargle und ihre Teampartnerin Johanna Emrich, die ihre Augen verbunden hat.
Die Übung erfordert Feingefühl, Konzentration, Vertrauen und Feedback. Trainer Beat Rohr korrigiert bei Bedarf.

Bevor Rohr (57) die Sentru gründete, war er Geschäftsführer von Nokia Siemens in der Schweiz. Er kennt den Stress von Managern, die typischen Verhaltensmuster von Führungspersonen. „Die Pferde wissen nicht, welche Position, welche Erfahrungen jemand hat“, betont er. Friesenhahn ergänzt: „Pferde sind Flucht- und Herdentiere. Sie haben ein feinsinniges Wahrnehmungsvermögen.“ Im Reitstall lernen wir zunächst unsere Trainingspartner kennen: Poncho und Dargle. Wir dürfen sie grüßen und streicheln.

Die zwei Pferde schnuppern, lassen sich anfassen, wirken freundlich, aber souverän. Wer von den beiden Tieren ist der einfachere Typ, wer lässt sich steuern?, frage ich mich, kann diese Frage aber nicht klären und probiere es daher im Laufe des Nachmittags mit beiden Vierbeinern. Die Trainer erklären, dass sich die Übungen im Lauf des Kurses steigern. Die erste Aufgabe heißt Präsenz und klingt einfach: Wir sollen Poncho und Dargle auffordern, dass sie zwei oder drei Schritte zurückgehen. Einzige Bedingung: Wir dürfen keine Hände dazu benutzen, die rund 700 Kilo schweren Tiere also auch nicht schieben.

Dargle hört einfach nicht auf mein Kommando

Wer von den beiden wird eher auf mich hören? Ich gehe auf Dargle zu, der von Beat Rohr am Strick gehalten wird. Ich schaue dem Pferd freundlich, aber bestimmt in die Augen und sage: „Dargle, geh zurück .“ Er aber denkt nicht daran. Ich wiederhole mich. Bestimmter, aber dennoch mag meine Stimme heute nicht lauter werden, ich klinge so wie ich mich fühle: ein wenig verzweifelt. Es frustriert mich. Dargle rührt sich nicht. Die anderen Teilnehmer kommen nach und nach an die Reihe. Eine Frau schiebt das Pferd zurück. „Das durften wir nicht“, sage ich unüberlegt laut und ärgere mich, dass ich mich akribisch an die Regeln gehalten und daher vielleicht versagt habe.

Unfair sei das, murmele ich vor mich hin. „Genau das ist jetzt interessant: Wer hält sich an die Regeln? Wer aus der Gruppe weist die anderen auf die Regel hin?“, sagt Beat Rohr. Der Ex-Manager beobachtet und spiegelt nicht nur mein Verhalten gegenüber dem Pferd, sondern auch gegenüber meinen Teamkollegen. Warum ging das Pferd nicht zurück?, frage ich mich. War ich zu brav, zu ängstlich? Bin ich womöglich keine Respektsperson? Eine frustrierende erste Aufgabe, die am Ende nicht wie gedacht die einfachste, sondern die schwierigste an diesem Tag gewesen sein sollte.

Die Lösung: Ich hätte mit meinen Füßen zwei, drei Schritte näher an die Beine des Pferdes gehen sollen. Ich hätte ihm nicht nur in die Augen schauen sollen, sondern seinen Raum betreten sollen. Meine Körperhaltung war zu zaghaft, meine fast flehende Aufforderung keine Ansage, erklärt der Trainer. „So wie man denkt, so wirkt man. Das Pferd spürt, dass Sie fragend sind“, erklärt Rohr. Das merke ich mir und so werden die weiteren Übungen nicht schwerer, sondern einfacher. Dargle bekommt jetzt „klare Ansagen“. Beim Führen durch den Parcours halte ich den Strick ­locker – auch das macht jeder Teilnehmer anders, erklärt Friesenhahn. An der „kurzen Leine“ möchte ich Dargle nicht halten, dazu habe ich zu viel Respekt und inzwischen auch Vertrauen.  Das Pferd läuft hinter mir über jedes Hindernis, springt sogar über den Holzstab – das Cavalleti, wie es im Reitsport heißt.

Teamfähigkeit funktioniert

„Gut so“, „Bravo“, „Weiter so“, rufe ich. Anerkennung sei das richtige Mittel, um ein Pferd erfolgreich zu führen, bescheinigen mir später die Seminarleiter. Nur über die Plane mag das Pferd nicht gehen. Es bleibt einfach stehen und lässt nicht mit sich reden. Meine Reaktion – aus dem Bauch heraus: Ich gehe über die Plane, ziehe das Pferd mit dem Strick hinter mir her. Es folgt, wenn auch langsam. Dass die Plane das schwierigste Hindernis für Poncho und Dargle war, erfahren wir ebenfalls erst nach dem Praxisteil. „Hätten wir Ihnen gesagt, dass das schwierig wird, hätte keiner die Aufgabe gelöst. Alle wären gestresst an die Sache herangegangen, die Pferde hätten das gespürt und auf zu viel Druck mit Gegendruck reagiert “ , erklärt Friesenhahn.

Tatsächlich: Jedes Mal, wenn ich mich frage, warum das Pferd so und nicht anders reagiert, passiert nichts. Ein intensives mit Erfolg verbundenes Erlebnis ist zunächst aufregend: Mit verbundenen Augen lasse ich mich von Kursteilnehmerin Johanna Emrich aus Mannheim und dem Pferd durch den Parcours führen. Ich halte mich an der Mähne des Pferdes am Widerrist fest und folge den Schritten und den Drehungen. Umgekehrt geht es auch: Ich führe meine Teampartnerin und das Pferd, das mulmige Bauchgefühl ist längst weg, anstrengend ist es dennoch.

Bei den folgenden Teamübungen sollen wir uns überlegen, wie wir zu dritt das Pferd führen. Kurzum: Uns Frauen wird schnell klar, dass wir zusammen im Gleichschritt gehen. Dazu bedarf es keiner Diskussion. Friesenhahn lacht: typisch bei Frauen. So gehen die Frauen immer, sagt sie. Die andere Gruppe mit zwei Männern im Team führt hierarchisch, wenn auch abwechselnd: Immer geht einer voran. Auf diese Idee wären wir nicht gekommen, sind wir drei Frauen uns einig. Aber auch so geht es voran. Es gibt in dem Fall kein Richtig oder Falsch – wohl aber die Reflexion auf das eigene Handeln.

Stephan Lüdtke, der das Controlling eines Unternehmens leitet, wünscht sich von Beat Rohr ein Erinnerungsfoto von ihm mit dem Pferd auf der Plane. „Ich hatte an dieser Stelle eine persönliche Erkenntnis. Ich bin der Treiber, das Warten fällt mir schwer. Manchmal muss man aber kurz inne halten und sich Zeit nehmen“, sagt er. Das habe er dort gespürt, als das Pferd stoppte.  

„Wenn ich 700 Kilo bewegen kann, kann ich auch 150 Menschen in meinem Unternehmen bewegen“: Solche Sätze sind es, die andere Teilnehmer am Ende als persönliches Fazit wiedergeben, berichtet Rohr. Ich freue mich, dass mir am Ende indirekt Teamfähigkeit bestätigt wird, die Führung gelungen ist. Aber ich kann weniger zaghaft, konzentrierter und fokussierter sein.

von Anna Ntemiris

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